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Ausziehen bei Mama Meta

Einmal monatlich zeigen europäische Hacker, wie sich Normalsterbliche von Whatsapp, X, Paypal und Co. befreien können. Auch in Stralsund gibt es Hilfestellung beim Wunsch nach mehr Unabhängigkeit. Zu Besuch im Hackerspace Port39

Tüft­le­r:in­nen und Datenschützer:innen bei einer Versammlung des Chaos Computer Clubs Foto: Daniel Bockwoldt/dpa/picture allaince

Aus Stralsund Clara Dünkler

An einer Baracke am Hafen von Stralsund hängt ein graues Schild: Port39, Hackerspace. Anfang Februar ist es so kalt, dass selbst drinnen am Fenster Eisblumen wachsen. Blass spiegeln sich darin die Lichter der an den Wänden befestigten LED-Streifen – abwechselnd orange, blau, grün.

Florian Becker, der ein schwarzes T-Shirt und Brille trägt, sitzt am Tisch vor seinem aufgeklappten Laptop. Darauf ein Sticker: „May contain Hackers“. Aus einer Flasche trinkt er einen Schluck Mate und tippt schnell etwas auf seiner Tastatur. Becker hat den Port39 im Jahr 2019 ins Leben gerufen. Normalerweise treffen sich hier Computernerds wie er, um gemeinsam zu programmieren, Sicherheitslücken in Software aufzuspüren oder mit dem Lötkolben kaputte Microchips zu reparieren.

Heute nicht. Es ist der erste Sonntag des Monats und der Hackerclub öffnet seine Türen speziell für Menschen, die weniger Ahnung von Technik haben. Denen wollen Becker und seine Kol­le­g:in­nen an diesem Tag beim Umzug helfen. Nicht etwa in eine neue Wohnung, sondern in die digitale Unabhängigkeit. Was das bedeutet? „Kurz gesagt: Nicht auf Big-Tech-Ami-Konzerne angewiesen zu sein“, sagt Becker.

Port39 trägt damit zum Digitalen Unabhängigkeitstag bei, dem „Digital Independence Day“, kurz „Di.Day“. Dazu hatte der Chaos Computer Club (CCC), die größte Hackervereinigung Europas, gemeinsam mit weiteren Organisationen auf seiner Jahreskonferenz Ende 2025 aufgerufen. Die Ankündigung übernahm dabei kein Geringerer als Autor Marc-Uwe Kling – beziehungsweise seine beliebte Romanfigur: das Känguru.

„Jeden ersten Sonntag auf die gute Seite wechseln“, lautet das Motto des Digitalen Unabhängigkeitstages. Gründe dafür gibt es zur Genüge: Mehrheitlich US-amerikanische Tech-Unternehmen, mit Milliardären wie Elon Musk, Mark Zuckerberg oder Jeff Bezos an der Spitze, kontrollieren weite Teile der digitalen Welt. Ihre Quasi-Monopolstellung nutzen sie immer stärker für ihre politischen Interessen, die seit Jahren immer enger mit denen der MAGA-Bewegung und von US-Präsident Donald Trump verwoben sind. Bei X, ehemals Twitter, werden Hass-Kommentare seit der Übernahme des Dienstes durch Musk 2022 nicht mehr gelöscht, ex­trem rechte Accounts stattdessen hervorgehoben. Instagram, ein Dienst von Zuckerbergs Konzern Meta, zeigte den Hashtag #democrat am Tag der zweiten Amtseinführung Trumps zeitweise nicht mehr an. Begründung: „sensibler Inhalt“.

Am Di.Day sollen Menschen also dazu befähigt werden, sich von Whatsapp, Instagram und X, aber auch von Google, Microsoft und Co. zu lösen. Termine dafür gibt es von Lissabon bis Stralsund. Allein an diesem Tag finden 161 Veranstaltungen statt.

In Stralsund klingelt es an der Tür. Statt aufzustehen, drückt Becker auf einen roten Knopf in der Mitte seines Tisches, der aussieht wie ein Buzzer in einer Fernsehshow. Die Eingangstür öffnet sich automatisch. Herein kommt Anja Dobrint. Es ist ihr erstes Mal in einem Hackerspace, obwohl sie den Port39 schon seit einer Weile auf In­sta­gram verfolgt. Außerdem ist sie großer Fan von Marc-Uwe Kling. Auch vom Di.Day hat sie über Instagram erfahren. „Das ist natürlich etwas ironisch“, sagt sie und lächelt. Denn von der Plattform wolle sie eigentlich loskommen.

