Besetzerin über Anfänge der Roten Flora

„Die Flora hat ganz viel geschafft“

Berit K. kam in der Nacht der Besetzung zur Flora. 30 Jahre später spricht sie über die politische Bedeutung des Hausprojekts.

Versammlung in der Flora mit Transparenten im Hintergrund

September 1990: Altensingen in der Roten Flora. Foto: Marily Stroux

taz: Frau K., wann waren Sie zuletzt in der Flora?

Berit K.: Vor einem Jahr. Das war zu einem Treffen mit Leuten, die ich von früher aus der Flora kenne. Davon abgesehen war ich schon lange nicht mehr da. Aber zum Geburtstag der Besetzung am 1. 11. werde ich hingehen, das ist ja quasi Pflicht.

Was hat Sie damals dazu gebracht, sich der Besetzung anzuschließen?

Ich war relativ neu in Hamburg. Meine ersten Anknüpfungspunkte waren in der Hafenstraße. Ich habe mitbekommen, dass es in der Flora einen kurzfristigen Nutzungsvertrag für eine Ausstellung gibt und bin hingegangen. Es wurde schnell klar, dass die Leute mit Ablauf des Nutzungsvertrags nicht gehen werden. Das fand ich super. In der Nacht der Besetzung, als am nächsten Tag das Gebäude hätte übergeben werden müssen, war ich dann zum ersten Mal richtig dabei und bin dann dageblieben.

Was war Ihre Motivation?

Ich hatte schon öfters Häuserkämpfe unterstützt. Es ging auch damals schon darum, dass Wohnen immer teurer wird und Menschen aus Stadtteilen vertrieben werden. Es war total klar: Wenn das Theater in den Stadtteil kommt, …

54, engagiert sich seit ihrer Jugend für feministische, antirassistische und antikapitalistische Zwecke. Sie ist Gesundheitswissenschaftlerin und arbeitet als politische Referentin.

Die Flora sollte ein Musical-Theater werden …

… wird sich niemand dort mehr die Mieten leisten können. Ich wohnte damals in Altona, hab die Schanze aber trotzdem als Viertel erlebt, das es zu verteidigen gilt. Ich war aber auch in feministische und antifaschistische Kämpfe involviert. Wie wir halt damals Politik gemacht haben – alles war gleichzeitig wichtig. Da passte die Flora gut rein.

Warum?

Es war schon ein Akt, so frech zu sein und zu sagen: „Wir nehmen dieses große Ding“, in dem es weder vernünftige Wände noch Klos gab, und zu sagen: „Wir schaffen das trotzdem.“ Und wir haben es geschafft. Das sind bombastische Erfahrungen, die man sonst nirgends machen kann.

23. September 1989

Nachdem die Pläne eines Umbaus zum Musical-Theater gescheitert sind, eröffnen AktivistInnen im dem leer stehenden Gebäude ein „provisorisches Stadtteilzentrum“.

1. November 1989

Nach Ablauf der Duldungsfrist durch die Stadt Hamburg bleiben die AktivistInnen in der Flora – die damit besetzt ist.

20. März 2001

Hamburg verkauft die Flora für 370.000 DM an den „Kulturinvestor“ Klausmartin Kretschmer.

1. November 2014

Nachdem gegen Kretschmer ein Insolvenzverfahren eingeleitet worden ist, kauft Hamburg die Flora über die städtische Lawaetz-Stiftung für 820.000 Euro zurück.

7. Juli 2017

Beim G20-Gipfel in Hamburg kommt es zu Straßenschlachten und Barrikadenkämpfen vor der Roten Flora, ein benachbarter Supermarkt wird geplündert. Obwohl sich die AktivistInnen der Flora von diesen Aktionen distanzieren, geben viele Politiker ihnen eine Mitschuld.

Wie war Ihre Lebenssituation damals?

Anfangs war ich arbeitslos. Das war auch gut so, ich habe ja 24 Stunden Flora gemacht. Ein halbes Jahr später habe ich ’ne Ausbildung in einem Gesundheitsberuf angefangen. Das war etwas bizarr: Ich bin den ganzen Tag in Weiß rumgelaufen, abends nach Hause gekommen, habe mir schwarze Sachen angezogen und bin in die Flora gegangen. Die meisten haben das ähnlich gemacht. Viele haben studiert, eine Ausbildung gemacht, in Kneipen oder bei der Drogenhilfe gejobbt. Wenige hatten feste Berufe.

Wie hat sich die Flora in den Jahren verändert?

Am Anfang war es ein Ort, wo viele Leute fast durchgehend da waren. Es gab unter anderem eine Vokü-Gruppe, eine Druckgruppe, eine Baugruppe, eine Fahrradgruppe, eine Veranstaltungsgruppe, eine Motorradgruppe, eine Archiv- und eine Sportgruppe.

Also ähnlich wie heute.

Das kann sein. Was ich damals irre fand: Dass es so viele verschiedene Leute gab, die Sachen machen wollten, und das dann auch einfach getan haben. Du machst einen Raum auf, da ist nichts drin, und dann fängt zum Beispiel die Sportgruppe an, einen Holzboden einzubauen, der federt. Ich war in der Druckgruppe, wir haben politische Plakate gedruckt. Unser Raum war zu klein, da haben wir einfach einen Holzanbau gebaut und schon hatten wir einen größeren Raum. So lief das.

