Autor über Autobahnraststätten: „Kein besonders populärer Ort“

Florian Werner über den speziellen Reiz der Raststätte und die Menschen, die täglich am Rand der Autobahn sein müssen.

Florian Werner vor einem Gebäude der Raststätte Dreilinden

Schele Blicke beim Einchecken ins Motel: Florian Werner hat in Garbsen Nord recherchiert Foto: Christian Werner

taz: Florian Werner, wann waren Sie zuletzt auf einer Autobahnraststätte?

Florian Werner: Oh, das müsste ich natürlich wie aus der Pistole geschossen sagen können. Aber weil ich eigentlich gar kein Auto habe, sondern überzeugter Bahnfahrer bin, habe ich schon länger an keiner mehr gehalten. Mal überlegen: Im Sommer, meistens für Interviews. Zum letzten Mal war ich wahrscheinlich auf der Raststätte Denkendorf bei Stuttgart.

Florian Werner liest aus „Die Raststätte. Eine Liebeserklärung“, dazu Fotos von Christian Werner (Moderation Alexander Häussler): So, 17. 10., 17 Uhr, Schloss Agathenburg (Landkreis Stade). Anmeldung nötig: ☎ 04141-64011, info@schlossagathenburg.de

Das Buch „Die Raststätte. Eine Liebeserklärung“ ist bei Hanser Berlin erschienen. Fotografien von Christian Werner, 192 S., 22 Euro; E-Book 16,99 Euro

Das war dann die originelle Idee journalistischer Kolleg_innen?

Klar, immer wenn es ums Fernsehen ging, musste natürlich auf einer Raststätte gedreht werden. Vermutlich war ich seit Erscheinen des Buches häufiger dort als vorher.

Mal abgesehen von Journalist_innen während Interviews: Wen trifft man auf solchen Raststätten – vor allem Menschen, die dort sein müssen?

Einerseits Menschen, die dort arbeiten: das Personal der Rastanlagen, Angehörige der Autobahnpolizei, und natürlich sehr viele Lkw-Fahrer, die dort ihre vorgeschriebene Haltezeit verbringen. Andererseits trifft man natürlich auch Reisende, die dort Halt machen, weil der Druck der Blase es eben erfordert. Oder die Leere des Tanks. Und die bleiben naturgemäß nur sehr kurz: Die durchschnittliche Verweildauer in Deutschland liegt, glaube ich, bei 12 bis 15 Minuten. Diese Durchmischung macht die Raststätte so einzigartig: Man trifft fast alle sozialen Schichte. Alle, die mit einem motorisierten Gefährt unterwegs sind, machen da irgendwann Halt, vom Studenten im Flix-Bus bis zu Angela Merkel, die mit ihrem Dienstwagen unterwegs ist. Ein riesiger sozialer Querschnitt, der da vorbei fließt. Aber es gibt, wie gesagt, eben auch Menschen, die berufsbedingt immer da sind – und die haben mich besonders interessiert.

Haben diese Menschen etwas gemeinsam?

Ich muss zugeben: Ich war überrascht, wie viele Leute dort ihren Beruf offenbar gerne und aus Überzeugung machen: vom LKW-Fahrer aus dem Bergischen Land, der mir erzählt hat, dass er sich am Ende der Sommerferien schon drauf gefreut hat, dass er endlich wieder ans Steuer darf. Bis zum Pächter, der auf der Raststätte aufgewachsen ist und dort auf dem Parkplatz Fahrrad fahren gelernt hat. Das ist die eine Gemeinsamkeit. Die zweite ist, dass gerade an einem so flüchtigen Ort eine Art dynastischer Gedanke weiterlebt: Der erwähnte LKW-Fahrer hat sich für seinen Job entschieden, weil sein Vater das auch schon gemacht und ihn früher immer mit dem 40-Tonner mitgenommen hat. Und der Raststättenpächter macht das schon in dritter Generation. Ausgerechnet an der Autobahn gibt es also Kontinuitäten wie früher auf dem Erbhof oder der Mühle.

Wie kam es überhaupt dazu, dass Sie das Buch geschrieben haben?

Wie gesagt: Ich bin kein Automobilist – und trotzdem hat mich der Ort Autobahnraststätte fasziniert. Ursprünglich wollte ich ein Wanderbuch schreiben und dafür einmal die A 7 entlang wandern, von Flensburg bis nach Füssen, immer schön im Straßengraben, da sieht man sicher viel, dachte ich. Aber je länger ich darüber nachgedacht und die Karte studiert habe, desto klarer wurde mir: Das ist wirklich eine Schnapsidee, etliche freudlose Wochen mit Abgasen in der Nase. Also bin ich lieber gleich zur Rast übergegangen.

