die stimme der kritik: Betr.: Was Singles lesen müssen
IM KÜHLSCHRANK BRENNT IMMER EIN LICHT
Es muss am Frühling liegen: Singles sind prima, Singles sind ’ne Wucht. Zumindest für Stadtmagazine und Monatszeitschriften, die im April durchweg mit Titelgeschichten, Reports und Extras über Singles aufwarteten. Neues kam dabei nicht unbedingt rum. Mal wurde das Hohelied auf das Singledasein gesungen, dann wieder Leid geklagt: Singles leben frei und selbst bestimmt, brauchen mehr Geld, haben mehr Geld, sind einsam, sterben früher, essen gern Radieschen, trinken Prosecco, joggen hier, sonnenbaden dort.
Ganz schlimm aber scheint es um die Lektüre der Singles bestellt zu sein. Der Spiegel kürte Houellebecqs „Elementarteilchen“ zur (männlichen?) Singles-Fibel. Was einigermaßen in Ordnung geht. Bei der Single-Bücher-Liste der Frauenzeitschrift Allegra aber kam Mitleid mit den weiblichen Singles auf: Titel wie „Champagner, News und Liebesträume“, „So toll kann doch kein Mann sein“ oder „Schwanger macht lustig“ standen da in den Top Ten. Bye-bye Feminismus, bye-bye Postfeminismus! Erkundigt man sich aber nach den Verkaufszahlen, hört das Mitleid schnell wieder auf: Genannte Titel sind zwischen 20.000- und 100.000-mal verkauft worden. Zum Vergleich: Elke Naters, Liebling von Bild der Frau, im letzten Herbst aber auch Enkeltochter von Günter Grass auf dem Cover des Spiegels, verkaufte ihr Buch „Lügen“ bisher 9.000-mal.
Allegra wie eine nachträgliche Entschuldigung: Diesmal prangt auf dem Titelblatt „Guter Lesestoff!“, und den empfehlen in einem Special „junge“ deutsche Autoren wie Tim Staffel oder Franz Dobler. In derselben Ausgabe bekommen die Singles, die keine Singles mehr sein möchten, Tipps, „wie man die große Liebe erkennt und spannend hält“. Alles wird also doch gut und prima. Wenn aber die große Liebe nicht kommt und die gute Literatur auch nichts hilft, dann bietet natürlich ein Buch der Autorin Hilla Janssen ersten Trost und Letzte Ölungen: „Im Kühlschrank brennt immer ein Licht“ heißt das. Und Radieschen und Prosecco finden sich dann bestimmt auch. GERRIT BARTELS
Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Unser nächstes Ziel: 50.000 – wir brauchen nur noch 290 Freiwillige, dann haben wir es geschafft! Setzen Sie jetzt ein Zeichen für die taz und machen Sie mit. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen