Kommentar: Chancengleichheit kommt in der Gesamtschule zu spät
Es ist schon erstaunlich, wie altbacken die aktuelle Bildungsdiskussion geführt wird. Alles müsste anders gedacht werden: Die Neurobiologen haben in den letzten Jahren entscheidende Erkenntnisse gewonnen, wie sich unser Gehirn entwickelt. Kurz gesagt: Wenn die Gesamtschule beginnt – ab einem Alter von zehn Jahren – entwickelt sich da nicht mehr viel.
Wer die intellektuelle Leistungsfähigkeit der Kinder fördern will, muss gucken, was vorher passiert. In der Zeit vor dem Kindergarten-Alter ist die Entwicklung des Gehirns am rasantesten. Im Kita-Alter werden wesentliche intellektuelle Weichen gestellt. Wer das begreift, muss Ausbildung und Bezahlung der Erzieherinnen sofort radikal verbessern. Nichts davon passiert.
In der Grundschule gibt es – endlich! – ein bisschen Englisch. Fremdsprachen lernt man vor dem zehnten Lebensjahr erheblich leichter. Natürlich ist Baden-Württemberg längst weiter. Nachdem die Chancen in den ersten Lebensjahren ungleich verteilt sind, ist es völlig lächerlich, große Reden über „Chancengleichheit“ zu führen.
Und: Intellektuelle Fähigkeiten, die im frühen kindlichen Alter nicht gefordert werden, sterben ab, sagen uns die Gerhirnforscher. „Fördern“ ohne fordern gibt es nicht.
Klaus Wolschner
Gemeinsam für freie Presse
Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Dank Ihnen haben wir nun die 50.000 erreicht. So viele unterstützen freiwillig und regelmäßig. Noch nicht dabei? Werden Sie jetzt Teil der Community! Jetzt unterstützen