Berliner Transmediale: Mit anderen beben
Das Festival Transmediale versteht sich als Plattform für kritische Reflexion. Die diesjährige Ausgabe verlor sich jedoch vielmehr in Beliebigkeit.
„Ein lebendiges, rekursives Trägernetz – eine Hängematte relationaler Technologien in Praxis, die sich über Breitengrade, Rhythmen und Wurzelsysteme spannt“ sollte die diesjährige Ausgabe des Berliner Medienkunstfestivals Transmediale werden – was immer das bedeuten mag. „Damit eröffnet es sowohl eine geografische als auch eine theoretische Verschiebung im Diskurs über Technologie und Medien, auf dem unser heutiges Verständnis des Internets als weltweites Netz basiert.“
Was am vergangenen Wochenende im Silent Green Kulturquartier im Wedding und in der Eventlocation CANK in Neukölln tatsächlich zu sehen war, zeigte allerdings, dass die Umsetzung von wohlklingender, postkolonialer Kuratorenprosa vom Festival als „einem gemeinschaftlich gestalteten Raum, in dem die entlang der äquatorumspannenden intertropischen Konvergenzzone entwickelten Protokolle erfahrbar gemacht und geteilt werden“, nur bedingt zu überzeugen vermochte.
„Entsprechend dem prozessorientierten Ansatz des Festivals 2026 wird sich das Programm in den Tagen vor dem Festival weiterentwickeln“, hieß es noch zwei Wochen vor der Transmediale in einer Pressemitteilung – was übersetzt bedeutete, dass es da offenbar noch keine abschließende Planung gab. Auch beim Festival selbst ruckelte es gelegentlich ganz ordentlich – ist es beim größten deutschen Medienkunstfestival wirklich nicht möglich, einen Laptop an einen Beamer anzuschließen, wie bei dem Panel mit DJ Jay Mitta aus Tansania?
Das Programm, das die Kurator:innen Neema Githere und Juan Pablo García Sossa unter dem Titel „By the Mango Belt and Tamarind Road“ zusammengestellt hatten, sollte die traditionell eher eurozentristische Ausrichtung des Festivals korrigieren und brachte eine so noch nie gesehene Menge von Künstlern aus dem Globalen Süden ins kälteknackende, vereiste Berlin. Das bescherte dem Festival zwar in Ansätzen eine überfällige Horizonterweiterung. Leider blieb das in der Umsetzung hinter den ambitionierten Ankündigungen zurück.
Unwirtlicher Unort
Da war zunächst einmal eine desinteressiert wirkende Zusammenstellung von Installationen, die man in den ehemaligen C&A an der Karl-Marx-Straße in Neukölln gehustet hatte. Die wenigen Besucher, die sich überhaupt an diesen Unort verirrten, fanden eine unwirtliche, kommentarlose Zusammenstellung von Werken vor, auf die man sich seinen eigenen Reim machen musste.
Warum da im ersten Stock Gummipuppen auf dem Boden lagen oder wo die Szenen, die man als Hologramm mit einer Taschenlampe auf Metallplatten ausleuchten konnte, spielten, oder was die Bewandtnis der auf vertikal aufgehängten Monitoren gezeigten Tiktoks war, konnte man auch dem Plan mit den Titeln der Arbeiten nicht entnehmen. Den konnte man im Dunkel der Ausstellung ohnehin nicht entziffern. Die Künstler, die hier gezeigt wurden, dürfen sich mit gutem Recht als verheizt betrachten.
Das Festival in den unterirdischen Hallen des Silent Green entbehrte ebenfalls weitgehend sinnstiftender Kontextualisierung. Auch hier keine Beschriftungen der gezeigten Arbeiten, keine Führungen oder Besucherprogramme und übrigens auch kein Pressetermin vor Beginn des Festivals.
Was unter anderen Umständen möglicherweise spontane Überraschungserlebnisse ermöglichen könnte, wurde in der Masse zur beliebigen und irgendwann überfordernden Aneinanderreihung von exotischen Schauwerten. Eine Lecture-Performance über Karaoke auf den Philippinen und ein Konzert mit Karinding, einer Mundharmonika aus Bambus aus West-Kalimantan. Filme über den Wasserverbrauch bei der Herstellung von Computerchips in Taiwan und ein „afrofuturistisches Sci-Fi-Punk-Musical“.
Und ganz viele Aktivitäten zum Dabeisein und Mitmachen: Siebdrucken, Sauerteig ansetzen, sich die Nägel machen lassen, allmorgendliche „ritualistische Spaziergänge“. Sowie eine Veranstaltung mit dem Titel „Bedrot With Me“, bei der man gemeinsam mit der Künstlerin İdil Galip am Handy hängen konnte – „ein kollektives Experiment, bei dem man fast nichts tut. Diese Sitzung ist eine Einladung, gemeinsam zu liegen und zu scrollen, zu träumen und abzudriften, in Stasis zu ruhen.“ Ok, das war dann schon wieder irgendwie lustig – wenn es nicht als ein Höhepunkt des Diskursprogramms angekündigt worden wäre.
Negation der Mediation
Festivals sind immer Wundertüten. Aber so, wie sich die diesjährige Transmediale der Vermittlung verweigerte, war sie ein leuchtendes Beispiel für den neuen kulturellen Stil, den die amerikanische Autorin Anna Kornbluh in ihrem aktuellen Buch „Immediacy, or The Style of Too Late Capitalism“ (2024) beschrieben hat. Kennzeichnend für diese Kulturform ist eine „Negation der Mediation“; im Zeitalter von Social Media und FOMO ersetzt Unmittelbarkeit (Immediacy) die vermittelnde, distanzierende Funktion von Kunst; (angebliche) Authentizität triumphiert über Reflexion und Diskurs – so wie beim gemeinsamen rituellen Coca-Tee-Trinken, tatsächlich ein Programmpunkt bei der diesjährigen Transmediale.
Was bei früheren Transmedialen oft ins Unendliche ausuferte, nämlich das Reden über statt des Präsentierens von Kunst, fehlte diesmal weitgehend. Entsprechend empfahl der malische Literaturwissenschaftler Manthia Diawara in einem Vortrag, der wohl programmatisch gedacht war, in Anlehnung an den frankokaribischen Dichter Édouard Glissant eine „Poetik der Mangrove“. Wie die aussieht? „Dem Zittern des anderen zuzustimmen und mit ihm zu beben“.
Wo Debatte durch „Wahlverwandtschaft“ ersetzt wird, passt es ins Bild, dass einer der wenigen Programmpunkte, bei dem überhaupt ernsthaft diskutiert wurde, in einer zugigen Ecke ohne Bestuhlung stattfand. Wer auf dem Boden hockend wissen wollte, wer da gerade worüber sprach, musste den Tontechniker fragen. Der tippte einem dann die Webadresse der „Veranstaltung in der Veranstaltung“ in den Browser auf dem Smartphone.
Die Beliebigkeit des diesjährigen Festivals ist übrigens offenbar gewollt: Ein ominöses „Advisory Board“ hat der Transmediale im vergangenen Jahr verordnet, dass die Kuratoren der Veranstaltung jedes Jahr ausgetauscht werden. So überlässt man die Transmediale Durchreisenden, die ihre Vita um einen Eintrag erweitern möchten und keinen Bezug zum Ort des Festivals entwickeln. Die diesjährigen Kuratoren Githere und Sossa dürfen sich auf jeden Fall ab heute nach neuen Jobs umsehen – so wie alle, die in Zukunft die Transmediale leiten werden. Vielleicht erklärt das ein Stück weit die Wurstigkeit der diesjährigen Veranstaltung.
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