CDU-Politiker über katholische Kirche: „Der Klerus vertreibt Gläubige“

Will die katholische Kirche sich retten, muss sie sich ändern, glaubt der Bremer Carl Kau. Er hat die Umfrage „Katholischer Klartext“ gestartet.

Eine Engelsfigur über einem Beichtstuhl hält eine Tafel mit dem Buß-Psalm "Ich will meine Missethat anzeigen"

Eine Engelsfigur über einem Beichtstuhl hält eine Tafel mit dem Buß-Psalm Foto: David Ebener/dpa

taz: Herr Kau, die katholische Kirche steht nicht erst seit gestern in der Kritik. Wann haben Sie beschlossen, etwas zu unternehmen?

Carl Kau: Es gibt mehrere Gründe für Frustration. Der Klerus, der zurzeit das Sagen hat, ist in vielen Dingen so wirklichkeitsfern, dass er die Gläubigen regelrecht vertreibt. Vor einiger Zeit gab es beispielsweise in Bremen in St. Johann eine Befragung unter Katholiken, die sämtliche Themen, die uns momentan beschäftigen, einfach ausgeklammert hat. Dort wird dann nach Gottesdienstzeiten und ähnlich Banalem gefragt. Aber das, was viele bewegt und aufregt, kam gar nicht zur Sprache. Aber all dem ging voraus, dass ich selbst an Feiertagen meine Kinder nicht mehr dazu bringe, mit uns in die Kirche zu gehen.

Warum nicht?

Weil sie die Kirche ablehnen. Ihnen kommt die Kirche rückwärtsgewandt vor.

Es ist also nicht nur Desinteresse, sondern Ablehnung?

Nach all den Dingen, die in den letzten Jahren passiert sind, ja.

Sie sprechen von den Missbrauchsfällen?

Ja, das spielt auch eine Rolle. Junge Eltern wollen ihre Kinder nicht in die Kirche geben, weil sie Angst um sie haben. Und natürlich schreckt die jungen Leute auch ab, wenn Homosexuelle als Sünder bezeichnet werden und dergleichen. Heute ist man toleranter und bereit, mehr Diversität zu akzeptieren, die die Kirche nach wie vor verurteilt.

Und was kann Ihre Umfrage unter dem Namen „Katholischer Klartext“ da tun?

Das Ziel ist, der schweigenden Mehrheit der Katholiken eine Stimme zu verschaffen. Wir wollen Meinungen und ein Stimmungsbild insbesondere zu den kritischen Punkten erfragen und so erfahren, wie die Mehrheit darüber denkt. Es gibt sonst keine Befragungen in der katholischen Kirche. Wir möchten, dass die Mitmachenden sich frei und – wenn sie möchten – auch anonym äußern können.

66, saß bis 2015 sechs Jahre lang für die CDU in der Bremischen Bürgerschaft und ist Katholik. Im März gründete er die Online-Plattform Katholischer-Klartext.de. Dort können Interessierte über Reformvorschläge für die katholische Kirche abstimmen.

Was passiert mit den Ergebnissen?

Die Ergebnisse werden wir zur Herbstkonferenz der Deutschen Bischöfe in Fulda überreichen. Das ist Ende September. Parallel wollen wir sie auch dem Vatikan zukommen lassen, denn viele Entscheidungen werden nicht in Deutschland gefällt, sondern in Rom.

Derzeit kann je­de*r auf der Website abstimmen – egal ob diese Person selbst Ka­tho­li­k*in ist oder nicht. Ist das nicht hinderlich?

Nein, das ist sogar so gewollt. Man kann zu verschiedenen Themen – egal ob es zum Fußball, zur Politik oder zu anderen Dingen ist, eine Meinung haben. Und Institutionen und Vereine, die so in der Öffentlichkeit stehen, müssen sich gefallen lassen, dass Menschen sich zu ihnen eine Meinung bilden und sie auch äußern. Hinzu kommt, dass die katholische Kirche Ärgernisse produziert hat, die Menschen im ganzen Land beschäftigen. Der Missbrauch beispielsweise ist so ein Thema, das nicht vor religiösen Grenzen Halt macht. Das gleiche gilt für die Frage, ob Homosexualität als Sünde bezeichnet oder die Segnung homosexueller Paare verboten wird. Deshalb muss es erlaubt sein, dass auch Nichtmitglieder mit abstimmen.

Aber die katholische Kirche ist doch kein Verein.

Die Kirche ist hauptsächlich eine Glaubensgemeinschaft. Aber sie ist auch eine hierarchische Organisation, die Oberhäupter ernennt und mit dem Geld ihrer Mitglieder arbeitet. Und damit muss sie sich am Ende eben auch modernen Fragen stellen.