Wie lange hat die Stadt Sie in Ruhe gelassen?

Bis wir 1991 den Flora-Park bebaut haben. Das war eine Baugrube mit Schlammloch. Wir haben mit zig Leuten, auch aus anderen Städten, einen Park mit Wiesen, Büschen, Blumen, einem Teich draus gemacht. Der ist dann gewalttätig geräumt wurde. Da waren wir plötzlich mit einer Repression konfrontiert, mit der wir nicht gerechnet hatten.

Wirklich nicht?

Es war ein richtiger Besatzungszustand im Viertel. Wochenlang überall Polizei und Wasserwerfer. Zwei Leute von uns saßen mit einer konstruierten Mordanklage für Monate im Knast, es gab die erste Enttarnung einer verdeckten LKA-Ermittlerin.

Aber die Polizei hat nie versucht, das Haus zu räumen.

Nee, wir waren darauf eingestellt, dass das Gebäude geräumt wird, und haben gar nicht verstanden, dass nichts passiert! Dann hat uns die Weltpolitik eingeholt. Neun Tage nach der Besetzung ist die Mauer gefallen, und plötzlich hat sich keine Sau mehr für uns interessiert. Ohne den Fall der Mauer hätten wir es, glaube ich, nicht über den Winter geschafft. Aber mit der Zeit wird eine Räumung ja immer schwieriger, wenn etwas erst mal da ist. Wir haben ja auch Veranstaltungen gemacht und bauliche Maßnahmen ergriffen.

Wofür steht die Flora heute?

Für mich ist die Flora eine alte Dame, die ganz schön viel geschafft hat. Ich blicke da immer mit viel Wohlwollen drauf. Wir hätten damals alles drauf gewettet, dass wir niemals 30 werden. Einerseits konnte ich mir sowieso nicht vorstellen, mal so alt zu werden. Aber auch nicht, dass das wirklich zu schaffen ist.

Was schätzen Sie an ihr?

Die Flora ist ein Ort, an dem man einfach sein kann. Wenn zum Beispiel junge Frauen dort tanzen gehen und blöd angemacht werden, wissen sie, dass sie Hilfe kriegen. Außerdem laufen dort viele Veranstaltungen, die mich interessieren, auch wenn ich kaum Zeit habe, hinzugehen. Ich finde es auch beeindruckend, dass die Flora immer wieder den Versuch macht, auf die Leute um sie herum zuzugehen und in Kontakt zu bleiben, wie zum Beispiel nach dem G20. Sie sagt nie „Mir doch alles egal, um mich herum sind ja eh alle Yuppies!“

Wann haben Sie aufgehört, sich in der Flora zu engagieren?

Mit Mitte 30 kam ich an einen Punkt, wo ich mich dabei ertappt habe, auf dem Plenum zu sitzen und zu denken: „Das haben wir doch alles schon diskutiert.“ Da ging es um Vertragsverhandlungen. Ich musste dann denen das Feld überlassen, die das noch nicht diskutiert hatten. Denn ich wollte mit Anfang 20 auch keine 30-Jährigen, die mir erzählen, wie die Welt funktioniert.

Wie fühlt es sich an, wenn Sie heute in die Flora gehen?

Es ist ein bisschen, wie die Eltern zu Hause zu besuchen: eine Mischung aus ganz vertraut und total weit weg. Die Flora ist ein Teil meiner Geschichte und meiner Identität, aber ich bin heute eine andere Person als damals. Und ich besuche dann die Person von damals. Aber wie es da jetzt aussieht im Vergleich zu damals, die renovierte Vokü und so, da liegen ja Welten dazwischen. Wie wir damals im Qualm saßen …

Ist die Flora heute politisch noch bedeutsam?

Es ist unfassbar wichtig, dass es solche Räume gib. Wenn mal viele Leute zusammenkommen müssen, wenn eine Soli-Party gemacht werden muss – all das geht dort. Als vor ein paar Jahren die Menschen der Lampedusa-Gruppe obdachlos waren, war es wichtig, diese Projekte zu haben, auch Hausprojekte, um ein solidarisches Wohnen zu organisieren. Ohne solche Räume kannst du vieles nicht organisieren. Ich meine: Die Türkei greift Rojava an und es ist ein natürlicher Punkt zu sagen: „Wir treffen uns vor der Flora.“ Diese Basis musst du erst mal haben, das haben gar nicht so viele. Gut, in Hamburg gibt’s jetzt auch das Gängeviertel.

Sind Sie heute noch politisch engagiert?

Mein Leben hat sich total geändert, mit zwei Kindern habe ich neben der Arbeit nicht mehr so viel Zeit für Politik. Ich bin aber immer in irgendwas involviert, setze mich für globale Migrationsbewegungen und gegen Rassismus ein und verstehe mich als politischen Menschen. Die aktuellen Entwicklungen machen mir große Sorgen. Wir haben es mit einer gefährlich erstarkenden faschistischen Bewegung zu tun, und gleichzeitig mit der Erosion von Demokratie. Ich will nicht in einer Welt leben, wo es keine Menschlichkeit gibt. Aufhören, politisch zu sein, ist keine Alternative für mich. Ich könnte dann nicht mehr in den Spiegel gucken.

Seit 30 Jahren ist die Rote Flora besetzt. Lesen Sie mehr über den Geburtstag in der Wochenendausgabe der taz nord oder am E-Kiosk.

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