: Bergarbeiter-Rundfunk
■ »Freies Radio« — Benefiz im Tacheles
In Boliviens Bergarbeiterstädten wie Potosi gab es früher freie Radiostationen; sie vertraten öffentlich die Sorgen und Interessen der Mineros. Geldmangel sowie die Konkurrenz kommerzieller und staatlicher Sender setzten den Bergarbeiterradios lange zu. Schließlich schwieg auch das letzte Radio Minero, der Sender »Siglo Veinte« (Zwanzigstes Jahrhundert).
Die Probleme in den Minen bestehen weiter, die Arbeitsbedingungen entsprechen keineswegs dem 20. Jahrhundert. Julia Dimitroff befaßt sich für F.E.R.L. (ein Zusammenschluß freier Radios in Europa) mit besagter Situation; sie suchte und fand eine Möglichkeit, dem Radio Minero zu helfen. Am 25. Dezember spielen eine lateinamerikanische und eine Ostberliner Band im Tacheles: »La Dinamita« und »Freygang«. Alle machen alles kostenlos an diesem Abend, bis auf die Gäste, versteht sich. Das Benefiz kommt der Ausbildung künftiger Radio-Macher zugute.
La Dinamita will mit Salsa-Musik den Weg zum Radio Minero freisprengen. Zu den afro-kubanischen Rhythmen der Musica latina kann auch getanzt werden. Freygang wurde 1977 in der DDR gegründet und hat selbst unangenehme Erfahrungen mit kontrollierten Medien gemacht.
Die Band hatte Auftrittsverbot, einige Mitglieder sahen SSD-Verhörräume und Gefängnisse von innen. Freygang wird die Titel einer neuen Platte spielen, die im Januar vorgestellt wird. Während man früher soliden Deutschrock mit engagierten Textern bot, wird jetzt eine schwer zu klassifizierende, sehr melodische und ausdrucksstarke Musik zu Gehör gebracht.
Es dominieren Gesang, Geigenspiel und der witzig-intelligente Text von André Greiner-Pol. Man spürt feuchtkaltes Grauen im Nacken, wenn André singt »In der Spree schwimmt eine Leiche/ der Anzug war mal maßgeschneidert«; er malt In stiller Trauer das Ende eines Blockpartei-Politikers aus, der gerade in seine dritte Hauptstadt umgezogen ist.
Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen wären rein zufällig. Mit der Geige läßt er Bilder entstehen; zum Beispiel in einem Solo, das mit Bezug auf Tschernobyl die Einsamkeit der ukrainischen Einöde einfängt. Alles ist handgearbeitet. Nichts wird gesamplet, auch nicht der russische Männerchor, der die Verwüstungen wehmütig beklagt.
Die Entwicklung von Hausmannskost auf der letzten Freygang-LP zu Tonkunst mit eigenem Charakter ist spannend. Wer Freygang zu kennen glaubt, der wird hoffentlich überrascht sein. Konstantin Breyer
Benefiz-Konzert mit Party am 25. 12. um 20 Uhr im Theatersaal des Tacheles, Oranienburger Straße 53/56, Mitte
Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Unser nächstes Ziel: 50.000 – wir brauchen nur noch 90 Freiwillige, dann haben wir es geschafft! Setzen Sie jetzt ein Zeichen für die taz und machen Sie mit. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen