Barbara Dribbusch über den Streit um das Renteneintrittsalter: Klassenfragen im neuen Gewand
Schwerarbeiterpension – so heißt das Konstrukt in Österreich, nach dem bestimmte Berufsgruppen unter erleichterten Bedingungen in Rente gehen können. Ein hoher Kalorienverbrauch, Nachtschichten, schwere Pflegetätigkeiten gelten zum Beispiel als Merkmale von Schwerarbeit.
Angesichts der demografischen Entwicklung wird auch in Deutschland die Diskussion aufkommen: Wer kann früher aufhören und ohne Abschläge in Rente gehen, und wem kann man in Zukunft eine längere Lebensarbeitszeit zumuten? Die „Rente mit 63“ als Differenzierungsinstrument hat sich nicht wirklich bewährt, davon profitieren vor allem Leute mit mittleren Einkommen, hat kürzlich wieder eine Studie gezeigt.
Arbeitgebervertreter und zuletzt der Wirtschaftsweise Martin Werding fordern, das Renteneintrittsalter mittelfristig an die steigende Lebenserwartung zu koppeln, also etwa anzuheben auf 69 Jahre. Unerwähnt lassen sie dabei, dass sich Lebenserwartungen höchst unterschiedlich entwickeln. Männer mit geringen Einkommen leben im Schnitt sechs Jahre kürzer als ihre wohlhabenden Geschlechtsgenossen. Beamt:innen sterben im Schnitt vier Jahre später als Arbeiter:innen. Würde man der Logik der Lebenserwartung folgen, müsste man das Pensionsalter für Beamt:innen anheben und das Renteneintrittsalter für Paketzusteller:innen absenken. Die alte Klassendifferenzierung zwischen „körperlicher“ und „geistiger“ Arbeit allein reicht aber nicht aus, denn neben dem körperlichen Stress zählt die nervliche Belastung, wie jede Grundschullehrerin in einem sogenannten Problembezirk weiß.
Das Verhetzungspotenzial ist also groß. Trotzdem muss sich die Politik mittelfristig an Differenzierungen wagen: an einen erleichterten Zugang zu Erwerbsminderungsrenten, eine staatliche Förderung von Teilzeit im Alter, ein Einfrieren des Rentenzugangsalters für bestimmte Berufsgruppen mit hohen Belastungsfaktoren, die man arbeitswissenschaftlich bestimmen kann. Eine solche Differenzierung würde auch Mangelberufe etwa in der Pflege attraktiver machen. Man muss es versuchen.
Die taz schreibt, redet und diskutiert für Pluralismus und eine freie, offene Gesellschaft – besonders jetzt, wo der Rechtsextremismus weiter erstarkt und demokratische Institutionen angreift. Dort wo rechtsextreme Kräfte an Zustimmung gewinnen, wächst auch die Befürchtung vor zunehmenden Angriffen und Diffamierungen gegen Gegner*innen extrem rechter Politik. Besonders selbstverwaltete Orte spüren diesen Druck, dabei brauchen wir gerade jetzt Orte der Kritik, (Sub)Kultur und der Solidarität. Gerade jetzt müssen wir zusammenhalten und uns solidarisch mit denjenigen zeigen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit „Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen