Ausstellung „Große Oper – viel Theater?“

Der schlummernde Drache

Warum sind Sanierungen und Neubauten von Theatern so teuer? Eine Ausstellung im Frankfurter Architekturmuseum erklärt es.

Ein futuristisch anmutender Opernbau am Wasser

Das Gebäude Norske Opera & Ballett in Oslo setzt starke Impulse für ein Stadtviertel Foto: Jens Passoth

FRANKFURT taz | In der vorläufigen Endabrechnung hat die Sanierung der Berliner Staatsoper 400 Millionen Euro statt der ursprünglich veranschlagten 239 Millionen verschlungen. Gut möglich, dass noch weitere Rechnungen eintrudeln, aber immerhin ist das Haus nun endlich spieltüchtig.

Die pannenreiche Baugeschichte der Lindenoper ist nur ein Fall unter vielen, zu denen das Düsseldorfer Schauspielhaus, die Kölner Oper und die Elbphilharmonie zählen, denn für sie alle gilt, dass sowohl die Kosten als auch die Dauer der Projekte ins Skandalöse gewachsen sind. Über alle Fälle ist viel schwadroniert worden, über die Gründe wurde teils spekuliert, teils wurden vermeintlich Schuldige bei der Baumafia oder verrückten Theaterleuten und Architekten identifiziert.

Demnächst stehen Sanierungen in Stuttgart, Karlsruhe und vor allem in Frankfurt an, wo im vergangenen Juni eine Machbarkeitsstudie zur Zukunft der sanierungsbedürftigen Bühnen der Öffentlichkeit vorgestellt wurde. Die Studie warf die noch sagenhaftere, doch wohl realistische Zahl von 900 Millionen Euro in den Raum, was einen Aufschrei zur Folge hatte. 900 Millionen wird die Sanierung von Schauspiel- und Opernhaus in Frankfurt vermutlich kosten, aber auch ein Neubau an anderem Ort wird diese Summe verschlingen.

Die Schockwellen dieser Zahl nahm das Frankfurter Architekturmuseum zum Anlass, die Studie aufzuschlüsseln, weitere exemplarische Beispiele anzuführen und Impulse zu setzen mit der Dokumentation geglückter Projekte. Die klar konzipierte Ausstellung „Große Oper – viel Theater?“ bietet drei Module: Sanierungen, Neubauten und Konzepte für Häuser, die den Anschluss an Stadtentwicklungsprojekte suchen. Außerdem versuchen die Macher, die Projekte durch Erhebung der Daten vergleichbar zu machen.

"Große Oper – viel Theater? Bühnenbauten im europäischen Vergleich". Deutsches Architekturmuseum, bis 21. Mai

Zunächst wird die Frankfurter Doppelanlage seziert, an dem sich die Schwierigkeiten exemplarisch zeigen, denn ihre verzwickte Baugeschichte reicht zurück bis 1902. Yorck Förster, der gemeinsam mit Andrea Jürges die Schau konzipiert hat, erläutert: „Immer schon waren Theaterbauten ein Ausdruck des gesellschaftlichen Selbstverständnisses. 1902 war es noch ein bürgerliches Theater hinter verschlossenen Türen ohne jeden Einblick, was dem Re­prä­sen­ta­tions­modus des wilhelminischen Kaiserreichs entspricht. Das gläserne Foyer von 1963 steht dann für einen unglaublichen gesellschaftlichen Aufbruch und die neue Offenheit.“

Haustechnik – der unberechenbare Teil

Ein wesentlicher Teil der Machbarkeitsstudie war die Recherche, dabei ging es um drei Bereiche: Der bautechnische Teil, die Bühnentechnik und dann die alles entscheidende Frage, wie Förster weiß: „Die Haustechnik, denn das ist der schlummernde Drache!“ Die Haustechnik ist der unberechenbarste Teil einer Sanierung, weil früher nicht üblich war, den Bestand durchgängig zu dokumentieren. Das bedeutet, niemand weiß, was genau sich etwa hinter einem Paneel verbirgt. Eine Betonwand oder zwei Gipskartonplatten?

Die Machbarkeitsstudie hat auch deshalb solch hohe Kosten kalkuliert, weil sie endlich einmal wirklich alle Kosten aufgelistet hat, die anfallen, wie etwa die Mieten für Interimsspielstätten, einen Risikoaufschlag von 30 Prozent und Teuerungszuschläge. Eine weitere Falle für Sanierungen sind verschärfte gesetzliche Regelungen und die ständig wachsende Technik, sagt Förster. „Selbst wenn sie nur an einer Stelle eingreifen wollen, tangiert es sofort den Bestandsschutz von vielen anderen Bereichen. Das ist wie ein Mikado-Spiel. Ziehen sie ein Stäbchen heraus, bricht alles zusammen.“

Entscheidend wirken dabei auch geänderte Arbeitsstättenrichtlinien. So ist heute doppelt so viel Platz für einen Orchestermusiker vorgesehen wie früher, was sich auf die Größe eines Orchestergrabens entscheidend auswirkt.

Thema Belüftungsanlagen

Ein weiteres Thema sind Belüftungsanlagen: „Bei älteren Anlagen gibt es eine hohe Strömungsgeschwindigkeit ­wegen der engen Schächte, was ein leichtes Grundrauschen erzeugt. Die neueren Anlagen ­haben eine viel geringere Lüftungsgeschwindigkeit und brauchen einen ungleich breiteren Querschnitt, um den gleichen Luftdurchsatz zu garantieren. Also muss man die Schachtmaße durch Durchbrüche erweitern. Dann fehlt aber der Platz für den Rest“, so Förster.

Will man sich um Sanierungen drücken, droht Ersatzteilmangel veralteter Technik. Brandschutz und Fluchtwege sind weitere Pro­blem­felder, die erläutert werden. Generell gilt: Die Häuser werden größer und immer komplexer.

Bauten wie die Osloer Oper wollen Impulse setzen für ein Stadtquartier oder einen Bezirk ganz umdeuten

Neubauten und vielen Sanierungsprojekten – wie dem Dresdner Kulturpalast – ist gemeinsam, dass sie heute auch tagsüber „bespielt“ werden sollen, Cafés, Bibliotheken beherbergen und Einblicke geben in den früher hermetisch abgeschirmten Betrieb. Bauten wie die Osloer Oper wollen starke Impulse setzen für ein Stadtquartier oder einen Bezirk ganz umdeuten, wie es dem Linzer Opernhaus gelungen ist. Das alles ist Ausdruck gewandelter gesellschaftlicher Vorstellungen und Ansprüche.

Umständliche demokratische Prozesse

Auch der Fall der Kölner Oper ist in Frankfurt dokumentiert, dessen ausführendes Unternehmen für die Haustechnik übrigens das gleiche war, das beim BER unter Vertrag stand. Bauprojekte der öffentlichen Hand leiden zudem unter den umständlichen demokratischen Prozessen, den zähen Vergabeverfahren etwa.

Wie es anders geht, kann man in der Schau an zwei Beispielen sehen, nämlich dem gigantischen Athener Kulturzentrum, das die Reederfamilie Niarchos den Griechen schenkte. Und dem Kopenhagener Opernhaus, das der Reeder Arnold Mærsk Mc-Kinney Møller stiftete und selbstbewusst direkt gegenüber der königlichen Amalienborg platzierte. „Da gab es keinen Wettbewerb und keine Ausschreibungen. Es ist das Projekt mit der weitaus kürzesten Planungszeit“, sagt Förster. „Aber natürlich ein Projekt, das ins 18. Jahrhundert gehört, weil es eigentlich absolut feudal ist.“

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