Buchanmerkungen von Harald Welzer : Die Bedrohung begreifen
Der taz-FUTURZWEI-Herausgeber stellt Klassiker vor, die zum Verständnis beitragen, in welch gefährlicher Lage sich Demokratie und Rechtsstaat befinden.
taz FUTURZWEI | Anmerkung der Redaktion: Welzer liest gerade keine aktuellen Bücher, sondern pflegt aus psychohygienischen Gründen Weltflucht mit Thomas Mann. Aber aus diesem Mangel an aktueller Literaturkritik macht er eine Tugend, indem er auf Titel hinweist, die zwar schon älter sind, aber zum Verständnis dessen beitragen, in welch eminent gefährlicher Lage sich Demokratie und Rechtsstaat auch in Europa und Deutschland befinden.
Harald Welzer, Jahrgang 1958, ist Sozialpsychologe und Mitherausgeber des Magazins für Zukunft und Politik taz FUTURZWEI.
ERVING GOFFMAN: Stigma
Stigma ist eine Untersuchung darüber, wie Gesellschaften Kategorien schaffen, die ihre Mitglieder erfüllen zu müssen glauben. Wenn sie das nach den herrschenden kulturellen Standards nicht können, weil sie die falsche Hautfarbe, die falsche sexuelle Orientierung, eine körperliche oder eine psychische Besonderheit haben, sind sie stigmatisiert – gezeichnet als Menschen, die gegenüber den Unversehrten einen Makel haben.
Dieser Makel kann jederzeit gegen sie verwendet werden, und die damit verbundene Beschädigung ihrer Identität kann schon deshalb nur schwer bewältigt werden, weil die Betroffenen selbst auf paradoxe Weise die Sicht derer teilen, die sie diskriminieren: „die aus der Gesellschaft im Großen einverleibten Standards (rüsten sie) mit der intimen Gewissheit dessen aus, was andere als ihre Fehler sehen.“ Daraus resultiert Scham. Und daraus wiederum die Chance der Beschämung, die den Nicht-Stigmatisierten Macht über die verleiht, die ein Stigma tragen. Stigmatisierung ist, mit anderen Worten, ein Herrschaftsmittel.
Wir hatten gedacht, es mit der offenen Gesellschaft entschärft zu haben. Das war ein Irrtum.
ERVING GOFFMAN: Stigma. Über Techniken der Bewältigung beschädigter Identität. Ersterscheinung 1963 – Suhrkamp, 192 Seiten, 20 Euro TEST
ERICH FROMM: Die Furcht vor der Freiheit
Eine interessante Frage: Wie erkennt man, wann eine gesellschaftliche Entwicklung so abschüssig wird, dass man als potenzielles Opfer besser das Land verlässt? Für das Frankfurter Institut für Sozialforschung, marxistisch ausgerichtet und an einer kritischen Theorie der Gesellschaft orientiert, kam dieser Moment der Erkenntnis in den frühen 1930er-Jahren, als Erich Fromm eine Studie zum politischen Bewusstsein von Arbeitern und Angestellten auswertete und mit Schrecken feststellte, dass faschistisches Denken und Handeln auch bei jenen anschlussfähig war, die sich selbst für „links“ hielten.
Die Studie von Erich Fromm, erst ein halbes Jahrhundert später unter dem Titel Arbeiter und Angestellte am Vorabend des Dritten Reiches publiziert, ist wohl die einzige Studie der Wissenschaftsgeschichte, deren Ergebnisse ihren Urhebern unmittelbar nützlich war: Umgehend transferierte man das Institutsvermögen in die USA, wohin die Mitarbeiter, unter ihnen Max Horkheimer, Theodor W. Adorno und eben Erich Fromm, emigrierten. Rechtzeitig.
Der Befund, wie schnell die Mitglieder einer modernen, freien Gesellschaft ihre Einstellungen und Überzeugungen wechseln können und wie sie den Weg in ihre eigene Unfreiheit begrüßen und aktiv beschreiten, hat etwas zutiefst Beunruhigendes. Das war, was mir beim Lesen von Erich Fromms Angst vor der Freiheit, im Original 1941 erschienen, den Groschen fallen ließ, als ich es im Studium las: Freiheit ist nicht etwas, was Menschen automatisch als positiv empfinden, denn sie bedeutet ja immer: selbst wahrnehmen, nachdenken, entscheiden, Verantwortung übernehmen.
Unfreiheit dagegen bedeutet: Andere deuten und entscheiden für mich, und damit ist man eben die Belastung der Verantwortung los. Deshalb fällt die Zustimmung zur Unfreiheit und die Revision der eigenen Überzeugungen und Haltungen regelmäßig so freudig und radikal aus. Entlastet von der Freiheit hat man es leichter mit sich und seiner Dummheit und darf unbestraft unmenschlich sein.
ERICH FROMM: Die Furcht vor der Freiheit. Ersterscheinung 1941 – dtv, 240 Seiten, 12,90 Euro
NORBERT ELIAS UND JOHN SCOTSON: Etablierte und Außenseiter
Am Beispiel einer britischen Industriegemeinde, die insbesondere durch den Zuzug von Londoner Ausgebombten im Zweiten Weltkrieg neue Bewohnerinnen und Bewohner bekommt, untersuchen Elias und Scotson die alltäglichen Abgrenzungen und Diskriminierungen, mit denen die Alteingesessenen die Neuen ab- und ihre Eigengruppe aufwerten.
Die Mechanismen kommen einem bekannt vor, weil sie heute noch dieselben sind wie vor mehr als einem halben Jahrhundert: Für die etablierte Gruppe gelten ihre herausragenden Mitglieder als repräsentativ, für die Außenseitergruppe die „schlechtesten“, also etwa kriminelle Mitglieder. Objektive Lebensumstände der Außenseiter werden nicht in Rechnung gestellt, ihr Verhalten wird essenziell auf die negativen Eigenschaften ihrer Gruppe zurückgeführt. Und das bestätigt zirkulär die Zuschreibung jener negativen Merkmale, die die Etablierten der Gruppe der Außenseiter pauschal geben.
Eine gewinnbringende Lektüre auch für Lars Klingbeil und die anderen sozialdemokratischen Beschämer von Bürgergeld-, Entschuldigung, Grundsicherungsempfängern.
NORBERT ELIAS UND JOHN SCOTSON: Etablierte und Außenseiter. Ersterscheinung 1965 – Suhrkamp, 324 Seiten, 14 Euro
🐾 Lesen Sie weiter: Dieser Text erschien zuerst in der Ausgabe N°35 unseres Magazins taz FUTURZWEI mit dem Titelthema „Das Wohnzimmer der Gesellschaft“ – erhältlich im taz Shop.