Aufstiegschance für Kiel: Sozialromantiker unter Druck

Holstein Kiel ist nach dem Erfolg in Köln und einer famosen Saison fast zum Aufstieg verpflichtet. Sonst droht dem Klub der Ausverkauf seiner Helden.

Kieler Mannschaft bildet geschlossenen Kreis auf dem Spielfeld

Mit erhobenem Zeigefinger: Trainer Ole Werner schwört das Team auf das Finale am Samstag ein Foto: Rolf Vennenbernd/reuters

Die Menschen im hohen Norden dieser Republik sind gemeinhin nicht als zu Euphorie neigende Feierbiester bekannt. Den Abstandsregeln in Coronazeiten begegnet der Schleswig-Holsteiner meist mit Gleichmut und bedient mit einer in Frageform verpackten Prise Selbstironie jegliches Klischee: „1,50 Meter – sollen wir jetzt alle kuscheln?“

An diesem Sonnabend werden in der Hauptstadt des Landes zwischen den Meeren ethnologische Naturgesetze außer Kraft gesetzt. Nach dem unerwarteten 1:0-Triumph der lokalen Fußballhelden von Holstein Kiel am Mittwochabend im Relegations-Hinspiel beim 1. FC Köln summt und trällert gefühlt eine ganze Region voller Stolz und Inbrunst die von der Rockband „Denkedrans“ intonierte Stadionhymne: „Keine andere Liebe, keine andere Stadt, kein anderer Verein, nur Holstein!“ Gelingt den Störchen im entscheidenden Rückkampf gegen die Geißböcke (Anpfiff 18 Uhr) nach einem schon jetzt sensationellen Zweitliga- und Pokalspieljahr das Wunder namens Bundesliga-Aufstieg?

Die Protagonisten bemühen zur Prognose wichtiger Entscheidungen häufig den Begriff des Momentums. Schon vor dem großen Finale am Samstag in Kiel war davon zuletzt des Öfteren zu hören. Zwei Matchbälle zum Direktaufstieg hatte das Team im Endspurt der regulären Saison liegen lassen. Schon ein Sieg hätte gereicht. Doch trotz jeweiliger 1:0-Halbzeitführung wurde noch mit 2:3 sowohl gegen den KSC als auch gegen Darmstadt verloren.

Allen äußeren Widerständen wie der insgesamt 28-tägigen Teamquarantäne im Frühjahr und dem folgenden Mammutprogramm ohne Training mit neun Spielen binnen 30 Tagen nach dem Re-Start am 24. April hatten sie lange Zeit getrotzt. Nun schien ausgerechnet vor der alles entscheidenden Verlängerung der Serie das Ende der körperlichen und mentalen Belastungsfähigkeit erreicht zu sein. Der 1. FC Köln hingegen hatte auf der letzten Rille als Erstliga-16. zumindest die Endspiele um den Klassenerhalt noch erreicht.

Schlicht, aber willensstark

Eine aus psychologischer Sicht kaum zu korrigierende Weichenstellung pro Rheinland? Mitnichten! Mit „Karo einfach“-Fußball, aber überragender Willenskraft und einer Portion Spielglück triumphierten die Kieler auch ohne die gesperrten, am Sonnabend aber wieder einsatzbereiten Mittelfeldstrategen Jonas Meffert und Alexander Mühling knapp mit 1:0. Das Momentum hat die Farben gewechselt.

Gerade einmal 20 Sekunden vor seinem goldenen Kopfball zum 1:0 war der Kieler Defensiv-Allrounder Simon Lorenz am Mittwoch eingewechselt worden. Andere Profis hätten noch Stunden später Luftsprünge vollführt, vom „wichtigsten Treffer meiner Karriere“ gesprochen. Nicht so der 24-Jährige. „In dieser Saisonphase ist es ganz viel Kopfsache“, so Lorenz nach dem Abpfiff der ersten Relegationshälfte ebenso nüchtern wie ungewollt doppeldeutig: „Es gibt gar keinen Grund, jetzt euphorisch zu sein oder zu feiern.“ Ein Zitat aus dem Kieler Lehrheft der jüngeren Vergangenheit: Wer zu früh jubelt, den bestraft die zweite Halbzeit!

Der Druck laste auf Köln, sagen die Kieler Verantwortlichen um Sportchef Uwe Stöver gern. Doch was passiert, wenn sich der vergleichsweise bescheiden wirtschaftende Traditionsklub von der Ostsee nicht als sozialromantischer Leuchtturm in der Cash-Community der Bundesliga positioniert? Mit einem um 2 Millionen Euro zum Vorjahr abgespeckten Etat in Höhe von 11,3 Millionen Euro für die Lizenzmannschaft war der Klub im Juli 2020 an den Start gegangenen.

Dafür flossen bis zu 5 Millionen Euro für das Erreichen des Pokal-Halbfinals aus dem DFB-Vermarktungspool auf das Vereinskonto. Neben den bundesweiten Sympathien nach dem Pokal-Jahrhundert-Coup gegen den FC Bayern ein schickes Trostpflaster in Pandemiezeiten ohne Zuschauereinnahmen. Doch ohne die Steigerung der TV-Einnahmen von 13 Millionen Euro in dieser Serie auf minimal 24,5 Millionen, maximal 29 Millionen Euro bei einem Aufstieg, droht dem Verein in der künftig stärksten Zweiten Bundesliga aller Zeiten Ungemach.

Dieser Text stammt aus der taz am wochenende. Immer ab Samstag am Kiosk, im eKiosk oder gleich im Wochenendabo. Und bei Facebook und Twitter.

Führungsspieler wie Torjäger Janni Serra (Bielefeld) und der südkoreanische Nationalspieler Jae-Sung Lee (Ziel noch unbekannt) werden gehen. Andere Leistungsträger könnten dem Lockruf des Geldes folgen. Mit Ole Werner (Vertrag bis 2022), mit 33 Jahren jüngster Cheftrainer im deutschen Profifußball, könnte man bei Nichtaufstieg selbst den Kopf des Erfolges an potentere Konkurrenten verlieren.

2.334 Zuschauer sind nach einer Sondergenehmigung der Landesregierung im Rahmen eines wissenschaftlich begleiteten Modellprojektes im Stadion zugelassen. Wird ihre Unterstützung den Kieler Relegationsfluch (2015 Zweite Liga/2018 Erste Liga) vertreiben? Seit 2009 hat noch nie ein Klub den Aufstieg verspielt, der das Hinspiel gewonnen hat.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de