Ausstellung über Mode in Afrika: Ein Akt der Befreiung

Mit der umfangreichen Ausstellung „Africa Fashion“ zeigt das Londoner Victoria & Albert Museum, wie Mode mit Dekolonialisierung verknüpft ist.

Mode aus Afrika, drei Models zeigen unterschiedliche Designs

Afrikanische Mode aus dem 21. Jahrhundert Foto: Africa Fashion at the Victoria and Albert Museum, London

Im Londoner Victoria & Albert Museum ist derzeit eine umfassende Ausstellung über afrikanische Mode zu sehen, die einen chronologischen Überblick über das Modegeschehen in Afrika nach der Dekolonialisierung bis in die Gegenwart gibt und deutlich macht, wie die radikale soziale und politische Neuordnung nach der Unabhängigkeit auf dem afrikanischen Kontinent eine kulturelle Renaissance ohnegleichen auslöste.

1960 war das Afrikanische Jahr: Über 17 Länder sagten sich von den Kolonialmächten los, eine neue Kultur war im Entstehen, die sich in exzessiver Kreativität entlud. Insbesondere Kleidung diente zur Selbstdarstellung der neu gefundenen Identität, Mode und altes Handwerk wurden neu entdeckt.

Das erste Weltkunstfestival fand 1966 in Dakar, Senegal, statt und zelebrierte drei Wochen lang afrikanische und schwarze Ausdrucksformen über Grenzen und Kontinente hinweg. 25.000 Gäste genossen Kunst, Tanz, Theater, Musik, Vorträge und feierten den Beginn einer neuen Zeit auf dem afrikanischen Kontinent, was international Aufmerksamkeit erregte.

Die südafrikanische Sängerin Miriam Makeba – auch Mama Africa genannt –, die aus dem Exil gegen Apartheid in ihrem Land kämpfte, veröffentlichte 1967 das auf isiXhosa geschriebene Lied „Pata Pata“, das weltweit zum Ohrwurm wurde und das Lebensgefühl dieses Moments exakt zum Ausdruck brachte.

Die Bedeutung der Stoffe

Gleichzeitig wurde eine strategische Professionalisierung der Modeindustrie in die Wege geleitet, wobei viele Menschen in den Betrieben Arbeit fanden und durch Kleidung ihren Freiheitssinn zum Ausdruck brachten, indem sie einheimische Stoffe in einen gemusterten Anzug umwandelten oder etwas völlig Neues erfanden.

Noch bis zum 16. April 2023. Victoria & Albert Museum, London. Katalog: „Africa Fashion“, 224 Seiten, 25 Pfund

Fotos von Frauen in langen, schmalen Kleidern aus gemusterten, grell bunten Stoffen, die auf Vespas ihre Stadt erobern, verkörpern diesen emanzipatorischen Aufbruch in die Moderne aufs Beste und sie unterscheiden sich deutlich von Europäerinnen in diskret grauen Dior-Kostümen.

„Die Politik und Poesie von Stoffen“ ist ein Ausstellungsbereich, der sich mit der tieferen Bedeutung von Stoffen in vielen afrikanischen Ländern befasst und darlegt, wie die Herstellung und das Tragen von einheimischen Stoffen im Moment der Unabhängigkeit zu einem strategischen politischen Akt wurde.

Zu sehen sind Wachsdrucke, Gedenktücher, àdìrẹ, Kente und bògòlanfini – Beispiele für eine reiche Textilgeschichte, die Tausende von Techniken aus dem ganzen Kontinent umfasst. Ausgestellt ist auch ein Gedenktuch, das Anfang der 1990er Jahre nach der Freilassung von Nelson Mandela hergestellt wurde. Es zeigt ein Porträt des ersten schwarzen Präsidenten Südafrikas und die Aufschrift „Ein besseres Leben für alle – wir arbeiten gemeinsam für Arbeitsplätze, Frieden und Freiheit“.

Altes neu erfinden

Designer wie Nina Gessous, Shade Thomas-Fahm, Chris Seydou, Kofi Ansah griffen auf alte Herstellungstraditionen zurück, erfanden sie neu und legten so den Grundstein für die heutige Moderevolution, die man im Laufe der Ausstellung bei der neuen Generation von Couturiers sehen kann, wie der nigerianischen Modedesignerin Lisa Folawiyo, dem somalischen Künstler Gouled Ahmed, der kenianische Schmuckdesignerin Ami Doshi Shah.

Kreativität, Experimentierfreude und der steigende globale Einfluss der zeitgenössischen afrikanischen Mode werden in dieser Ausstellung mit einer umfangreichen Präsentation von Kleidungsstücken, Textilien, persönlichen Zeugnissen, Zeitungsausschnitten, Magazinen, Fotografien, Skizzen, Videodokumentationen von Catwalks dargestellt.

Eine Fülle der zeitgenössischen Couture ist in der Ausstellung zu sehen, Konfektionsmode und Maßgeschneidertes, herrliche Accessoires und vielfältiger Schmuck, Arbeiten von großen und kleinen Handwerksbetrieben, die sich auf Kunsthandwerk, Handfärben, Weben, Perlenstickerei spezialisiert haben und auch die Recyclingpraxis von Abfallmaterialien und Stoffabfällen aufzeigen, die mittels traditioneller Textilkunst zu neuen Stoffen umgeformt werden.

Thebe Magugu, Designerin für Damenmode meint, dass Mode dem afrikanischen Kontinent hilft, sich selbst und seine Geschichte zu verstehen, und hat in Zusammenarbeit mit Noentla Khumalo – einer traditionellen Heilerin – eine Kollektion entworfen, die sich auf afrikanische Spiritualität bezieht.

Wille zur Selbstdarstellung

Der Porträtfotografie ist ein eigener Bereich gewidmet, die den Wandel der Menschen in ihrem Lebensraum begleitet und mit der Entwicklung kostengünstiger Filme und Kameras auch möglich wurde. Zu den Highlights dieser Sektion gehören die Studioaufnahmen von Sanlé Sory, Michel Papami Kameni und Rachidi Bissiriou: Die Fotos dokumentieren das Modebewusstsein des Einzelnen, den Willen zur Selbstdarstellung und den Stolz, schwarz und afrikanisch zu sein.

„Africa Fashion“ zeigt Modelle, Fotos und Filme aus 25 der 54 Länder, mehr als 250 Objekte aus den persönlichen Archiven, eine Auswahl von bedeutenden afrikanischen Modeschöpfern aus der Mitte des 20. Jahrhunderts und von zeitgenössischen Modeschöpfern sowie Textilien und Fotografien aus der Sammlung des Victoria & Albert Museum.

Sie ist Teil einer umfassenden Neuausrichtung des Victoria & Albert, die ständige Sammlung des Museums mit Arbeiten von Designern aus Afrika und der afrikanischen Diaspora zu erweitern und diese Vielfalt sichtbar zu machen.

Christine Checinska, Kuratorin für Mode aus Afrika und der afrikanischen Diaspora im Victoria & Albert versteht diese Ausstellung als Beginn einer umfassenderen Aufarbeitung afrikanischer Erinnerungskultur, denn das Museum wurde im Jahr 1852 gegründet und ist mit der Geschichte des britischen Kolonialismus eng verbunden.

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