Bildungsabschlüsse für Sinti-Kinder: Wider die Angst der Eltern

Auch wenn der Schulweg nur kurz ist: Dass Kinder aus dem Kieler Sinti-Wohnprojekt Maro Temm in die Fröbel-Grundschule gehen, ist keine Selbstverständlichkeit.

Wünschen sich, dass die Kinder, die sie betreuen, am Ende die Schule schaffen: Jolanda Wiegand und Dajana Kreutz. Foto: Esther Geißlinger

KIEL taz | Deutschstunde in der dritten Klasse: Durch die Fenster fällt blasses Sonnenlicht, im Raum beugen Kinder sich über die Aufgabe, die Gerd Kleine-Bley ihnen gegeben hat, Klassenlehrer und Leiter der Fröbel-Schule. Jolanda Jermanina Wiegand setzt sich zu Favino und Melino, die sich einen Tisch im hinteren Teil des Klassenzimmers teilen. Die Jungen sprechen leise miteinander, aber auch wenn sie es lauter täten, würden viele in Raum wohl nur ein paar Worte verstehen: Favino und Melino sprechen die Sprache der Sinti, ihre Muttersprache.

Favino, der mit zweitem Namen „Arnold“ heißt, ist neun Jahre alt. Melino, Zweitname „Emil“, ist acht. Im Vergleich zu ihren Klassenkameraden, die auf ihren Stühlen hin und her rutschen, lachen und reden, sind die beiden eher still. Dass sie überhaupt da sind, im Unterricht mitmachen - daran haben Jolanda Wiegand und Dajana Kreutz mitgewirkt. Die beiden sind „Bildungsberaterinnen“, und manchmal, sagen sie, fühle sich ihre Aufgabe noch wie ein kleines Wunder an.

13 Reihenhäuser, unterschiedlich große und im Niedrigenergie-Standard gebaut, drum herum freies Land: "Maro Temm - unser Platz", heißt das bundesweit erste Sinti-Wohnprojekt.

13 Familien, rund 50 Menschen, leben seit 2007 auf einem Grundstück am Südrand des Kieler Stadtteils Gaarden - nicht eben am schönsten Ort der Landeshauptstadt: Straßen, Schienen und Gewerbehallen bilden die Nachbarschaft.

Der Landesverband deutscher Sinti und Roma e. V. hatte zuvor viele Bedenken auszuräumen: Von "sieben zum Teil sehr schwierigen und aufreibenden Jahren, in denen interne und externe Schwierigkeiten und Probleme verantwortlich gelöst werden mussten", spricht er im Internet.

Die Wohnungsgenossenschaft der Sinti eG gründete sich 2002/03 und ist bis heute Trägerin der Siedlung. Ab 2005 beteiligte sich die Wankendorfer Baugenossenschaft für S-H eG fachlich an dem Projekt.

Sie wohnen selbst in der Siedlung „Maro Temm“ am Rand von Kiel-Gaarden, gar nicht weit weg von der Fröbel-Schule. Viele, die dort leben, haben keine Arbeit - auch weil Schulabschlüsse fehlen. Jolanda Wiegand, 24, erinnert sich noch gut an ihre eigene Schulzeit: „Ich habe gern gelernt, und ich bin eigentlich auch meist da gewesen.“ Dazu habe eine Lehrerin beigetragen, die sich als Mentorin um sie gekümmert habe und um ihre Geschwister, ihre Cousinen und Cousins. Wiegand schloss die Schule ab, absolvierte eine Hotelfachlehre. „Aber manche fehlten oft“, erinnert sie sich. Nicht aus bösem Willen oder Faulheit, sondern aus Angst.

Es ist eine Angst, mit der sich viele Eltern in der Siedlung tragen: davor, dass ein Kind auf dem Schulweg verschwindet; vor Entführern, vor Unfällen. „Ich bin auch Vater, ich kenne das“, sagt Schulleiter Kleine-Bley. „Aber nicht in diesem Ausmaß.“ Wiegand und Kreutz zucken mit den Schultern: Ist halt so.

Ein Blick in die Geschichte erklärt diese Angst vielleicht zum Teil: Seit über 600 Jahren leben Sinti in Schleswig-Holstein - eine Lübecker Urkunde von 1417 erwähnte erstmals „Zigeuner“, die sich angesiedelt hatten. Aber nicht mal 600 Jahre gemeinsamer Geschichte haben es geschafft, die Gräben zwischen der Minderheit und der Mehrheit ganz zu schließen: „Viele denken, wir kommen wie die Roma aus Rumänien“, sagt Dajana Kreutz, „dabei verstehen wir nicht mal deren Sprache, nur ein paar Wörter klingen wie unsere. Wir leben schon immer hier, Deutschland ist unser Land.“

Dieses Land macht es ihnen nicht eben leicht: Weil die Frauen mit ihrem dunklen Teint auffallen, gibt es immer wieder von ganz alltäglichem Rassismus zu berichten. Und gerade in Wahlkampfzeiten hängen da plötzlich Aufkleber und Hetzplakate von ganz Rechts. Das hält Erinnerungen wach: Dajana Kreutz Großvater war im KZ, ebenso wie Jolanda Wiegands Großmutter. Beide haben überlebt - aber rund 400 Angehörige der Minderheit aus Schleswig-Holstein starben in den Vernichtungslagern.

