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Berliner Ira­ne­r*in­nen über den Krieg„Viele verstehen nicht, warum wir den Angriff feiern“

Auch in Berlin jubeln Menschen über den Beginn des Krieges. Andere sind skeptisch, viele haben Angst. Vier Ira­ne­r*in­nen erzählen, wie es ihnen geht.

Ira­ne­r*in­nen feiern am Samstag vor der US-Botschaft am Brandenburger Tor den Beginn der Luftschläge gegen das Mullah-Regime Foto: Markus Schreiber/ap

Mahdokht Ansari:

„Ich konnte die ganze Nacht gar nicht schlafen. Ich war am Samstag in Berlin bei der Demo, bei der der Tod von Ayatollah Ali Chamenei verkündet wurde. Ab dem Moment hat sich die Demonstration in ein Fest der Freude verwandelt.

Wir Ira­ne­r*in­nen im Exil waren in den letzten Monaten so sehr in Trauer und Verzweiflung versunken. Es war für viele von uns schwer, den Alltag hier zu meistern und gleichzeitig mit den Gedanken bei dem zu sein, was in Iran passiert: die Massaker, die Gewalt und der Schrecken. Die Menschen in Iran selbst waren zuletzt hoffnungs- und zukunftslos. denn nach dem Massaker am 8. und 9. Januar, bei dem wohl mindestens 36.000 Menschen getötet worden sind, wussten sie, dass sie alleine dieses brutale Regime nicht zum Fall bringen können. Daher der große Wunsch in der Bevölkerung nach Hilfe von den USA.

Demos für Freiheit für Iran

Zweimal versammelten sich am Wochenende Ira­ne­r*in­nen am Brandenburger Tor, um den Kriegsbeginn zu feiern. Am Sonntag Nachmittag kamen laut Polizei rund 1.500 bis 2.000 Menschen zusammen. Jubelrufe schallten über den Pariser Platz, in der Mitte tanzte ein großer Pulk zu Trommelwirbeln und rhytmischem Hupen und Tröten. Die Teil­neh­me­r*in­nen schwenkten Flaggen in den Farben von Iran mit dem Löwe-Sonne-Emblem, auch Israel-Flaggen und sehr vereinzelt USA-Flaggen waren zu sehen. Überall zeigten sich strahlende Gesichter und Menschen, die sich herzlich und freundschaftlich begrüßten und gegenseitig beglückwünschten. Eine Person hielt ein Pappschild mit der Aufschrift „Thank you, USA! (Danke, USA) in die Höhe, eine andere eins mit „Free Iran“ (Freiheit für Iran). Die Versammlung war unter dem Motto „Freiheit für Iran unter Führung von Prinz Reza Pahlavi“ angekündigt.

Bereits am Samstag waren rund 1.600 Menschen in einem Demonstrationszug vom Potsdamer Platz zum Brandenburger Tor gezogen. Dabei feierten sie den frisch gemeldeten Tod von Staatschef Ajatollah Ali Chamenei. Die Demonstration blieb laut Polizei weit kleiner als ursprünglich angemeldet. Am Neptunbrunnen und am Breitscheidtplatz waren Menschen noch spät am Samstagabend zusammengekommen und feierten.

Mehrere Menschenrechtsorganisationen forderten das Land Berlin auf, einen Abschiebestopp in den Iran zu verfügen. Bisher hatten Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Schleswig-Holstein temporäre Abschiebestopps in den Iran beschlossen, die zunächst drei Monate bis Mitte April gelten. (taz, dpa)

Mit den ersten Angriffen gab es deshalb sofort viel Jubel in der Bevölkerung. Es mag für Außenstehende merkwürdig sein, wenn sich Menschen über Angriffe freuen, und niemand wünscht anderen den Tod. Doch die Freude über ein Eingreifen von außen lässt sich gut erklären, weil das islamische Regime nicht gehen will und weil es an der Macht klebt.

Die Zukunft ist mit vielen Risiken behaftet. Das Regime kann den Krieg nicht gewinnen, aber es könnte das Land weiter zerstören. Daher hoffe ich, dass die Angriffe wirklich ins Mark des Regimes treffen und dass sie der mutigen Bevölkerung die Luft verschaffen, wieder auf die Straßen zu gehen. So können sie selbst für das, was sie wollen, einstehen und sie können ihren Stolz behalten. Und ein Ende des Regimes hätte wohl auch Auswirkungen auf Israel und Palästina, auf den Irak oder auch auf Afghanistan.

