Buch „Rabauken“ von Jan Koslowski: Laisser-faire beim Discounter

Regisseur Jan Koslowski beschreibt in seinem Prosadebüt „Rabauken“ eine nur zum Schein bourgeoise Berliner Boheme – der es manchmal am Geld fehlt.

Eine Tasse Espresso und ein Glas Wasser von oben fotografiert

Am nötigen Kleingeld für den zweiten morgendlichen Espresso mangelt es den „Rabauken“ manchmal Foto: Andrej Safaric/imago

„Rabauken“, das Prosadebüt von Jan Koslowski, ist nicht engagiert, heißt es schon seitens des Verlags, dafür aber eine „Liebeserklärung und ein literarischer Tagtraum“ – und Letzterer muss ja eigentlich erst mal nichts, außer angenehm und schön sein.

Und so beginnt Koslowskis Erzählung angenehm, schön und weich mit einer Schlummerphase – der sechsten – seines Protagonisten Yusuf, der sich mit geschlossenen Augen der geometrischen Figuren auf der Bettwäsche zu erinnern versucht. Geometrische Figuren in ausgewaschenen Primärfarben sind es, und die Bettwäsche ist nicht seine, sondern bereits dagewesen in einem Zimmer an einem unbekannten Ort, an dem Yusuf eine undefinierte Zeitspanne verbringt.

Darüber hinaus passiert gar nicht mal so viel bei den Rabauken, die Koslowski da ersonnen hat. Neben Yusuf sind es Pepe, Clara, Pauline und Thibault, die viel trinken und gut essen, sich mit nach Lavendel duftender Seife und holzig-pfeffrigem Parfum umgeben und mit Sportwägen über mediterrane Promenaden fahren.

Etwaige Mode- und Markenreferenzen erinnern an Christian Krachts „Faserland“, wie etwa eine Anekdote, in der Yusuf einen Pepita-Rapport-Schal von Isabel Marant mitgehen lässt.

Hedonismus trifft auf Geldmangel

Doch wo Krachts namenlose Hauptfigur mit seinem Geld nur so um sich schmeißt, ja, die identitätsstiftende Barbourjacke gar verbrennt, gehören Yusuf und seine Freun­d*in­nen nur zum Schein einer bourgeoisen Boheme an. Den nötigen Look haben sie, auch frönen sie dem hedonistischen Lebensstil, wo sie nur können, nur am nötigen Kleingeld mangelt es ab und an. So kann sich Yusuf den zweiten morgendlichen Espresso im Café nicht immer leisten, geschweige denn das Ticket für eine längere Zugfahrt.

Jan Koslowski: „Rabauken“. Korbinian Verlag, Berlin 2021, 135 Seiten, 20 Euro

Diese Geldknappheit wird hier allerdings nicht als Problem dargestellt, das die Betroffenen zu nicht erwähnenswerten Einkäufen beim Discounter zwingt. Nein, diese neue Generation der Bobos scheint durchzukommen, in dem sie, ja, was eigentlich tut?

So recht schlau wird man nicht aus dem Alltag dieser jungen Menschen – jung müssen sie sein, um eine so volatile Lebenseinstellung zwischen Laisser-faire und dolce far niente noch für erstrebenswert zu halten.

Die Zelebrierung von Einkäufen organischer Lebensmittel – „eine Bergamotte, ein regionaler Senf, welcher den Namen einer fernen Stadt trägt, eine kleine Flasche Birnenessig, […] Tofu aus dem Schwarzwald, zwei Flaschen Roséwein aus dem Land der Salzwiesen der rosa Vögel und der weißen Pferde“ – klingt beinahe schon unangenehm prätentiös.

Keine heteronormativen Grenzen

Versöhnlich stimmt hier eine nicht klar deklarierte, aber mitschwingende Fluidität, wenn es um die Beziehungen zwischen den Ak­teu­r*in­nen geht. Diese orientiert sich, anders als noch bei Kracht und seiner Autor*innengeneration, nicht mehr an heteronormativen Grenzen.

Vermarktet wird Koslowskis Prosaband als „Novella“, das Buch grenzt sich damit ab von allzu klaren Definitionen. Die Erzählung, die keine wirkliche Stringenz verfolgt, wird immer wieder unterbrochen; mal von kurzen Gedichten und von drehbuchartigen Dialogen etwa, die an Koslowskis bisherige Tätigkeit als Regisseur und Schauspieler erinnern.

Gemeinsam mit 60 befreundeten Künst­le­r*in­nen organisierte er ver­gan­ge­nen Sommer die „Festspiele am Plötzensee“ – ein Kultur­festi­val im Berliner Wedding; am Bade­strand und – auch wegen Corona – unter freiem Himmel. Einen ­seiner Künstlerkollegen hat Koslowski auch in das „Rabauken“-Projekt miteinbezogen und so zieren nicht nur das Cover, sondern mittendrin Illustrationen des Künstlers Janes Haid-Schmallenberg die Seiten. Schon ihretwegen lohnt ein Blick in dieses Buch.

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