Susanne Knaul über unerwünschte Kritik an Israels Siedlungspolitik: Boykottieren verboten
Wer vorhat, irgendwann das Heilige Land zu besuchen, der sollte fortan vermeiden, demonstrativ keine Produkte aus den Siedlungen im Westjordanland zu kaufen. Denn der offensichtliche Boykott könnte ein Einreiseverbot nach sich ziehen: Künftig darf Israel nur noch besuchen, wer mit allem, auch mit der Besatzung im Westjordanland, einverstanden ist oder wenigstens die Klappe hält. Kritik wird nicht länger geduldet.
Jahrzehntelang galt Israel mit Recht als ein Land, in dem die Meinungs- und Informationsfreiheit ganz groß geschrieben wird. Nicht ohne Grund drängeln sich die Korrespondentinnen und Korrespondenten in Jerusalem, selbst wenn die spektakulären Geschichten in den Nachbarländern stattfinden.
Mit Benjamin Netanjahu an der Spitze der Regierung und mit seiner jetzigen nationalistisch-religiösen Koalition rückt das gesamte Land aber wie von Zauberhand schrittweise nach rechts. Die Siedler sind inzwischen salonfähig, und wer die Besatzung ablehnt, gilt als radikaler Linker.
Es ist kein schleichender Prozess mehr, mit dem sich Israel von der Demokratie verabschiedet. Die Angst geht um unter Regimegegnern, Menschenrechts- und Friedensaktivisten. Noch sitzen nur die hinter Gittern, die aus Gewissensgründen den Armeedienst verweigern. Das ist schon schlimm genug.
Ein jüdisches und demokratisches Israel wollte Staatsgründer David Ben-Gurion, und sogar Netanjahu redet bis heute davon. Doch die laute Mehrheit scheut die Konfrontation mit den Andersdenkenden. Man will sie nicht hören. Wer sich um Israel sorgt, sollte jetzt gerade zum Boykott der Siedlungen aufrufen und gegen das Besatzungsregime protestieren, das dem palästinensischen Volk seit einem halben Jahrhundert die Selbstbestimmung verwehrt.
Jetzt klein beizugeben, käme einem Aufgeben gleich und zwar beider Staaten: Palästinas und Israels.
Umverteilung gegen rechts
Die taz schreibt, redet und diskutiert für Pluralismus und eine freie, offene Gesellschaft – besonders jetzt, wo der Rechtsextremismus weiter erstarkt und demokratische Institutionen angreift. Dort wo rechtsextreme Kräfte an Zustimmung gewinnen, wächst auch die Befürchtung vor zunehmenden Angriffen und Diffamierungen gegen Gegner*innen extrem rechter Politik. Besonders selbstverwaltete Orte spüren diesen Druck, dabei brauchen wir gerade jetzt Orte der Kritik, (Sub)Kultur und der Solidarität. Gerade jetzt müssen wir zusammenhalten und uns solidarisch mit denjenigen zeigen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit „Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen