Ausstellung rund um Fußballmusik: Der Sound des Fußballs

Im Rathaus Köpenick kommen in einer neuen Ausstellung Fußballfans mit musikalischen Anekdoten und Raritäten auf ihre Kosten.

Karikatur mit Fußballzuschauer:innen die einem Ball hinterher schauen

Auch in der DDR gab es eine Fußballmusikkultur Foto: Archiv Leue

„Die meiste Fußballmusik ist künstlerisch von geringer Qualität – und trotzdem ein faszinierendes Stück Fußballkultur“, schreibt Gunnar Leue. Den Beweis für Letzteres hat der taz-Autor allein schon mal dadurch erbracht, dass er eine faktensatte und liebevolle Ausstellung zum „Sound des Fußballs“ konzipiert hat, die seit vergangener Woche im Rathaus Köpenick zu sehen ist. Wie steht es mit der ersten Satzhälfte, wie steht es um die Kunst im runden Ganzen?

1976 erschien von Udo Lindenberg und dem Panikorchester das Album „Galaxo Gang – Das sind die Herren vom anderen Stern“ und auf ihm die Moritat von „Bodo Ballermann“, einem der unsterblichen Lindenberg’schen Charaktere. Die Musik ist unterkühlter Jazzrock, melancholisch grundiert, es gibt ein offizielles Video, in ihm preist die Fußball-Bandenwerbung Insignien einer fernen Zeit: „Aral – immer am Ball“, dazu „Jägermeister“ und „Sechsämtertropfen“.

Die Ausstellung „Der Sound des Fußballs“, Rathaus Köpenick, täglich 8–19 Uhr, bis 24. 9. 2021. Für die Veranstaltung mit Gunnar Leue am heutigen Mittwoch gibt es leider bereits keine freien Besucherplätze mehr.

Das Album „Eisern Union“ (Vinyl-LP, via: https://www.fc-union-berlin.de/de/union-live/news/verein/Eisern-Union-auf-Vinyl-2561r/), offizielle Vorstellung am 6. Juli um 19 Uhr im Stadion An der Alten Försterei. (taz)

Vom Titelhelden erfahren wir: „Bodo Ballermann spielte beim Rambo-Zambo-Kickerverein // Er flitzt über’n Platz / Schnell wie ein Tiger // Er war der Schrecken der Bundesliga. // Sah man ein’ Fleck / Meistens war’s ein blauer / Am Schienbein von Fränzchen Beckenbauer / Oder hielt sich ein Torwart verzweifelt den Magen // Hatte Bodo wieder zugeschlagen!“ Lange geht das nicht gut, Lindenberg umreißt es mit der sehr siebzigerjahremäßigen Zeile „Als dann die Damen ihm seinen Samen nahmen“.

Aufstieg und Fall in einem Song von 3 Minuten und 16 Sekunden Dauer, nicht schlecht. „Bodo Ballermann“ ist interessanterweise auch als B-Seite der Single „Ich träume oft davon, ein Segelboot zu klau’n“ erschienen, einem Filmsong aus Hark Bohms Jugenddrama „Nordsee ist Mordsee“. In der Kombination der Single lässt sich Fußball als Sehnsuchtsort sehen, denn wie heißt es im Lied: „Es muss doch irgendwo ’ne Gegend geben / Für so’n richtig verschärftes Leben / Und da will ich jetzt hin.“

Ein anderer dieser Orte wäre die Rockband, nicht umsonst verweist Gunnar Leue in der Broschüre zur Ausstellung auf eine schöne Anekdote von Led Zeppelin-Sänger Robert Plant, der auf die Frage nach seinem ersten Rockkonzert zu Protokoll gab: „Wolverhampton gegen Dynamo Moskau am 9. November 1955.“ Die Udo Lindenberg-Single wiederum hat Leue auf einer von insgesamt zwanzig Tafeln seiner Ausstellung platziert, und zwar gleich auf der zweiten.

„Bodo Ballermann“ steht, so ist zu erfahren, in der Ahnengalerie imaginärer Rasenhelden wie „Torwart Schwupp vom Fußballklub“ (Leipziger Kristallpalast Sänger Hillemann, 1924) oder „Fußballfritze als Mittelstürmer“ (Edgar Eyle, 1927).

Als erste Schallplattenveröffentlichung für einen leibhaftigen Fußballer darf „Heute spielt der Uridil“ von 1922 für den Stürmer von Rapid Wien gelten, schreibt Leue auf seiner ausführlichen Chronologietafel.

Plattencover von Eisern Union

Das Plattencover Foto: Gunnar Leue

Dazu gibt es in der Ausstellung nicht nur Hörproben, die QR-Codes auf einer Plattencover-Galerie möglich machen, Gunnar Leue hat zu der Ausstellung selbst eine LP zusammengestellt. Zur Erinnerung, wir befinden uns in Köpenick, bei der Platte handelt es sich um „Eisern Union“, sie darf als das auf Vinyl gepresste Liederbuch des 1. FC Union aus Südost-Berlin gelten. Nina Hagens bekannte Vereinshymne von 1998 darf nicht fehlen, mit dabei sind auch Romano, Achim Mentzel, Frank Schöbel, Sporti und Iron Henning.

Raritäten für musikalische Fußballfans

Ein Song und seine Geschichte lassen sich bis in die sechziger Jahre zurückverfolgen, es handelt sich um den Beitrag der Multi-Folk-Band Polkaholix, die 2008 ein ebenfalls „Eisern Union“ betiteltes Stück aufnahmen, ein verschollenes Lied, von dem Gunnar Leue in seiner Broschüre erzählt, wie es 1967 vom Rundfunktanzorchester Günther Gollasch im Erich-Weinert-Klubhaus in Oberschöneweide präsentiert wurde. Nach dem Pokalsieg von 1968 ist das gesamte Ensemble dem Verein beigetreten. Swing-Musiker wollen auch kicken.

Diesen Mittwoch – und nur dann – wird Gunnar Leue im Rathaus Köpenick einige Raritäten präsentieren wie ein Fortuna-Düsseldorf-Trikot mit Toten-Hosen-Werbung, sowjetische und polnische Tonpostkarten mit Fußballliedern, seltene alte Notenblätter mit Fußballsongs, Tangos, Märschen aus England, Argentinien, Wien, BRD etc. sowie Aufstellwände mit diversen Single-Covern von Fußballplatten aus aller Welt.

Die Frage nach der künstlerischen Qualität lässt sich übrigens noch weiterverfolgen: An dieser Stelle sei die britische Kammerfolk-Band Dakota Suite empfohlen, von deren Songwriter Chris Hooson es heißt, er habe sich für seine minimalistischen Songs vom Auf und Ab seines Herzensvereins FC Everton inspirieren lassen. Stadiontauglich ist das nicht, aber irgendwann geht es ja auch wieder nach Hause.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de