Ich wünsche mir einen demokratischen, säkularen Iran, der in Frieden und Freundschaft mit der ganzen Welt agiert und der Bevölkerung Freiheit und Wohlstand bringt.“

Neda Farhadi*:

„Ich habe mein ganzes Leben auf diesen Moment gewartet: auf die Nachricht vom Tod Ali Chameneis. Ich dachte immer, danach sieht das Leben anders aus. Als dann Samstagabend sein Tod bestätigt wurde, fühlte ich Freude und zugleich eine lähmende Leere. Mir wurde klar: Diese Freude lässt sich nicht gegen den Schmerz über die Tausende Ermordeten aufwiegen. Sein Tod bringt keinen der Menschen zurück, die wir verloren haben.

Die letzten Monate waren politisch die schlimmste Zeit meines Lebens. Der US-israelische Angriff hat eine neue Eskalationsstufe in dieser ganzen Gewaltschleife markiert. Wir haben mit dem Krieg gerechnet. Meine Familie im Iran wacht seit Wochen jeden Tag mit der Angst auf, dass es heute so weit sein könnte. Sie ist extrem terrorisiert.

Mit dem Angriff hat die US-israelische Koalition unserem Volk einen weiteren brutalen Gewaltakt aufgezwungen. Für mich sind dabei zwei Dinge zu unterscheiden: Die militärische Intervention lehne ich entschieden ab. Aber dass Chamenei getötet wurde, zelebriere ich – auch wenn sein Tod so schmerzlos war, ohne jeglichen Prozess. Ich hätte mir gewünscht, dass er vor Gericht steht und sich für seine Verbrechen verantworten muss. Es wäre gerecht gewesen.

Ich bin gegen die militärische Intervention, aber auch gegen das Regime, das Menschen tötet. Dieser Krieg ist nicht unserer. Er wurde uns von Regimen des Todes aufgezwungen. Wenn viele ihn dennoch feiern, verstehe ich das weniger als Zustimmung, sondern als Ausdruck der Verzweiflung: Viele sehen ausländische Eingriffe als den letzten Ausweg.

Wo waren diese Stimmen, als das Regime in den letzten Wochen brutal Tausende massakriert hat?

Neda Farhadi, name geändert

Andere verurteilen den Angriff, kritisieren die Imperialisten und Völkermörder. Aber wo waren diese Stimmen, als das Regime in den letzten Wochen brutal Tausende massakriert hat? Es fühlt sich an, als wäre nicht der Tod an sich das Problem, sondern vielmehr die Frage, wer ihn verursacht.

Ich wünsche mir den Sturz des Regimes und eine demokratische Zukunft. Die Verantwortlichen müssen vor Gericht, das Massaker muss aufgearbeitet werden. Es wird uns ein Leben lang begleiten. Vieles kann ich noch nicht begreifen. Ich muss das alles noch verarbeiten.“

Baran Forotan*:

„Seit den Protesten Ende Dezember bin ich wie versteinert. Das ist für mich auch neu. Denn bei allen Protesten gegen das Regime, die ich bisher bewusst miterlebt habe, war ich angstvoll und auch hoffnungsvoll, aber nie so resigniert wie jetzt. Dann kommen plötzlich Panickattacken. Wird Iran mit diesem Krieg zu einem weiteren Syrien, einem weiteren Irak?

Ich dachte, ich kann mich über Chameneis Tod freuen. Aber auch da empfinde ich nichts. Ja, sein Tod hat eine symbolische Bedeutung für alle, die unter diesem brutalen Regime leben und so viele ihrer Liebsten verloren haben. Aber am Ende ist das Regime so fest etabliert, ich sehe nicht mehr, wie Chameneis Tod einen Regime Change herbeiführen soll. Das Regime wird Angriffe nutzen, um ihre Märtyrer-Position wieder zu betonen und Tausende Menschen hinrichten, während weiter Bomben fallen.

