Buch über Antonio Gramsci: Der italienische Marx

Eine Einführung des Berliner Soziologen und Dramatikers Johannes Bellermann in das Denken des Philosophen Antonio Gramsci.

Ein Gemälde des Politikers und marxistischen Philosophen Antonio Gramsci beim Gramsci Monument, einer Kunstinstallation des Schweizer Künstlers Thomas Hirschhorn in New York 2013.

Gemälde des marxistischen Philosophen Antonio Gramsci beim Gramsci-Monument in New York Foto: dpa

Für die nächsten zwanzig Jahre müssen wir verhindern, dass dieses Gehirn funktioniert.“ Kurzfristig hatte der Staatsanwalt, der im Mai 1928 Antonio Gramsci vor einem Sondergericht im faschistischen Italien Mussolinis anklagte, Erfolg. Der italienische Kommunist wanderte zwar ins Gefängnis und starb dort 1937. Doch in diesen neun Jahren skizzierte er trotz schwerer Krankheit und restriktiver Haftbedingungen politische Kategorien, deren Wirkmacht ungebrochen ist.

Von der „Hegemonie“ bis zur „Zivilgesellschaft“ – im politischen Diskurs heute wimmelt es nur so von Begriffen, die Gramscis legendären „Gefängnisheften“ entlehnt sind.

Meist werden sie jedoch aus dem Zusammenhang gerissen oder machttaktisch instrumentalisiert. Mit neuen Deutungen Gramscis wartet der Berliner Soziologe und Dramatiker Johannes Bellermann in seiner Einführung in Gramscis Denken, Leben und Rezeption nicht auf.

Kenntnisreich zeichnet er nach, wann und wie Gramsci seine Theorien und Begriffe entwickelte: Integraler Staat, Organischer Intellektueller oder die „Superstruktur“ (das Analogon zu Marx’ Überbau). So erfüllt sein Band gleichsam exemplarisch das Ziel des Verlages, mit seiner vor elf Jahren aufgelegten „theorie.org“-Reihe „einen Einstieg in zentrale Themen linker Theorie“ zu bieten.

Johannes Bellermann: „Gramscis politisches Denken. Eine Einführung“. Schmetterling Verlag, Stuttgart 2021, 216 S., 12 Euro

„Hegemonie“ von Lenin

Bellermann geht nüchtern und kritisch vor. Er erinnert daran, dass dessen Begriffe, heute zu universalen Schablonen geronnen, vor dem Hintergrund der italienischen Geschichte des 19. Jahrhunderts entstanden. Oder er weist darauf hin, dass viele von Gramscis Ideen auf denen von Zeitgenossen aufbauten. Den Zentralbegriff „Hegemonie“ etwa übernahm er von dem Philosophen Georgi Plechanow und von Lenin.

Das Zauberwort hatte in den achtziger Jahren der damalige SPD-Geschäftsführer Peter Glotz bei dem Versuch ausgegraben, seiner Partei „neue Mehrheiten“ zu organisieren. Heute bekennt sich ein Mann wie Björn Höcke offensiv zu Antonio Gramscis Konzept, mit den Begriffen das Denken und schließlich den Staat zu prägen.

Wenn Gramsci, wie Bellermann ausführt, die „nazional-populare“ Kultur gegen die kosmopolitische Elite in Stellung brachte, markiert er eine Schnittstelle zu Argumentationsfiguren wie sie die Linken-Politikerin Sarah Wagenknecht aufgreift. Doch nur weil die Neue Rechte sich heute auf Gramsci beruft und seine Idee der kulturellen Hegemonie als „Meta­politik“ übersetzt, ist das kein Grund, den unorthodoxen Marxisten ad acta zu legen.

Diese Querfront sollte Linke veranlassen, den „kulturellen Faktor“ selbst ernster zu nehmen. Die kulturelle Praxis ist eine Keimzelle der Ideologien. Sie gehen jeder „Ordine Nuovo“ voraus. Bellermann enthält sich jeder Bewertung. Wenn er am Ende davon spricht, dass dessen Vision einer selbstbestimmten, partizipativen Gesellschaft und Wirtschaft „Aufgabe unserer Zeit“ sei, sollte sie hier ansetzen.

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