Benins Präsident vor der Wiederwahl: Ein Selfmademan als Staatschef

Kein Müll mehr auf den Straßen, keine Opposition mehr im Parlament: Präsident Patrice Talon hat Benin aufgeräumt. Jetzt will er weiterregieren.

Stadtbild von Cotonou in Benin

Kein Müll mehr im Zentrum von Cotonou: Präsident Talon hat in der Hauptstadt für Ordnung gesorgt Foto: Katrin Gänsler

COTONOU taz | Sylvain Hazoume läuft der Schweiß übers Gesicht. Er trägt einen weißen Bauarbeiterhelm, eine orangefarbene Maske, ein dunkelrotes Poloshirt und dicke, große Gummihandschuhe mit schmutzig braunen Handflächen. Bei 30 Grad Celsius und einer Luftfeuchtigkeit von mehr als 80 Prozent leistet er Schwerstarbeit.

Schon seit über sechs Wochen sind Hazoume und Dutzende Kollegen des staatlichen Abfallbetriebs SGDS-GN in Benins Wirtschaftsmetropole Cotonou unterwegs und säubern die Rinnsteine. An diesem Tag stehen Straßen im Viertel Zongo an. Ganz in der Nähe sind Botschaften und Büros internationaler Organisationen.

Hazoume schaufelt Sand aus dem Rinnstein. Zum Vorschein kommen auch Plastiktüten und diverser Müll, alles wird später per Lkw abtransportiert. Autos rauschen dicht an ihm vorbei. Er atmet ständig Abgase ein, steht er doch knietief im Rinnstein.

Lob gebe es allerdings schon, sagt Hazoume in einer kurzen Pause. „Die Menschen, die hier wohnen oder arbeiten, bleiben stehen und ermutigen uns, weiterzumachen.“ Auch er steht hinter seiner Arbeit: „Wir müssen doch in einem Umfeld leben, das sauber und angenehm ist.“ Dann nimmt er die Schaufel wieder in die Hand.

In Cotonou werden längst nicht nur Rinnsteine gesäubert. Straßenkehrer sind unterwegs, Abfalleimer werden aufgestellt. Entlang der großen Straßen leeren Müllfahrzeuge dreimal pro Woche private Tonnen. Wo sie nicht durch die engen, sandigen Straßen kommen, sind motorisierte Dreiräder im Einsatz. In ihrem knalligen Grün fallen sie schon von Weitem auf. Der Service ist kostenlos.

Benins Präsident Patrice Talon

Wirkt hier ungewöhnlich unscheinbar: Patrice Talon Foto: Philippe Wojazer/reuters

Im Vergleich zu vielen afrikanischen Metropolen, wo Müllentsorgung kaum existiert, gibt sich Cotonou mit seinen rund 800.000 Einwohnern damit sauber, modern und dynamisch. Das Stadtbild wird gründlich umgekrempelt.

Der Flughafen mitten im Zentrum wurde umgebaut. Aus der Marina an der Meeresküste wurde eine sechsspurige Autobahn. Links und rechts davon entsteht neben dem Hafen, der bis zu 60 Prozent des Bruttoinlandsprodukts von Benin erwirtschaftet, ein Park. Ein Behördenzentrum soll folgen, und es gibt ein Startup-Hub: Sèmè City.

Der „Baumwollkönig“ als Präsident

Für viele Beni­ne­r*in­nen ist die Umgestaltung Cotonous mit einem Namen verbunden: Patrice Talon. Der 62-Jährige ist seit fünf Jahren Präsident. Als er 2016 gewählt wurde, versprach er eine Regierung des Umbruchs. Das klang plausibel, trat er doch als parteiunabhängiger Bewerber an.

Gleichzeitig ist er ein Selfmademan, der sein Vermögen – das Wirtschaftsmagazin Forbes schätzt es auf rund 353 Millionen Euro – vor allem mit Baumwolle erwirtschaftet hat, Benins Exportgut Nummer eins.

Roger Gbégnonvi, Exminister

„Er führt dieses Land wie ein Unternehmen: Es muss funktionieren“

Ein politischer Außenseiter war Talon nie. Er beriet seinen Vorgänger als Präsident, Boni Yayi, bis er sich 2012 mit ihm überwarf. Talon wurde ein Vergiftungskomplott vorgeworfen, er ging für drei Jahre nach Frankreich ins Exil. Dann wurde er begnadigt, kam zurück – und gewann die Präsidentenwahl.

50 Kilometer westlich von Cotonou in Ouidah sagt der einstige Alphabetisierungsminister Roger Gbégnonvi über Talon: „Ich habe den Eindruck, dass er dieses Land wie ein Unternehmen führt: Es muss funktionieren.“ Dazu würden auch radikale und unliebsame Entscheidungen gehören.

Das stört seine An­hän­ge­r*in­nen nicht. Beim Wahlkampfauftakt in Cotonou jubeln ihm vor dem Kongresspalast Hunderte zu. Talon genießt die Aufmerksamkeit. Er wirkt kleiner und unscheinbarer als auf den riesigen Wahlplakaten. Im weißen Anzug und schwarzem Käppi schreitet er Richtung Sitzungsaal, faltet die Hände zu einer Dankesgeste.

