Berühmtes Teleskop Arecibo zerstört: Der Asteriodenfahnder

Mit dem Radioteleskop Arecibo geht der Wissenschaft ein bedeutendes Instrument verloren. Durch James Bond wurde das Observatorium berühmt.

Teleskop Arecibo zerstört: In einer Luftaufnahme sieht man, wie die 900 Tonnen schwere Instrumentenplattform auf die 305 Meter breite Teleskopschüssel geknallt ist und diese zerstört hat

Teleskop Arecibo: 900 Tonnen schwere Plattform knallte auf die 305 Meter breite Teleskopschüssel Foto: Yamil Rodriguez/ap/dpa

BERLIN taz | Zum ersten Mal zerstört wird das Radioteleskop Arecibo in Puerto Rico im Jahr 1995 – und zwar im Auftrag Ihrer Majestät. James Bond liefert sich am Ende des Films Golden Eye mit dem Bösewicht eine brutale Verfolgungsjagd auf der in luftigen Höhen an Stahlseilen schwebenden Instrumentenplattform.

Mit markigen Worten und einer kräftigen Portion Selbstjustiz lässt Bond schließlich seinen Widersacher von der zentralen Antenne auf die schüsselartig angeordneten Aluminiumpaneele in der Tiefe fallen, kurz bevor die Plattform in die Luft gejagt wird.

Damals bloß cineastischer Budenzauber, seit vergangenem Dienstag traurige Realität. Morgens gegen 8 Uhr knallt die 900 Tonnen schwere Instrumentenplattform auf die 305 Meter breite Teleskopschüssel und beendet damit die über 60-jährige Geschichte des riesigen Radioteleskops. Nach Hurrikan Maria 2017 und hunderten kleinerer und mittlerer Erdbeben war die Anlage bereits Mitte November für reparaturbedürftig erklärt und stillgelegt worden.

In den 50ern wurde Arecibo vom Militär geplant, um im Falle eines Angriffs nukleare Raketen von sogenannten Täuschkörpern unterscheiden zu können – das sind Fake-Flugkörper, die Raketen vom eigentlichen Ziel ablenken sollen. Erst 1963 stellte die Forschungsbehörde des US-Verteidigungsministeriums den Bau des Observatoriums inmitten des Regenwalds fertig. Wenige Jahre später übergibt das Pentagon die neun Millionen US-Dollar teure Anlage an die National Science Foundation, um zivile astronomische Forschung zu betreiben. Seitdem sucht das damals größte Radioteleskop der Welt wie ein gigantisches graues Auge das Weltall ab – und wird fündig.

1974 sendet Arecibo eine Botschaft ins All

1974 gelingt ihm der erste Nachweis von Gravitationswellen – anders als viele glauben nicht erst 2015. Über eine der wichtigsten physikalischen Entdeckungen des 20. Jahrhunderts erzählt Paulo Freire der taz. Der Bonner Astronom, der fast zehn Jahre an dem Observatorium gearbeitet hat, betont die Bedeutung der Anlage für verschiedene Wissenschaftsbereiche. Mit Arecibo verliere auch das planetare Radar seinen stärksten Sender. Das Frühwarnsystem sucht den Weltraum nach Asteroiden ab, die der Erde gefährlich nahe kommen könnten.

Asteroiden waren allerdings nicht das einzige, nach dem Arecibo gefahndet hat. Ebenfalls 1974, am 19. November, tickert Arecibo eine nur 1.679 Bit große Radiowellenbotschaft in den etwa 25.000 Lichtjahre entfernten Kugelsternhaufen Messier 13 an potentielle Zivilisationen. Aus dem Binärcode der Nachricht lässt sich ein Bild erstellen, das stark nach Videospielen der 80er Jahre aussieht. Dieses enthält unter anderem Angaben zu grundlegenden Elementen, eine Menschenfigur und ein Schema unseres Sonnensystems. Eine Antwort sei jedoch frühestens in 45.000 Jahren zu erwarten.

Arecibo werde „eine Lücke hinterlassen“, sagt Astronom Freire. Zahlreiche Forschungsprojekte müssten bis auf weiteres auf Eis gelegt werden. Auch um die 140 Angestellten dort mache er sich Sorgen. Der massive Sprung in der populären Teleskopschüssel sorgte auch auf Twitter für traurige Kommentare.

Zwar soll an anderen Teilen des Observatoriums weiterhin geforscht werden. Ob und in welcher Form aber das Teleskop ersetzt werden kann, ist offenbar noch völlig unklar. Eine 2016 gebaute, sogar 500 Meter große Schüssel in China ist deutlich weniger vielseitig einsetzbar.

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