Brasiliens WM-Kader: Dungas deutsche Tugenden
Der brasilianische Nationaltrainer Dunga stellte Dienstag die Fußballmannschaft vor, die zur WM nach Südafrika fliegt. Die Fußballfans reagierten mit Spott und Empörung.
Bild: reuters
PORTO ALEGRE taz | Wie hältst du´s mit Dunga? Mit anderen Worten: Wie schön sollte Fußball sein? Das sind die Fragen, die die brasilianischen Fans derzeit umtreiben. Als gestern der 23er-Kader der Seleção für die WM in Südafrika über die Bildschirme flimmerte, hielten Millonen den Atem an. Umsonst: Die Jungstars Neymar (18) und Paulo Henrique Ganso (20) vom FC Santos, die in den letzten Monaten zusammen mit Robinho die Fußballnation verzückt hatten, fehlten.
Auch Ronaldinho Gaúcho, der seinen Absturz bei der WM 2006 erst Jahre später überwand, wurde von Dunga ignoriert.
Der Nationalcoach ließ sich in seiner 80-minütigen Pressekonferenz lang und breit über "Kohärenz", "Engagement" und "das Vaterland" aus. Torjäger Adriano muss wegen diverser Eskapaden zu Hause bleiben.
"Mein Herz hat mir eine Sache gesagt," erklärte Dunga, "der Verstand, weswegen ich unser Land vertrete, eine andere".
Tor: Julio César (Inter Mailand), Gomes (Tottenham Hotspur), Doni (AS Rom)
Abwehr: Maicon (Inter Mailand), Dani Alves (FC Barcelona), Gilberto (Cruzeiro Belo Horizonte), Michel Bastos (Olympique Lyon), Juan (AS Rom), Lúcio (Inter Mailand), Luisão (Benfica Lissabon), Thiago Silva (AC Mailand)
Mittelfeld: Gilberto Silva (Panathinaikos Athen), Felipe Melo (Juventus Turin), Josué (VfL Wolfsburg), Kléberson (Flamengo), Elano (Galatasaray Istanbul), Ramires (Benfica Lissabon), Kaká (Real Madrid), Júlio Baptista (AS Rom)
Angriff: Luís Fabiano (FC Sevilla), Nilmar (FC Villarreal), Robinho (FC Santos), Grafite (VfL Wolfsburg)
Stattdessen berief er den Wolfsburger Grafite, den er beim letzten Freundschaftsspiel gegen Irland eingewechselt hatte: "Es gibt Spieler, die spielen fünf Minuten und nutzen ihre Chance".
Die Twittergemeinde hatte vor allem Hohn und Empörung für ihn übrig. "Hat wirklich jemand einem Zwerg zugetraut, ein großes Team aufzustellen?" hieß es da. Die meisten Follower bekam ein Spötter namens "Dungaburro" (Dunga-Esel).
"Ich habe ein Experiment vor", kündigte die Kolumnistin Barbara Gancia von der Folha de São Paulo an, "ich werde versuchen, den Argentiniern die Daumen zu drücken, das macht viel mehr Spaß".
Ihr Kollege Juca Kfouri bleibt cooler. Auch er vermisst bei Dungas Männern Glanz und Kreativität – denn ob Regisseur Kaká nach einer durchwachsenen Saison bei Real Madrid wieder zu alter Form auflaufen kann, ist noch völlig offen. Wenn nicht, drohe eine Wiederholung von 1994, "ein Mittelfeld der Arbeit", meint Kfouri: "Genausowenig wie die USA wird Afrika unsere Wurzeln sehen. Wir werden leiden, aber hie ein 1:0, da noch eins, dann ein Sieg im Elfmeterschießen, und auf einmal sind wir Weltmeister".
Übrigens: Der Kapitän der Seleção hieß damals Dunga.
In seiner Heimatstadt Porto Alegre ist der Mann der deutschen Tugenden genauso umstritten wie im übrigen Brasilien. Seine Aversion gegen Ronaldinho gehe auf das Lokalderby Gre-Nal im Jahr 1999 zurück, weiß man hier. Damals gewann Ronaldinhos Grêmio gegen Dungas Inter das Endspiel der Regionalmeisterschaft mit 1:0, und der heutige Nationaltrainer sah dabei zweimal ziemlich alt aus:
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