Brände im Amazonas-Regenwald

Stiefel statt Statistik

Im vergangenen Jahr brannte es im Amazonas-Regenwald. Die Arte-Doku „S.O.S. Amazonas – Apokalypse im Regenwald“ geht den Hintergründen nach.

Porträt eines Indigenen

Ureinwohner vom Stamm der Uru-Eu-Wau-Wau im Amazonas Foto: Leandro Langoni/Arte

Es brennen gerade die Wälder Australiens. Und es schwant den Menschen, dass der Klimawandel und die vom australischen Kohle-Premier verteidigte Energiepolitik des Landes etwas damit zu tun haben könnte.

Im vergangenen Jahr waren es die Wälder Amazoniens, die brannten. Und es überraschte nicht wirklich, dass der bereits als frauen- und schwulenfeindlich, rassistisch bekannte neue brasilianische Präsident, Jair Bolsonaro, die Partei der menschlichen Brandstifter ergriff. Der buchstäblichen Brandstifter.

„Brandrodung ist Alltag am Amazonas. Denn es geht um viel mehr als die Umwelt. Es geht um Besitz und Profit, es geht um Grund und Boden“, weiß der Autor des Films „S.O.S. Amazonas“, Albert Knechtel, zu berichten: „Nur mit Hilfe des Agro-Business hat Bolsonaro die Wahl gewonnen. Jetzt soll und muss er liefern.“

Bolsonaro selbst hat er offenbar nicht zu einem Interview bewegen können und muss sich stattdessen mit einer Auswahl dessen irrer TV-Auftritte aus dem Archiv begnügen. Es bleibt bei drei (alten, weißen) Ranchern, deren gegen ausländische NGOs ausgestoßene Schimpftiraden als notdürftiges Feigenblatt journalistischer Ausgewogenheit kaum taugen.

Größter Soja-Exporteur der Welt

Man tritt Knechtel, der schon oft in Brasilien gefilmt hat, nicht zu nahe, wenn man sagt, er halte mit seinen Sympathien nicht eben hinter dem Berg. Mit seiner Antipathie gegen den gelernten Fallschirmjäger im Präsidentenamt auch nicht: „Stiefel statt Statistik: Das ist die Umgebung, in der sich Bolsonaro am wohlsten fühlt.“

Fakten dagegen führen in Knechtels Film die ökonomische Bedeutung des Regenwaldes vor Augen: „Brasilien ist mit mehr als 83 Millionen Tonnen der größte Soja-Exporteur der Welt“, heißt es. Oder: „Übrigens hat die Regierung Bolsonaro seit ihrem Amtsantritt im Januar mehr als 400 Pestizide genehmigt.“ Zugleich habe ein katholisches Missionswerk im Jahr 2018 „135 Morde an Indigenen“ gezählt: „Tendenz steigend.“

Die großen Viehzüchter und Sojaproduzenten brennen den Wald ab und nehmen das Land in Besitz. Sie rauben der Welt ihren wichtigsten CO2-Speicher und den Indios und Kleinbauern ihre unmittelbare Lebensgrundlage. Wenn sie sie nicht auch noch umbringen. „Das ist die Handschrift des weißen Mannes“, kommentiert Knechtel. „Aber auch das Gesetz hat eine Farbe. Und die ist: Weiß.“

Dabei hat er doch zuvor Girolamo Treccani, Professor für Agrarrecht an der Universität Belém, erklären lassen: „Artikel 231 der Verfassung von 1988 erkennt die Rechte der indigenen Völker an. Da gibt es gar keine Diskussion! Also ist die Weigerung der aktuellen Regierung, weiterhin indigene Gebiete anzuerkennen, ein direkter Verfassungsbruch.“ Das Problem scheint also weniger das Gesetz zu sein als dessen Durchsetzung.

Wer ist verantwortlich?

So martialisch die brasilianische Polizei in den Favelas von Rio und São Paulo auftritt – so abwesend ist sie in den Weiten Amazoniens. Wo, in Knechtels Bildern, die verzweifelten Indios zu Pfeil und Bogen greifen, während die Rancher ihren Wohlstand ausgelassen feiern: mit Bergen von Fleisch, auf Anwesen mit Pool und allem Komfort.

Nicht nur sie tragen aber Verantwortung. „Bei der Rinderzucht entstehen eine Menge Treibhausgase. Unser Fleischkonsum trägt also zum Klimawandel bei.“ Der Tofu-Konsum auch. „Warum eigentlich ist abgeholzter Wald mehr wert als ein intakter Urwald?“, fragt Knechtel. Und lässt den Forstingenieur Tasso Azevedo einen Lösungsweg skizzieren, der der globalen Bedeutung des Amazonas-Regenwaldes Rechnung trägt: „Pro Barrel Rohöl ein Dollar als Abgabe für den Erhalt der Regenwälder und das Speichern des CO2.“

„S.O.S. Amazonas – Apokalypse im Regenwald“, 21.45 Uhr, Arte

Aber hoppla, da müssten wir ja in die eigene Tasche greifen. Obwohl es doch einfacher, das heißt: billiger ist, sich über einen zündelnden Präsidenten auf der anderen Seite des Atlantiks zu empören.

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