Bremer Trickfilmerin Jule Körperich: Kackekringel aus Ton

Die Bremerin Jule Körperich macht altmodische Animationsfilme über Polizeigewalt und Wohngemeinschaften – und ist eigentlich Anwältin.

Ein Trickfilm-Mann umarmt einen Trickfilm-Hund

Beste Freunde? Mann und Hund im Kurzfilm „Ein Haufen Glück“ Foto: Jule Körperich

BREMEN taz | Gilt Inspiration gern als Mysterium, sind die Quellen künstlerischen Schaffens im Fall von Jule Körperich geradezu offensichtlich: So wurde die Bremer Videokünstlerin vor zwei Jahren Mutter – und nun spielen Ausscheidungen eine zentrale Rolle in ihrem Leben.

Babykacke, Pisse, Pupser und Kotze haben ihren Horizont sogar erweitert: Als Körperichs Partner und Vater der kleinen Luzie, der Musiker Gregor Hennig, an einem Album mit „Kackliedern“ zu arbeiten begann, Pardon: roch sie ein Thema für ihren nächsten Film. „Ein Haufen Glück“ nun basiert auf einem von Hennigs Liedern und handelt von einem Hund, der gern ein neues Herrchen hätte. Einen älteren Herrn versucht er aber ausgerechnet dadurch für sich zu gewinnen, dass er täglich einen Haufen vor dessen Wohnungstür hinterlässt.

Eine wuschelige Promenadenmischung, ein traurig blickender alter Mann und viele Hundehaufen sind die Hauptdarsteller in dem Kurzfilm – und wer nett ist zu Jule Körperich, der bekommt einen der vielen winzigen Kackkringel, die sie aus Ton geformt und bemalt hat, in Plastik verpackt geschenkt. „Ein Tütchen Shit“, sagt sie dazu.

Körperich macht Animationsfilme, und zwar schön altmodisch mit kleinen Puppen, winzigen Kulissen und im Stop-Motion-Verfahren. Das bedeutet viel Arbeit, allein, zu Hause – Corona war also hierbei nicht hinderlich, eher im Gegenteil. Ohne die Pandemie hätte Körperich wohl kaum in einem halben Jahr diesen zehn Minuten langen Film animieren können. Nun ist er fertig, muss nur noch vertont werden und wird dann ab Mai bei Festivals eingereicht – da wird es dann allerdings wegen Corona wieder schwieriger.

Als Anwältin „nicht glücklich, nur reich“

Von Videokunst kann man nicht leben, Körperichs interessanter Lebensentwurf sichert ihr sowohl künstlerische Freiheit wie auch ein ausreichendes Einkommen: Sie ist Juristin, war bis vor Kurzem in einer angesehenen Bremer Anwaltssozietät auf Teilzeitbasis angestellt; inzwischen hat sie sich als Anwältin selbstständig gemacht. In Bremen steht sie damit in einer guten Tradition: Auch der renommierte linke Anwalt Heinrich Hannover wurde als Autor von Kinderbüchern berühmt.

Jule Körperich wurde nach dem Jurastudium Anwältin, merkte aber bald, dass sie so „nicht glücklich, sondern nur reich“ werden könnte. Als über 30-Jährige kündigte sie also einen gut bezahlten Job und begann an der Bremer Hochschule für Künste zu studieren. Dort bastelte sie eine Reihe von wilden Videoarbeiten zusammen. Ihr erster Film hatte 2010 den immer noch – oder wieder – provokanten Titel „ACAB“. Darin wird ein VW-Bully nach einer wilden Verfolgungsjagd von den damals als „Wannen“ bekannten Polizeibussen im Knast, einem Vogelkäfig, unter Drogen gesetzt und vergewaltigt. Es folgte „Plan B für Block A“: Die Polizei muss bei einer Anti-Atomkraft-Demo ihre Wasserwerfer statt auf die De­mons­tran­t*in­nen auf den Atomreaktor richten – der nämlich gerade explodiert ist.

Damals traf Jule Körperich auf den Kameramann und Filmeditor Markus Wustmann, mit dem sie auch heute noch zusammenarbeitet. In ihrem Atelier findet sich aber keine einzige Kamera, kein Schnittplatz und nicht mal ein Mikrofon – dafür umso mehr Puppen, Requisiten und Guckkastenbühnen.

Talent für kleine Erzählkosmen

Körperichs Talent ist das Entwerfen von – und Basteln an – kleinen Erzählkosmen. Das Schreiben eines Drehbuchs ist nicht ihre Stärke – und so hat „Ein Haufen Glück“ deutliche Längen. Bei ihrem bisher größten Projekt, dem knapp vier Minuten langen „Cohabit“, hat sie aus dieser Schwäche das Konzept für ein Filmexperiment gemacht: Geplant hatte sie einen Film mit dem Titel „Madame Nimm“, in dem Körperich ihre traumatischen Erfahrungen in einer Bremer WG verarbeiten wollte, die durch eine Mitbewohnerin gesprengt wurde. Dafür baute sie eine winzige Version der Wohnung nach, die durch Körperichs liebevolle Detailtreue begeistert. So liegen auch wenige Zentimeter große taz-Ausgaben auf dem Wohnzimmertisch und auf dem Klo.

Aber die Geschichte von der bösen Mitbewohnerin, der die ehemaligen WG-Genoss*innen die Stimme gaben, funktionierte nicht; aus Rache lässt sich vielleicht nur selten gute Kunst machen. So veröffentlichte Körperich „Cohabit“ dann online ohne Tonspur – und lud Künst­le­r*in­nen dazu ein, sich den Film anzueignen durch eine eigene Vertonung. Das Ergebnis sind 17 verschiedene Versionen des Films, abgeliefert von Musiker*innen, Klangkünstler*innen, Päd­ago­g*in­nen und Improvisator*innen, die 2015 im Bremer Kunstmuseum Weserburg ausgestellt und dann auf einer DVD veröffentlicht wurden.

Kurios ist, dass sich dabei die beiden Professionen von Jule Körperich sozusagen in die Quere kamen: Eine reine Künstlerin wäre vielleicht nicht auf die Idee gekommen, dass die Rechteverwertungsgesellschaft Gema etwas mit solchen Vertonungen zu tun haben könnte. Doch als Anwältin wollte sie die Sache rechtlich wasserdicht machen, meldete ihr Projekt also bei der Gema an – und bekam prompt Schwierigkeiten, denn sie hatte einen Präzedenzfall geschaffen.

Diese erst mal ärgerlichen Erfahrungen – neben vielen Stunden Arbeit musste sie am Ende auch noch 190 Euro aufbringen – zahlten sich auf lange Sicht aus, könnte man sagen: So hat Jule Körperich ihre Nische gefunden. Inzwischen arbeitet sie selbstständig als Anwältin für Copyright- und Medienrecht. Und hat etwa einen Fall bearbeitet, in dem es darum ging. Darf man Filmaufnahmen veröffentlichen, wenn darauf ein Mensch erkennbar ist, der während des ersten Lockdowns Klopapier hortete? So schließt sich der Kreis: schon wieder Körperfunktionen und ihre Folgen.

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