Becker kennt das Dilemma: „Es ist nicht optimal“, sagt er, „aber irgendwie müssen wir die Leute ja erreichen.“ Das sei an der Küste gar nicht so leicht. Der Port39 sei „das am dünnsten besiedelte Chaos in Deutschland“. Heißt: Der Hackerclub ist ein regionaler Ableger des CCC – der einzige sogenannte Erfahrungsaustauschkreis in Mecklenburg-Vorpommern. Und dazu der, in dessen Stadt- und Landkreis am wenigsten Menschen wohnen. Mittlerweile hat der Verein dennoch 30 feste Mitglieder. „Beständigkeit ist hier oben wichtig“, sagt Becker.

Einige seiner Kollegen bieten heute zum Di.Day ihre Expertise an. Auf die drei Port39er kommen drei Interessierte. Quasi Eins-zu-eins-Beratung. Neben Mate gibt es schwarzen Tee, und wer Fragen hat, darf sie stellen. Ein Teilnehmer lässt sich dabei helfen, der Nachrichten-App Telegram sämtliche Berechtigungen zu nehmen: kein Zugriff mehr auf Kontakte, Fotos und auch auf den Standort nicht.

„Ist Telegram denn gut?“, will er wissen. Er ist vor allem um sichere Kommunikation besorgt. Telegram sei so eine Sache, ganz transparent gehe das Unternehmen nicht mit seinen Zielen um, sagt ein Port39er. Immer wieder wird der Dienst dafür kritisiert, Raum für extremistische Inhalte zu bieten. Stattdessen empfehle er Signal, da die App open source ist – also auf einem öffentlich einsehbaren Code basiert. Und weil das Unternehmen, das sie anbietet, als Nonprofitorganisation nicht auf Gewinn ausgelegt ist.

Wer statt anderer Messengerdienste schon Signal nutzt und die herkömmlichen sozialen Medien hinter sich gelassen hat, wird in die Welt der alternativen Betriebssysteme eingeweiht. Becker zeigt auf sein Handy. „Hier ist zum Beispiel Graphene OS drauf“. OS steht für „Operating System“ – Betriebssystem. Wie Signal ist auch Graphene OS ein Open-Source-Projekt. Das Besondere hier: Es unterstützt keine Google-Anwendungen, sie funktionieren damit grundsätzlich nicht. Folglich kann das US-Unternehmen keine Daten über ein Gerät sammeln, das mit Graphene OS betrieben wird – und auch über seine:n Be­sit­ze­r:in nicht. „Letztlich sind Daten Macht, deswegen sollten wir genau prüfen, mit wem wir sie ­teilen“, sagt Becker in die Runde.

Anja Dobrint hat noch eine Mission: sich von Paypal freimachen. Einst unter anderem von Tech-Milliardär Peter Thiel gegründet, ist das Unternehmen zum Gigant unter den Online-Bezahldiensten geworden. Eigenen Angaben zufolge mit 35 Millionen aktiven Kundenkonten in Deutschland – und über 400 Millionen weltweit.

Becker klickt sich mit Dobrint durch die Webseite des Di.Days. Hier gibt es „Rezepte“, die Schritt für Schritt erklären, wie man Big-Tech hinter sich lässt. Mit Zeitangabe und Schwierigkeitsgrad wird der Wechsel von Whatsapp zu Signal, von X zum alternativen Kurznachrichtendienst Mastodon oder von Google zur Öko-Suchmaschine Ecosia schmackhaft gemacht. Als Alternative zu Paypal wird Wero vorgeschlagen. Anders als Paypal ist Wero ein europäisches Bezahlsystem. Das einzige Problem: Es ist noch nicht so weit verbreitet. Gerade beim Online-Shopping akzeptieren es viele Webseiten noch nicht.

