Böhmermann im Interview mit der „Zeit“

Zeit Magazin Royale

Weder größenwahnsinnig noch weinerlich: Dem Moderator gelingt das Kunststück, seine Inszenierung unter Kontrolle zu halten.

Porträt Böhmermann

Jan Böhmermann macht jetzt sogar noch die „Zeit“ zur Unterabteilung Foto: dpa

BERLIN taz | Da ist es nun: Das erste öffentliche Gespräch mit Jan Böhmermann nachdem sein Beitrag über den türkischen Präsidenten Erdoğan und die Kunst- und Meinungsfreiheit – kurz: Schmähgedicht – eine mittelschwere Staatskrise ausgelöst hat. Obwohl, ein richtiges Gespräch ist es dann doch nicht: Das Interview mit der Zeit wurde schriftlich geführt.

Dabei wirkt es so, als sei nicht in einem Chat (also quasi in Echtzeit) miteinander geschnackt, sondern als sei Böhmermann schlicht ein Fragenkatalog geschickt worden, sodass seine später eingefügten Antworten und die vorher festgelegten Anschlussfragen teilweise so zusammenhanglos sind, dass es absurd komisch ist.

Die Mainzer Staatsanwaltschaft lässt noch offen, ob sie das „Zeit“-Interview des Satirikers Jan Böhmermann über sein Schmähgedicht in die Ermittlungen wegen möglicher Beleidigung einbezieht. Generell könnten aber auch Äußerungen von Beschuldigten oder anderen Personen herangezogen, die außerhalb eines Verfahrens abgegeben werden, erklärte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft am Mittwoch auf Anfrage. Die Justizbehörde habe den Inhalt des Interviews noch nicht untersucht. (dpa)

Wie so viele in der jüngsten Vergangenheit hat sich Böhmermann für sein erstes Interview Die Zeit ausgesucht. In dem Beicht-, Buß- und Betmedium durften zuletzt schon Karl-Theodor zu Guttenberg („Es steht völlig außer Frage, dass ich einen auch für mich selbst ungeheuerlichen Fehler begangen habe“) und Uli Hoeneß („Ja, ich bereue das, unendlich“) länglich ihre entschuldigende Sicht auf die Dinge darlegen. Aber niemand nutzte die Bühne so konsequent für die Fortführung der eigenen Inszenierung wie Böhmermann. Er hat sein „Neo Magazin Royale“ in die Zeit geschleust.

Und so wirkt das vorher von der Hamburger Wochenzeitung veröffentlichte Zitat („Die Bundeskanzlerin darf nicht wackeln, wenn es um Freiheit und Menschenrechte geht. Doch stattdessen hat sie mich filetiert, einem nervenkranken Despoten zum Tee serviert und einen deutschen Ai Weiwei aus mir gemacht“) im Kontext des gesamten Interviews weniger größenwahnsinnig oder weinerlich, als eher wie die Antwort eines Satirikers, der sich halt der Mittel bedient, die einen Satiriker ausmachen: Humor, Überhöhung, Biss.

Bewusst verletzend?

Dabei lässt Böhmermann allerdings keinen Zweifel daran, was er davon hält, dass die Kanzlerin verlauten ließ, dass sie sein Gedicht als „bewusst verletzend“ empfunden hätte – und das auch dem türkischen Ministerpräsidenten Davutoglu so mitgeteilt hatte: „Hat die Bundeskanzlerin eigentlich die ganze Nummer gesehen oder nur das zusammengeschnittene Gedicht bei Bild.de? Und wo wir gerade bei ungefragten persönlichen Geschmacksurteilen wären: Ich finde das apfelgrüne Kostümoberteil sowie das lilafarbene Samtsakko der Bundeskanzlerin ‚bewusst verletzend‘.“

Dennoch hat sich jemand anderes viel schlimmer verhalten als die Kanzlerin:

Die Zeit: „Gibt es jemanden, der Sie in den vergangenen Wochen besonders enttäuscht hat?“

Jan Böhmermann: „Der Lieferservice von Rewe.“

Das fasst das Interview ganz gut zusammen. Die Show kann weitergehen. Die nächsten Auftritte: Das „Neo Magazin Royale“ (Die Rückkehr des Königs) am 12. Mai bei ZDF Neo sowie in absehbarer Zeit ein Prozess: Böhmermann vs. Erdoğan. Oder – wie der Moderator es zusammenfasst – „Witz gegen Bundesregierung. Ich bin gespannt, wer zuletzt lacht.“

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