Chinesischer Immobilienriese am Ende: Angst vor Dominoeffekt

In China wächst die Angst vor einer Pleite des Immobilienriesen Evergrande. Der Konzern hat enorme Schulden angehäuft.

Shanghaier Skyline: Der chinesische Immobilienmarkt gilt schon seit Jahren als überhitzt

Shanghaier Skyline: Der chinesische Immobilienmarkt gilt schon seit Jahren als überhitzt Foto: Imago

PEKING taz | Nachdem am Montag rund hundert erboste Kleinanlegerinnen und Kleinanleger die Lobby der Hauptzentrale von Evergrande stürmten und lautstark ihr Geld zurückforderten, installierte das Unternehmen in der südchinesischen Metropole Shenzhen etliche Absperrgitter und Sicherheitskräfte vor dem Haupteingang. Weitere Tumulte möchte der angeschlagene Konzern unter allen Umständen vermeiden.

Spätestens seit vergangenem Mittwoch steht Evergrande, ein schon seit Längerem kriselnder Immobilienriese, in existenzieller Notlage. Die Ratingagentur Fitch setzte die Bonitätsbewertung nämlich auf ein katastrophales „CC“. Es seien Zahlungsausfälle angesichts „knapper Liquidität“ wahrscheinlich, heißt es in der Begründung.

Der extreme Untergang von Evergrande scheint umso spektakulärer, wenn man sich dessen rapiden Aufstieg nur wenige Jahre zuvor anschaut: Der 62-jährige Unternehmensgründer Hui Ka Yan galt zwischenzeitlich als reichster Chinese des Landes, er wurde von der politischen Elite hofiert und hielt schon mal Reden vorm Nationalen Volkskongress. Kein Wunder, sorgte er doch für einen Bauboom sondergleichen, der die chinesische Wirtschaft als grundlegender Motor immer weiter antrieb: In über 280 Städten hat Evergrande mit riesigen Apartmentsiedlungen und Bürotürmen seine steinernen Spuren hinterlassen und ist eines der größten Privatunternehmen in der Volksrepublik. Auch der jetzige Vorstand Xu Jiayin zeigte sich noch im Juli bei der 100-Jahr-Feier der Kommunistischen Partei unter den Zuschauern am Pekinger Tiananmenplatz, um der Rede von Staats- und Parteichef Xi Jinping zu lauschen.

Doch auf die schützende Hand der Regierung kann Evergrande nun nicht mehr zählen. Denn Chinas zweitgrößter Immobilienkonzern steckt massiv in den Miesen. Laut Schätzungen sollen es über 300 Milliarden Dollar sein – oder anders ausgedrückt: ähnlich viel wie die gesamten Staatsschulden Griechenlands. Allein die Firma Skshu Paint wartet auf ausstehende Zahlungen in Höhe von 87 Millionen Dollar.

Too big to fail?

Doch ist der Konzern aus Shenzhen „too big too fail“? Zumindest würde seine Pleite immense Schockwellen durch die gesamte Branche senden, so viel steht fest. Denn wahrscheinlich werden die chinesischen Finanzinstitute auch anderen Großkunden stärker auf die Finger schauen, um nicht auf noch mehr Geldern sitzen zu bleiben. Dementsprechend dürften wohl etliche Konzerne der Baubranche schon bald in Bedrängnis geraten.

Der Immobiliensektor ist vor allem deshalb so erhitzt, weil er von den meisten Chinesen als alternativlos und einzig stabile Wertanlage angesehen wird: Die Währung selbst verliert kontinuierlich durch Inflation an Wert, die Aktienkurse selbst der größten Unternehmen schwanken wie Achterbahnen, und ins Ausland dürfen die Chinesen aufgrund strikter Kapitalverkehrskontrollen nicht investieren. Also parkt jeder, der es sich leisten kann, sein Erspartes in ein Apartment – ganz gleich, ob die Wohndividende verschwindend gering ist, ja sogar im Minus liegt.

Offiziell gibt es in China nach wie vor kein Wohneigentum

Denn offiziell gibt es kein Wohneigentum in der kommunistischen Volksrepublik. Die Immobilien werden nur 70 Jahre lang vom Staat gepachtet. Insbesondere in den großen Ostküstenmetropolen wie Shanghai, Shenzhen oder Peking kostet ein Apartment jedoch oft das Achtzigfache einer Jahresmiete oder mehr. De facto machen die Immobilienbesitzer beim Vermieten sogar Minus.

Welche Folgen diese Mentalität hat, bewies eindrücklich ein Video, welches auf Chinas sozialen Medien viral ging. Es zeigt die Sprengung von 15 riesigen Wohntürmen in der südlichen Provinzhauptstadt Kunming. Über acht Jahre lang standen die Hochhäuser unverputzt in der urbanen Landschaft herum. Der Baufirma ging kurz vor Fertigstellung der Gebäude das Geld aus. Ein ähnliches Schicksal droht nun Evergrande.

Den endgültigen Todesstoß könnte ausgerechnet die eigene Regierung verpasst haben. Denn zu Beginn des Jahres verschärfte der Staat die Schuldengrenze für Unternehmen deutlich. Und erst vor Kurzem erließen die Aufsichtsbehörden quasi ohne Vorwarnung etliche zusätzliche Regulierungen für Unternehmen zur Kreditaufnahme und für den Immobilienkauf. Die Maßnahmen sind sicher gut gemeint, ja sogar notwendig. Doch wie so oft erfolgten sie unangekündigt über Nacht. Viele Beobachter sprechen daher von einem einmaligen Schock, dessen Folgen noch nicht abzusehen sind.

Der Markt reagierte jedenfalls wenig überraschend. Am Montag fielen die Evergrande-Aktien um satte 6 Prozent, am Dienstag brachen die Kurse an der Börse in Hongkong gar um mehr als 10 Prozent ein. Immer wahrscheinlicher ist das Szenario vorstellbar, dass die Regierung schon bald eingreifen und den Konzern zerschlagen wird, um eine marktweite Panikstimmung zu verhindern. Andernfalls könnte Evergrande schlussendlich noch zum chinesischen Pendant der Lehman Brothers werden.

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