Dobrint kennt das schon von Signal. Der Wechsel sei keine technische Herausforderung gewesen, sagt sie. App herunterladen, Telefonnummer eingeben und los geht’s. „Aber ich hatte dann nur einen weiteren Kontakt“, erinnert sie sich. Becker hat auch dafür einen praktischen Tipp: „Man muss anderen Leuten vom Wechsel erzählen“, sagt er. Man könne zum Beispiel sein Profilbild auf Whatsapp zu einem Text ändern: „Ich bin jetzt auf Signal.“ So wüssten die Kontakte, wo man am liebsten kommunizieren möchte.

Wie groß die Herausforderung ist, die Machtmonopole der Tech-Konzerne zu überwinden, erklärt Becker den Teil­neh­me­r:in­nen anhand weiterer Beispiele: Amazon, Microsoft und Google dominierten gemeinsam 70 Prozent der Cloudservices in der Europäischen Union, sagt er. Das bedeute, dass die hier gespeicherten Daten auf Servern der US-Unternehmen liegen. Dann wäre da noch Microsoft Office, die mit 85 Prozent mit Abstand am meisten in deutschen Unternehmen genutzte Bürosoftware. „Noch krasser“ sei aber Cloudflare. Der Dienst macht Webseiten schneller und sicherer. Zum Beispiel durch die „Bist du ein Mensch“-Frage, die beim Aufsuchen mancher Websites aufploppt und per Klick auf ein Kontrollkästchen bestätigt werden muss. Über den Service des in San Francisco ansässigen Unternehmens laufe ein großer Teil des weltweiten Internetverkehrs, sagt Becker.

Diese Monopolisierung widerspreche dem Urgedanken eines freien Internets. Dabei gehe es „nicht nur um Datenhoheit, Privatsphäre und das Ziel, Big-Tech nicht zu unterstützen“. Eine große Gefahr sei, dass eine Handvoll Menschen gerade in der Lage wäre, das Internet ­praktisch großflächig auszuschalten.

Letztlich sind Daten Macht, deswegen sollten wir genau prüfen, mit wem wir sie teilen

Florian Becker, Hacker und Port39-Gründer

Wie fragil die weltweite digitale Infrastruktur ist, sei vielen gar nicht bewusst, sagt Becker. „Ein Beispiel dafür ist die xz Library, habt ihr das mitbekommen?“, fragt er die Teilnehmenden. Mehrheitliches Kopfschütteln. „Eigentlich macht das Open-Source-Programm nicht viel, es komprimiert Daten“, erklärt er. Aber es stecke in fast jedem Linux-System. 2024 sei vor einem Update erst im letzten Moment bemerkt worden, dass jemand versucht hatte, den Code zu manipulieren. „Das wäre fatal gewesen“, sagt Becker. Ein Großteil der weltweiten Computer und Server wäre dann angreifbar gewesen.

Um die Struktur des Systems Internet und des Digitalen nachhaltig zu verändern, braucht es politische Maßnahmen und den Aufbau von Alternativen. Die EU versucht das unter anderem mit dem Digital Services Act (DAS), der seit 2024 gültig ist. Hierüber werden Onlineplattformen und soziale Medien gesetzlich dazu verpflichtet, schneller und konsequenter gegen illegale Inhalte, wie etwa Hassbotschaften, vorzugehen. Die erste DSA-Strafe wurde im Dezember 2025 gegen X verhängt. 120 Millionen Euro soll das Unternehmen aufgrund mangelnder Transparenz zahlen. Zudem will die EU über Förderprojekte die europäischen Serverkapazitäten ausbauen.

Für Normalsterbliche bleibt derweil vor allem die Wahl, welche Browser, Nachrichten-Apps oder sozialen Medien sie nutzen. Die eine Lösung gibt es dabei nicht. Das weiß auch Becker: „Wir dürfen auf keinen Fall den Idealismus-Hammer schwingen. Das können wir als Nerds machen, aber das ist nichts für die breite Masse.“

Das Eis an den Fenstern des Port39 ist durch die Wärme der Anwesenden mittlerweile abgetaut. Im Licht der bunten LEDs packen diese ihre Sachen zusammen. Der heutige Di.Day geht zu Ende. Im Hintergrund läuft epische Filmmusik. Auch Anja Dobrint macht sich auf den Weg nach Hause. Dort will sie das Rezept zum Wechsel von Paypal auf Wero in Ruhe um­setzen. Und sie hat sich vorgenommen, wiederzukommen. „Spätestens bis zum ersten Sonntag im März“, sagt sie zum Abschied.

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