piwik no script img

Ausstellung in NeuköllnDas Kontinuum rechter Gewalt

Eine Ausstellung im Neuköllner Rathaus zeigt die lange Geschichte rechter Gewalttaten in Berlin seit 1945. Allein im Bezirk waren es 55 seit 2016.

Am 19. Februar 1997 wurde Klaus Baltruschat in seiner Buchhandlung in Marzahn von dem Neonazi Kay Diesner angeschossen. Baltruschat verlor seinen linken Unterarm und einen Finger seiner rechten Hand.

An Taten wie diese soll die Ausstellung „Immer wieder? Extreme Rechte und Gegenwehr in Berlin seit 1945“ im Rathaus Neukölln erinnern. Am Freitagabend wurde sie von Bezirksbürgermeister Martin Hikel (SPD) eröffnet: Rechtsextremismus sei keine neue Gefahr, sondern eine alte, sagte er. Er erinnere sich noch an die 90er Jahre, als sich die rechtsextreme Szene am U-Bahnhof Rudow traf. „Nur weil es im Straßenbild weniger sichtbar ist, heißt das nicht, dass die Gefahr weg ist“, so Hikel.

Das zeige auch die „furchtbare Anschlagsserie“ im Bezirk. Seit 2016 wurden in Neukölln 55 rechts motivierte Gewalttaten – Brandanschläge auf Autos, Sachbeschädigungen oder Bedrohungen – verzeichnet, die sich alle gegen engagierte De­mo­kra­t*in­nen richteten. Die Dokumentation dieser Kontinuität rechten Terrors seit 1945 sei wichtig, betont Hikel.

In den 90er Jahren war der Neonazi Kay Diesner der Gruppe „Weißer Arischer Widerstand“ beigetreten und sah sich selber als „politischer Soldat “. Auf der Flucht nach dem Anschlag auf den Buchhändler erschoss er einen Polizisten und verletzte einen weiteren schwer. Informationen, die aus dem antifaschistischen Pressearchiv und Bildungszentrum Berlin (apabiz) stammen. Gemeinsam mit dem Aktiven Museum, einem Verein, der über die Folgen und Kontinuität der NS-Zeit aufklärt, konzipierte und verwirklichte das apabiz die Ausstellung.

Das „politische Koordinatensystem“ überdenken

Die Wanderausstellung ist bis zum 14. Juni im Neuköllner Rathaus im Vorzimmer der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) zu sehen. Ein prominenter Ort: „Hier gehen alle Frak­tionen vorbei in den BVV-Saal“, so Hikel. Das sei eine gute Gelegenheit, einen Blick auf die Ausstellungstexte zu werfen und sein „eigenes politisches Koordinatensystem zu überdenken“. Auch Jugendliche soll die Ausstellung ins Rathaus ziehen. Dafür gibt es kostenlose pädagogische Handreichungen.

Der Buchhändler Baltruschat war selbst kein Parteimitglied, doch sein Laden lag im selben Gebäude wie die Bezirksstelle der Partei des Demokratischen Sozialismus (PDS). Wenige Tage vor dem Anschlag hatte die PDS dazu aufgerufen, gegen einen Aufmarsch der Jungen Nationaldemokraten (JN) zu protestieren. Infolgedessen mussten die JN den Marsch in eine Saalveranstaltung umwandeln. Diesner gibt später an, er habe die PDS „bestrafen“ wollen.

Eine interaktive Karte in der Ausstellung zeigt die Zahl rechter Aufmärsche der vergan­genen Jahre in Berlin. 2016 ­waren es 177. Im selben Jahr wurde Diesner aus der Haft entlassen.

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema
Fotomontage eines wochentaz-Titels und dem Buchcover „Autoritäre Rebellion“ von Andreas Speit

10 Wochen taz + Sachbuch „Autoritäre Rebellion“

Zeiten wie diese brauchen Seiten wie diese: unabhängig, konzernfrei und mit klarer Kante gegen Faschismus, Rassismus und Rechtsruck. Teste jetzt die taz und erhalte das neue Buch „Autoritäre Rebellion“ von Rechtsextremismus-Experten Andreas Speit als Prämie.

  • Das neue Buch „Autoritäre Rebellion“ von Andreas Speit als Prämie
  • Die wochentaz jeden Samstag frei Haus + digital in der App
  • Die tägliche taz von Mo-Fr digital in der App
  • Zusammen für nur 28 Euro

10 Wochen taz + Buch „Autoritäre Rebellion“

Jetzt bestellen

1 Kommentar

 /