Flora Agoudavi, eine der Jubelnden, klatscht und strahlt. „Ich will unseren Präsidenten unterstützen. Das sehe ich als meine Bürgerpflicht.“ Dass er mit seiner erneuten Kandidatur sein Versprechen von 2016 bricht, nach einem Mandat von fünf Jahren aufzuhören, stört sie nicht. Flora Agoudavi findet: „Er muss die Chance bekommen, seine Projekte fertigzustellen.“

Seit dem Wahlkampfauftakt Ende März hängen überall in Cotonou die Plakate von Patrice Talon und Mariam Chabi Talata – Be­wer­be­r*in­nen um die Präsidentschaft in Benin treten wie in den USA als Duo an. Von den beiden anderen Kandidatenteams ist kaum etwas zu sehen. Vor allem sind Alassane Soumanou und Paul Hounkpè sowie Corentin Kohoué und Iréné Agossa in der Öffentlichkeit wenig bekannt.

Spitzenkandidat Kohoué gibt im Interview unumwunden zu: „Meine Kandidatur hat viele überrascht.“ Im Haus seines Vizes Agossa sitzt er in einem schweren hellgrauen Ledersofa und verweist auf seine politische Erfahrung. Vor allem aber setzt er auf eine Protestwahl gegen Talon. „Die Menschen sind doch müde von dieser Diktatur. Selbst jene, die ihm nahe stehen.“

Opposition wird klein gehalten

Talon hat es geschafft, die Opposition gegen ihn klein zuhalten. Bei der Parlamentswahl 2019 wurden ausschließlich Talon-freundliche Parteienbündnisse zugelassen. Einer der bekanntesten Oppositionellen lebt im Exil, wie Talon früher: Sébastian Adjavon, der als Geschäftsmann mit dem Handel von Fisch und Geflügel ein Millionenvermögen erwirtschaftet hat.

Als Dritter der Präsidentenwahl 2016 unterstützte er in der anschließenden Stichwahl noch Talon. Im gleichen Jahr wurde in einem Container, der für sein Unternehmen bestimmt war, Kokain in einem Wert von 18 Millionen Euro gefunden. 2018 wurde Adjavon zu 20 Jahren Gefängnis verurteilt. Er floh nach Frankreich und erhielt politisches Asyl.

Auch Oppositionelle, die noch in Benin sind, treten am Sonntag nicht an. Dazu gehört Reckya Madougou, die unter Boni Yayi Ministerin war. Sie wurde Anfang März verhaftet. Der Vorwurf: Sie würde Terrorismus finanzieren und wolle die Wahl sabotieren.

Vielen gilt sie als „politische Geisel“ und als eine Person, die Talon künftig tatsächlich gefährlich werden könnte. Die 46-Jährige ist eloquent, dynamisch, gut ausgebildet und hat als Beraterin von Togos Präsident Faure Gnassingbé längst ein Netzwerk innerhalb der Region.

Dass die Wahlkommission von 20 Kan­di­da­t*in­nen nur Talon und 2 weitere zur Wahl zugelassen hat, liegt am neu eingeführten System der Patenschaft. Jede Kandidatur muss von 10 Prozent der Bürgermeister oder Par­la­men­ta­rie­r*in­nen befürwortet werden. Da im Parlament aufgrund dieses Systems nur noch zwei Parteien sitzen, die beide Präsident Talon nahestehen, ist das für Oppositionelle schwierig.

Das Interesse der Bevölkerung an Wahlen ist entsprechend gering, Talons Wiederwahl gilt als sicher. Auch die Kommunalwahl 2020 interessierte kaum. Benin war 1990 eines der ersten Länder Afrikas, das vom Einparteienstaat zur Mehrparteiendemokratie fand, aber nach gut 30 Jahren nimmt die Demokratie zunehmend autoritäre Züge an.

Das bessere Leben ist noch weit weg

Im Viertel Menontin ganz in der Nähe des Stadions steht Monique Adinou vor dem Eingang einer Schule unter einem Baum im Schatten. Sie muss gegen den Lärm der Grund­schü­le­r*in­nen ansprechen. Die 40-Jährige hat selbst vier Kinder im Alter von 8 bis 20 Jahren, die alle noch zur Schule gehen. Um deren Schulgeld aufzubringen, verkauft sie seit fünf Jahren jeden Tag Joghurt und Maniokbrei.

An guten Tagen wirft das einen Gewinn von etwas über 3 Euro ab. „Viel ist das nicht, aber irgendetwas muss ich machen“, sagt die dünne Frau auf Fon, der am weitesten verbreiteten Sprache im Süden Benins.

Ansonsten fühlt sich Monique Adinou ziemlich alleine gelassen, da sie keine andere Unterstützung bekommt. Von den neuen und ausgebesserten Straßen in Cotonou profitiert zwar die ganze Bevölkerung. Bessere Wohnbedingungen für jene mit wenig Geld sind aber nicht entstanden.

Ein Grund, am Sonntag gegen den Amtsinhaber zu stimmen, sei das allerdings nicht, findet Monique Adinou: „Er wird zwar viel kritisiert. Die Dynamik, die er entfacht hat, muss aber erhalten bleiben.“

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