Bildende Künstlerin über die Nacht: „Es gibt verschiedene Arten der Dunkelheit“
Die Hamburger Künstlerin Gesa Troch ist in der Performancereihe „Night Shifts“ als Nachtwächterin unterwegs.
Foto: Fabian Hammerl
taz: Gesa Troch, was soll ein kollektives Abendritual bezwecken?
Gesa Troch: Es geht darum, etwas, bei dem man sonst allein ist, als Performance in der Gruppe zu erleben. Für „Night Shifts“ widmen wir uns als Nachtwächterinnen in acht verschiedenen Performances dem Thema Dunkelheit. Dabei kamen wir auch auf das Thema des Schlafes. Einschlafen ist ein Übergang, eine Art Verwandlung, die Angst machen kann. Als Kind hatte ich immer Angst vor dem Moment, allein in den Zustand des Schlafens zu gehen. Dann wurde mir vorgelesen, die Decke festgestopft und manchmal gab es noch ein Lied.
taz: Was machen Sie heute vor dem Einschlafen?
Troch: Tja, das habe ich mich im Hinblick auf unsere Performance auch gefragt. Mir ist aufgefallen, dass ich, abgesehen vom Gesichtswaschen und der Zahnhygiene, keine festen Rituale habe. Manchmal trinke ich einen Tee oder mache mir Notizen für den nächsten Tag. Eigentlich ist es schade, dass dieser Moment im Alltag oft untergeht. Dabei ist die Nacht beziehungsweise die Dunkelheit etwas sehr Besonderes.
taz: Was fasziniert Sie an der Dunkelheit?
Troch: Die Ambivalenz. Einerseits habe ich tolle Erinnerungen an die ersten Übernachtungspartys und Nächte, die ich durchgemacht habe. Ich liebe die Zeit, in der ich ungestört arbeiten kann. Auf der anderen Seite ist die Dunkelheit ein Angstthema. Die Angst vor dem Dunkeln als Kind und die Schutzlosigkeit vieler Menschen, vor allem weiblich oder queer gelesener Personen oder Menschen, die nicht nach Hause gehen können. Um im Dunkeln Sicherheit zu geben, braucht man andere Menschen. So sind wir für „Night Shifts“ auf die Rolle der Nachtwächterinnen gekommen.
taz: Wie sieht das aus, wenn Sie als Nachtwächterinnen unterwegs sind?
Troch: Während unserer Veranstaltungen sind wir drei Nachtwächterinnen: Rosanna Graf, Lisa Klosterkötter und ich. Wir tragen Hüte, die ein bisschen wie Hexenhüte aussehen, und wir haben kleine Laternen. Die Figuren erfüllen die Rolle von sicherheitsgebenden Gastgeberinnen und zeigen den Besucher:innen an dem jeweiligen Ort, den wir bespielen, den Weg durch die Dunkelheit. Die Gruppen sind sehr bunt. Es kommen viele Menschen aus der Kunst- und Kulturszene, aber auch aus der Nachbarschaft und interessierte Hamburger:innen.
taz: Wie reagieren die Menschen auf der Straße darauf?
Troch: Die meisten Menschen reagieren sehr positiv, und zeigen sich neugierig und/oder amüsiert. Auf der Reeperbahn an einem Samstagabend kam es ein Mal zu etwas irritierenden Kommentaren. Insgesamt war es aber ein toller Abend. Wir haben parallel drei Orte bespielt: Im Pornokino Sexy Angel hatte die Künstlerin Simone Karl in den Kabinen ausgestellt, in einem Nebenzimmer der Karaokebar Tawan Daeng konnte man eine Performance von Jemima Rose Dean besuchen und im Keller vom Kiosk Mittenmang gab es eine geheime Katzenbar von den Künstler:innen Jil Lahr und Janis von Rhoden.
taz: Haben Sie Angst im Dunkeln?
Troch: Ein bisschen schwingt das immer mit. Aber weniger als früher. Mit dem Älterwerden fühle ich mich von Männern weniger angegangen. Aber auf unbelebten Straßen, klar. Es gibt verschiedene Arten der Dunkelheit. Unter einem Sternenhimmel zu liegen, hat etwas Beruhigendes und Geborgenes. Der Mond macht auch viel aus. Und die Dunkelheit verändert sich über das Jahr. Deshalb sind unsere Performances auch über das ganze Jahr verteilt. Bei der vorletzten Ausgabe von „Night Shifts“ waren wir um die Sommersonnenwende im Moor unterwegs. Da wurde es fast gar nicht Dunkel.
„Night Shifts“: am 10. Oktober um 18.30 Uhr an der S-Bahn-Haltestelle Königstraße (Ausgang Behnstraße). Weitere Termine am 21. November und 12. Dezember.
taz: Werden Sie nächstes Jahr wieder als Nachtwächterinnen unterwegs sein?
Troch: Aktuell ist nichts Festes geplant, das kommt leider auch immer darauf an, ob man Förderung bekommt. Aber bis Ende des Jahres sind wir ja noch dreimal unterwegs.
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