„Das Thema ist lebendig, unsere Kinder interessiert das“, sagt Kreutz. Auch ihr Sohn frage danach. „Alle Sinti-Kinder wissen, was der Holocaust ist“, sagt auch Kleine-Bley. Dennoch: So ganz erklärt auch das nicht die Angst der Eltern von Maro Temm. Es gab schon Mütter, die den ganzen Vormittag im Flur vor dem Klassenraum verbrachten und auf ihre Kinder warteten. Auch ist es ganz normal, dass Väter ihre Kinder abholen kommen, obwohl der Weg nach Hause nur kurz ist. Sinti-Kinder gehen als Gruppe zur Schule - und manchmal gehen sie auch gar nicht.

In einem Film über Maro Temm sagt der Landesvorsitzende des Verbandes der Sinti und Roma, Matthäus Weiss, das mit dem Schwänzen liege oft an den Eltern: „Wenn die Kinder sagen, au, mir tut was weh, müssen sie nicht zur Schule. Sicher, wenn ein Kind krank ist, ist es krank. Aber dann muss man auch zum Arzt und es nicht einfach daheim lassen.“

„Die Eltern wissen, dass wir hier sind, also können sie ihre Kinder mit einem guten Gefühl in die Schule schicken“, erklärt Dajana Kreutz. Die 25-Jährige ist selbst Mutter, ihr Sohn ist sieben. Sie hatte keine Berufsausbildung, bis sie von jenem Kurs erfuhr, der sie zur Bildungsberaterin qualifizierte. Sie habe, sagt sie, „diesem Projekt alles zu verdanken“.

Zwei Jahre dauerte der Kurs. Einmal wöchentlich gab es einen Theorietag an einer Kieler Schule, bei der die Teilnehmenden, fast durchweg Frauen, etwas über kindliche Entwicklung erfuhren, übers Lernen und über Krankheiten. Bei Praktika und Praxistagen schauten sie sich Schulen und Unterricht an. Schon da arbeiteten beide Frauen tageweise an der Fröbel-Schule. Als sie dann richtig anfingen, seien sie einfach ins Lehrerzimmer gegangen und gleich akzeptiert worden, sagt Wiegand: „Inzwischen kennen uns alle und freuen sich, wenn wir da sind.“

Richtig toll finden Melino und Favino die Schule trotzdem nicht. Lieber wären sie zuhause, Filme gucken oder Spiele spielen, sagen sie. Anfangs musste zumindest eine der beiden Bildungsberaterinnen ständig in ihrer Nähe sein, inzwischen können die Jungs auch allein bleiben - das ist ein Erfolg.

Die Jungen finden ihre Beraterinnen wenigstens nett: „Wir können mit ihnen in unserer Sprache reden“, sagt Melino. Zuhause sprächen sie nur Romanes, erzählen sie. Nur bei den Hausaufgaben, die sie im Wohnwagen erledigen, benutzten sie wieder die Schulsprache - Deutsch.

Der Wohnwagen ist so eine Art Gemeinschaftstreff in Maro Temm. In der Siedlung - entstanden mit viel Eigenbeteiligung der Sinti, aber auch politischer und finanzieller Hilfe der Stadt Kiel und des Landes Schleswig-Holstein -, könnten die Sinti ihre Kultur pflegen, sagen Wiegand und Kreutz. Dazu gehöre, dass keine Tür verschlossen sei, dass immer Essen für unangemeldete Gäste auf dem Herd stehe, dass die Kinder gemeinsam tobten.

Eine Festanstellung bedeutet das Bildungsberaterinnen-Projekt noch nicht, aber die Aussichten auf Verlängerung sind gut: Lars Harms, Landtagsabgeordneter der mitregierenden Minderheitenpartei SSW, hat vor Kurzem Maro Temm besucht und den Einsatz der Frauen gelobt: „Genau diese seit Jahren erfolgreiche Arbeit wollen wir mit zusätzlichen Geldern unterstützen.“ 300.000 Euro mehr soll der Verband von der Landesregierung bekommen; er kümmert sich nicht nur um die örtlichen Sinti, sondern auch um die Roma, die zurzeit vor allem aus Osteuropa nach Schleswig-Holstein kommen.

Jolanda Wiegand und Dajana Kreutz wünschen sich, dass die Kinder, die sie betreuen, die Schule abschließen. Das gelte auch für ihren eigenen Sohn, sagt Kreutz: „Er soll mich mit meiner Ausbildung und Arbeit als Vorbild sehen.“ In die Kita hat sie ihn nicht gebracht. Schwierig genug sei es gewesen, ihn während der Ausbildung allein lassen zu müssen - das heißt in der Obhut ihrer Familie. Aber wenn der Junge nach den Ferien in die erste Klasse kommt, wird sich Wiegand um ihn kümmern. Das ist bereits abgemacht.

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