Benjamin Moldenhauer Popmusik und Eigensinn: Die hartnäckig untergejubelteMetaebene
Schön ist der Schlager, wenn er einen irritiert. Zum Beispiel, wenn es einen erwischt, obwohl man sich eigentlich für zu fein dafür hält. Da muss dann schnell eine Abwehrhaltung her: Wenn Menschen sich für sehr schlau halten, werden sie gern ironisch. Eine der zentralen musikalischen Pestilenz-Erscheinungen der letzten dreißig Jahren war der ironisierte Schlager, der genau diese wohlfeile Distanzierung bei gleichzeitigem „Hehehe“ bediente, von Dieter Thomas Kuhn bis Alexander Marcus.
Das Debütalbum des Schweizer Sängers Lukas Jäger, das er 2013 unter dem Namen Dagobert veröffentlichte, wirkte auf den ersten Blick so, als würde es in diese Reihe gehören. Man nimmt das Ungelenke und die Einfachheit von Musik und Text und überträgt sie in ein Indie-Koordinatensystem (die ersten beiden Dagobert-Alben erschienen auf Buback, das aktuelle auf Staatsakt). Das klingt dann erst einmal lustig, wenn man wie Jäger mit einem betulichen Schweizer Akzent singt, die Wortendungen wie angetrunken verschluckt und eine betont skurrile Außenseiterbiografie dazu bastelt (fünf Jahre in einer abgelegenen Hütte gelebt, nur von Reis ernährt und so weiter, wahrscheinlich alles ausgedacht).
Der erste Eindruck aber täuscht, mit Dagobert verhält es sich anders. Die Songs wollten eins zu eins verstanden werden und sich nicht über andere Musik erheben. Ihr Schicksal schien es trotzdem zu sein, dass man ihnen Metaebenen unterjubelte. Nur war und ist da nix. Der Schlager ist eine Oberflächenkunst. „Die Sehnsucht, die Liebe, das Träumen: Es ist für die Leute“, hat der kommunistische Schriftsteller und Schlager-Fan Ronald M. Schernikau über den DDR-Gassenhauer „Abends in der Stadt“ geschrieben. „Die Leute träumen nicht sich, sie träumen sich in die Städte. Nur manchmal bilden sie sich ein, dass Sachen allein gehen.“
Dass Sachen nicht allein gehen, davon handeln eigentlich alle Lieder Dagoberts. Und davon, wie es ist, wenn es zu zweit dann auch nicht funktioniert. Auf dem aktuellen Album „Welt ohne Zeit“ singt Jäger über vergangene Beziehungen. Das ist neu, auf den Vorgängerplatten ging es noch ganz klassisch um unerfüllte Sehnsucht, nicht um enttäuschte. Die Texte, die in sanfte 80er-Keyboard-Klänge eingebettet sind, überzeugen durch Reimkunst und Simplizität: „All die Probleme entstehen/weil Menschen sich niemals zufrieden geben“.
„Kann es intelligente Dummheit geben?“, fragt Schernikau in seinem Schlagertext. Bezogen auf Dagobert: Ist das alles, mitsamt der Schmachtgitarre, nun schlicht wahr oder bekloppt? Wenn Jäger mit verträumter Stimme Sachen singt wie „Flieg mit mir zurück in die Zeit/Als wir Verliebte waren/Lang lebe die Unwissenheit/Nur sie kann Liebe offenbaren“ – dann hat das was von der Direktheit der Texte des späten Jochen Distelmeyer. Lukas Jäger ist zudem der, soweit ich sehe, Erste, der eine recht grundlegende Negativität in ein im weitesten Sinne Schlager-Universum einspeist, ohne dass das eine das andere erschlagen würde.
Schlager ist, „wenn die Leute eher etwas Weltfremdes wollen, etwas mit unbestimmter Sehnsucht und nur zwei Leuten“, schreibt Schernikau. Eins zu eins heißt in diesem Fall auch, die Angst einfach auszusprechen, singend, die in den kulturindustriell verfertigten Durchhalteparolen des Genres heimlich mitschwingt: „Niemand teilt mit Dir das Leben/Du bist allein/Und so wird es auch bleiben/Du wirst für immer leiden“.
Sa, 12. 10., 20.30 Uhr, Lagerhaus
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