Mit den Jin-Jian-Azadi-Protesten, also der Frau*-Leben-Freiheit-Bewegung, gab so viele Möglichkeiten langfristiger Vernetzung. Die Proteste waren für mich etwas Neues, mit ihrem Fokus auf das Leben, anstatt Märtyrertum zu glorifizieren und ständig Bilder von vergossenem Blut und Tod hochzuhalten wie bei so vielen Demos, die ich aus meiner Kindheit kenne. Doch wir haben Fehler gemacht und sind in Aktionismus gefallen.

Es braucht eine globale Herrschaftkritik, ohne in vereinfachten Antiimperialismus zu verfallen

Baran Forotan, Name geändert

Ein Bild, das mir immer wieder kommt, ist, wie wir, also linke Bewegungen, anstatt uns online und offline anzubrüllen, wessen Positionen falsch sind, anstatt unsere Energie darauf zu richten, wogegen wir sind, anstatt die Hilflosigkeit und Ohnmacht, die so viele von uns spüren, mit Aktionismus betäuben, dass wir einfach am Zickenplatz in Kreuzberg zusammenkommen, uns still anschauen und die Hilflosigkeit spüren.

Und wahrnehmen, was daraus entstehen kann an Verbindungen, an Visionen, wenn wir sie und uns gegenseitig nicht gleich mit kämpferischen Slogans niederbrüllen. Und dann etwas bestellen und gemeinsam Essen. Das habe ich ein paar Mal versucht anzustoßen, doch es kommt keine Resonanz. Ich fühle mich sehr einsam.“

Setayesh Hadizadeh:

„Ich habe gemischte Gefühle. Als der Angriff begann, empfand ich Freude und Angst zugleich. Ich bin extrem froh, dass Chameneni tot ist, aber das bedeutet noch lange nicht das Ende des Regimes.

Wir hatten gehofft, das Regime ohne Krieg zu stürzen. Wir sind auf die Straßen gegangen, Tausende haben mit ihrem Leben bezahlt, aber wir haben es nicht geschafft. Sie töten so lange, bis die Menschen nicht mehr protestieren. Es war ernüchternd, sich eingestehen zu müssen, dass ein Ende dieses Regimes nie ohne Hilfe von außen möglich sein wird.

Die Dringlichkeit, das Regime zu stürzen, zwingt uns, unsere Grabenkämpfe zurückzustellen

Setayesh Hadizadeh

Alle oppositionellen Gruppen sind froh über den Tod Chameneis. In der linken Szene gibt es aber auch Kritik am militärischen Angriff, bei dem auch Zi­vi­lis­t*in­nen getötet wurden. Es ist schlimm, wenn Menschen in diesem Krieg sterben. Gleichzeitig wurden so viele unschuldige Menschen getötet beim Versuch, die Republik zu stürzen. Ohne militärische Intervention wären es noch mehr geworden.

Viele haben kein Verständnis dafür, dass wir den Angriff feiern. Ich stehe nicht auf der Seite von Trump, aber mit einer links regierten USA würden wir die Islamische Republik sicherlich nicht beseitigen können.

Ein Sturz des Regimes ist nur möglich, wenn alle oppositionellen Gruppen zusammenarbeiten. Dafür kämpfen ich mit meinem Kollektiv Azadiha. Wir arbeiten auch mit den Pahlavi-Gruppen zusammen. Daran gibt es viel Kritik aus der linken Szene mit dem Argument, dass die Pahlavi-Gruppen nicht alle ethnischen Gruppen einbeziehen. Wir würden uns auch mehr Inklusion wünschen, aber ich glaube, wir müssen über diese Differenzen jetzt erst einmal hinwegsehen. Die Dringlichkeit, das Regime zu stürzen, zwingt uns, unsere Grabenkämpfe zurückzustellen und uns auf das Wesentliche zu konzentrieren: den Sturz der Islamischen Republik.

Ich hoffe, dass die oppositionellen Gruppen und Reza Pahlavi als legitimer Oppositioneller anerkannt werden. Wir erwarten von der Bundesregierung und den Vereinten Nationen, dass sie sich für eine demokratische anerkannte Opposition im Iran einsetzen und ein faires und freies Referendum begleiten und beobachten, um den Weg für einen demokratischen Iran zu ebnen. Dafür benötigen wir Unterstützung von außen.“

* Name von der Redaktion geändert

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