Braucht es für den Glauben denn überhaupt noch die Institution Kirche?

Das ist eine berechtigte Frage. Ich denke, der weltweiten Kommunikation wegen und auch für die Frage, wofür wir stehen und was wir glauben, braucht es eine Organisationsform. Aber die muss frei sein von Diskriminierung und kann – zum Beispiel – nicht auf Dauer Frauen ausschließen, Homosexuelle verurteilen, finanzielle Geheimniskrämerei betreiben und reformunfähig bleiben.

Aber Sie kritisieren die Kirche ja selbst stark. Warum ist diese Institution für Gläubige wichtig?

Das christliche Gebot geht über den bloßen Glauben hinaus. Es wird tätige Nächstenliebe erwartet. Das heißt: sich um andere kümmern, um die Schwachen, Kranken und Armen. Und das braucht Gemeinschaft. Danach sehnen sich die Menschen auch. Wenn man das in einer vernünftigen und zeitgemäßen Form betreibt, glaube ich schon, dass Kirche Zukunft haben kann.

Glauben Sie, dass Katholischer Klartext von der Kirche wahrgenommen werden wird?

Ich denke ja. Ich habe das Ziel, mit der Umfrage eine Million Menschen zu erreichen. Das wären ungefähr fünf Prozent der katholischen Kirchenmitglieder. Mit den Ergebnissen könnte man insbesondere die reformwilligen Mitglieder des Klerus unterstützen. Hinzu kommt, dass es derzeit massive Austrittswellen gibt; in Köln sind alle Termine bis Juni ausgebucht. Langfristig wird die Kirche umdenken müssen – auch weil ihr sehr viel Geld verloren geht. Und gerade beim Thema Frauen hat sich in der Vergangenheit doch immer wieder gezeigt: Am Ende wird es darauf hinauslaufen, dass Frauen ihre Plätze in allen Bereichen einnehmen. Auch die katholische Kirche wird das auf Dauer nicht verweigern können.

Sie sprechen Probleme an – wie beispielsweise das Zölibat oder dass Frauen nicht auf die Kanzel dürfen –, die es in der evangelischen Kirche nicht gibt. Dennoch gibt es auch dort massiv Mitgliederschwund. Warum glauben Sie, sind Reformen die Lösung?

Ja, es gibt eine abnehmende Glaubensbindung. Es lässt sich nicht leugnen, dass viele Menschen zu den Glaubensinhalten keinen Zugang mehr haben. Aber in der katholischen Kirche wird all das noch dadurch verschlimmert, dass die Boten des Glaubens ein so schlechtes Image haben, dass ihnen die Menschen auch in Glaubensfragen nicht mehr zuhören.

In einigen Kritikpunkten überschneidet sich Katholischer Klartext mit der Initiative Maria 2.0, die 2019 von katholischen Frauen gegründet wurde. Böte sich nicht eine gemeinsame Sache an?

Absolut, wir sind bereits miteinander vernetzt. Der Themenkomplex, der sich auf unserer Website mit dem Thema Gleichberechtigung auseinandersetzt, wurde von Maria-2.0-Mitgliedern verfasst. Maria 2.0 bezeichnet sich selbst aber als Graswurzelbewegung, wir wiederum wollen mit den Zahlen aus unserer Umfrage argumentieren.

Sie fordern, aus der Kirche zeitweise auszutreten, um den Protest zu unterstreichen. Sind sie denn selbst noch Mitglied?

Ich rufe nicht dazu auf. Wir fragen, ob die Leute im Zweifel dazu bereit wären, wenn sich nichts ändern sollte. Ich selbst bin nach wie vor Kirchenmitglied, auch aus Protest. Weil ich sage: Ich will mich vom Klerus nicht aus meiner religiösen Heimat vertreiben lassen.

Die Welt ändert sich in einem rasanten Tempo. Kann die katholische Kirche als riesengroße, alte Institution da wirklich mithalten?

Ja. Allein mit dem Element der Vergebung, dem Versprechen auf ein Leben nach dem Tod und dem Prinzip der Nächstenliebe, hätte die Kirche doch schon mal ein zeitloses Pfund, mit dem sie wuchern könnte. Sie muss aber von dem zwischenzeitlich ausgetrampelten Irrweg abkehren und sich in manchen Dingen moderner geben. Es geht nicht darum, immer jede gesellschaftliche Entwicklung sofort aufzugreifen, aber insgesamt einen Weg einzuschlagen, der zeitgemäß ist.

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