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Berliner SzenenDas kurze Leben

Alem Grabovac
Kolumne
von Alem Grabovac

Berlin ist wild und gefährlich. Und unsere AutorInnen sind immer mittendrin. Ihre schrecklichsten, schönsten und absurdesten Momente in der Großstadt erzählen sie hier.

M ein Nachbar aus dem ersten Stock hat mal wieder eine Bücherkiste auf das Fensterbrett vor unserem Haus gestellt. Bei Bücherkisten muss ich immer an ein Gespräch zweier Radio-Eins-Moderatoren denken. Der eine sagte: Also gestern Abend habe ich eine Bücherkiste vors Haus gestellt und weißt du, was passiert ist? Heute Morgen hatte jemand den Karton geklaut, aber die Bücher waren alle noch da.

Die Bücherkiste meines Nachbars wurde nicht geklaut. In dem Karton gab es schöne Bildbände über Florenz und Rom und lesenswerte Romane von Alberto Moravia, Sten Nadolny und Juan Carlos Onetti. Die Bücherkiste war jedenfalls randvoll und leerte sich peu à peu in den folgenden Tagen. Trotz des glücklichen Umstandes, dass die Menschen in meiner Nachbarschaft gerne gute Literatur lesen, begann ich mich zu ärgern. Denn einer meiner Lieblingsromane – „Das kurze Leben“ von Juan Carlos Onetti – wurde konsequent verschmäht. Wann immer ich nach Hause kam, schaute ich in die Kiste. Und wieder war Onetti ignoriert worden. Eines Nachts, fünf Tage nachdem mein Nachbar die Kiste herausgestellt hatte, kam ich etwas angetrunken nach Hause.

Es war windig, es nieselte, und ich schaute in die Bücherkiste, in der einsam und verlassen „mein Onetti“ lag. Jetzt reicht es mir, dachte ich. Ich nahm das kleine Taschenbuch an mich und stieg glücklich die Stufen zu meiner Wohnung hinauf. Ich hatte das Gefühl, mich um etwas Kostbares gekümmert zu haben. Als ich die Wohnungstür aufschloss, sagte ich zu meiner Freundin: „Schau mal, was ich gefunden habe“, woraufhin sie mir entgegnete: „Aber das Buch hast du doch schon.“ „Ja, ja“, sagte ich. „Das verstehst du nicht.“ Ich ging zu meinem Bücherregal und stellte Juan Carlos Onettis „Das kurze Leben“ neben Juan Carlos Onettis „Das kurze Leben“ und war mit mir und der Welt wieder zufrieden.

Nach dem Erfolg der AfD bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt bangen viele Menschen um die Zukunft, es droht die erste AfD-Regierung. Das wäre eine (weitere) Zäsur für Deutschland. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Alem Grabovac

Alem Grabovac sonntaz-Autor

Geboren 1974 in Würzburg, hat in München, London und Berlin Philosophie, Psychologie und Soziologie studiert. Seit 2011 sonntaz-Autor.

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