50, hat Anglistik, Amerikanistik und Germanistik studiert. Er schreibt erzählende Sachbücher und Prosa, spielt Fußball in der Deutschen Autorennationalmannschaft.

www.florianwerner.net

Stattdessen: Abgase in Garbsen Nord?

Ich habe mich gefragt: Wie wäre es, wenn ich mich genau an der Stelle einquartiere, an der sich die A 7 und die A 2 kreuzen – also die große Nord-Süd- und die große Ost-West-Verbindung? Ich habe dann gemerkt, dass viele Sachen, die mich interessieren – Verkehrspolitik, aber auch das Tabuisierte, übel Beleumundete, Ekelbesetzte – sich an diesem Ort kondensieren. Die Raststätte ist ja kein besonders populärer Ort, aber genau solche Orte finde ich spannend: Weil sie starke Emotionen hervorrufen, weil sie Anlass zum Streiten und Nachdenken bieten, politisch, ökologisch, psychologisch und philosophisch. Als Nichtautofahrer auf einer Raststätte habe ich mich manchmal gefühlt wie ein Ethnograf in einer fremden Kultur. Weil es eben gar nicht mein natürliches Habitat ist.

Haben Sie mit den Ethnografenschwierigkeiten zu kämpfen gehabt, also etwa, erst mal Vertrauen aufbauen zu müssen?

Ich wollte da nicht als klassischer Journalist auftreten. Ich hätte ja eine offizielle Anfrage stellen können und Interviewtermine vereinbaren. Aber ich bin erstmal anonym da hin gefahren, um den Ort auf mich wirken zu lassen und zu schauen: Was geben die Leute alles von sich preis? Das war natürlich total naiv: In dem Moment, als ich für mehrere Nächte im Motel auf der Raststätte eincheckte, wurde ich scheel angesehen – so was macht ja kein vernünftiger Mensch. Auf Raststätten übernachten ohnehin nur noch wenige Menschen, und schon gar nicht für mehrere Tage. Aber als das Eis irgendwann gebrochen war, waren alle sehr offen – nach ein paar Tagen Beschnuppern.

Haben Sie eine Idee, welche Befürchtungen da vorgelegen haben? Die Sorge, in die Pfanne gehauen zu werden?

Es gibt einen großen Monopolisten, die Tank & Rast mit Sitz in Bonn, zu der etwa 95 Prozent aller deutschen Raststätten gehören. Die mögen, soweit ich weiß, keine Publicity. Brauchen sie auch nicht: Die Leute kommen sowieso, egal ob sie ein Buch über Raststätten gelesen haben oder nicht.

Ziemlich zu Beginn bezeichnen Sie Autobahnratstsätte als „Knotenpunkt“, an dem sich „deutsche Zeitgeschichte verdichte“. Wie genau tut sie das?

Die Autobahnraststätte ist für mich eine Art deutscher Schicksalsort. Weil die Geschichte des 20. Jahrhunderts seit der NS-Herrschaft eben eng damit verwoben ist. Welchen Stellenwert die Nazis dem Autobahnbau beigemessen haben, ist ja bekannt: als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme, als Demonstration vermeintlichen Fortschrittswillens und natürlich aus militärstrategischen Überlegungen heraus. Ich glaube, zwei Wochen nach der Machtübernahme erfolgte der erste Spatenstich für die Reichsautobahn. Und seitdem hat sich Deutschland, als bekennende Autofahrernation, immer auch an diesen Bauwerken entlang gehangelt, sich über sie definiert. Die Zeitgeschichte der letzten knapp 90 Jahre lässt sich anhand des Raststättenbaus plastisch nachvollziehen. Zunächst waren sie ideologisch überformt, sollten ein architektonisches Spiegelbild des jeweiligen Gaues sein. Im Krieg wurden sie dann teilweise zu Lazaretten umfunktioniert.

Und nach dem Krieg?

Da war dann natürlich der Automobilwahn in vollem Gang. Ich glaube, es gibt kein Land mit einer vergleichbaren Dichte an Autobahnraststätten – alle 50 Kilometer steht eine. Und die Raststätten der Nachkriegszeit strahlten einen enormen Zukunftsoptimismus aus, immer schön der Straße und dem Fortschritt zugewandt. In den 1970er-Jahren begann dann die Dekadenzphase. Ich glaube, wer damals auf westdeutschen Straßen unterwegs war, wird sich erinnern: Das waren teilweise ziemlich fiese Orte.

Und heute?

Inzwischen sind die Raststätten fast komplett durchfilialisiert. Wie eigentlich ganz Deutschland.

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