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Betr.: El Silencio

El Silencio wird er genannt: der Stille. Er ist einer, der in seiner Maraclique hohes Ansehen genießt, denn er war für ein paar Jahre in den Vereinigten Staaten. Er redet eine fließende Mischung aus Spanisch und Englisch und erzählt wilde Geschichten. Dass Geflunkertes und Wahrheit durcheinander geraten, mag daran liegen, dass er mit rot unterlaufenen Augen zum Gespräch kommt. „El Silencio“ hat immer irgendwelche Drogen im Blut.

Er kennt sich in Los Angeles aus. „Dort geht es viel härter ab als hier. Bei Auseinandersetzungen werden dort nur Schusswaffen benutzt. Hier verwendet man alles, sogar Steine. Dort kann es schnell passieren, dass sie dich umlegen. In jedem Häuserblock regiert eine andere Mara.“ Hundert junge Männer seien in seiner Clique gewesen. Fünfzehn davon seien in vier Jahren umgebracht worden. Er selbst kam während dieser Zeit ins Gefängnis. „Ich hatte Arbeit gefunden in einer Fabrik. Aber da waren auch ein paar von einer anderen Mara. Ich hab mir einen gegriffen und zugestochen.“

Gegen eine Kaution kam er wieder auf freien Fuß. Bezahlt haben „ein paar Latinos, und für die hab‘ ich dann Crack verkauft, kiloweise.“ So lange, bis er wieder geschnappt wurde. Diesmal blieb er zwei Jahre lang im Knast, dann wurde er nach El Salvador abgeschoben. Heute findet man El Silencio in der Nähe der Endstation einer Buslinie in Villa Mariona, einem Vorort San Salvadors. In einer Straße, durch die alle paar Minuten ein Bus knattert und eine Rußfahne zurücklässt. Ein Zuhause hat er nicht. Aber Arbeit. Der Bürgermeister lässt ein paar Mara-Mitglieder Randsteine an den Straßen reparieren. Acht Stunden am Tag für rund acht Mark. Das Geld braucht er dringend. „Ich habe drei Kinder.“ Mit drei unterschiedlichen Mädchen. „Ich gebe ihnen Geld für die Milch.“

Seine Geschichte mit den Mädchen ist eine einzige Katastrophe. Er hat sie sich als Tätowierungen in den Körper graviert. Auf seiner Brust lächelt eine Schöne, über deren Schulter ein Clown schielt. „Die Frauen betrügen dich und machen dich zum Narren“, sagt er. Doch er will nicht aufgeben. „Die Frau fürs Leben ist mir nur noch nicht begegnet. Eine, die mich versteht. Mit der ich ein Heim haben kann. Ich will arbeiten und ein Vorbild sein. Maras sind nicht gut.“

Kaum sagt er das, muss er auch schon gehen. Seine Freunde auf der anderen Seite der Straße sind unruhig geworden und holen ihre Waffen. Ein paar Häuserblocks weiter sind Mitglieder der Mara 18 gesichtet worden.

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