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Aufstand der Zeichen

Der Künstler Axel Malik erklärt, was es mit seiner Kunst auf sich hat, was er auf dem taz lab vor hat und warum der Zeichen­vorrat auch nach über dreißig Jahren noch längst nicht erschöpft ist

Zeichen, auf elektronischem Schreibtablett geschrieben, skalierbare Vektordatei, 2026: Foto: Axel Malik

Interview Lenja Vogt

Seit 1989 schreibt der Berliner Künstler Axel Malik mindestens zwei Stunden am Tag, erst in seine Tagebücher, dann auch auf Leinwände und großformatige Banner. Lesen kann es allerdings nicht mal er selbst – zumindest nicht im klassischen Sinne. In seinem Projekt, das er als „skripturale Methode“ bezeichnet, verschreibt er sich den unlesbaren, aber nicht unleserlichen Zeichen und erforscht die Intensität der nackten Schreibbewegung. Merkwürdig und auffällig: Keines der geschriebenen Zeichen kommt zweimal vor, jedes ist eine unverwechselbare und einzigartige Setzung.

wochentaz: Herr Malik, per Definition ist Schrift die „Gesamtheit der in einem System zusammengefassten grafischen Zeichen, besonders Buchstaben, mit denen Laute, Wörter und Sätze einer Sprache sichtbar festgehalten werden und so die lesbare Wiedergabe einer Sprache ermöglichen“. Lesbarkeit ist also ein zentrales Element von Schrift. Wo beginnt und wo endet für Sie Schrift?

Axel Malik: Das ist eine pragmatische, dadurch aber auch sehr limitierende Definition von Schrift, die dem Potenzial von Schrift als Ausdrucksform nicht gerecht wird. Ich konzentriere mich ausschließlich auf den Prozess des handschriftlichen Schreibens. Hinter den äußeren Bewegungsspuren liegen innere Bewegtheiten, die das Handschriftliche formatieren. Sie führen dazu, dass jeder Mensch eine ganz individuelle, persönliche Handschrift hat. Gelesen als grafische Signatur, seismografische Geste, Erregungskurve und Markierung, öffnen sich damit Dimensionen, die in der Definition nicht vorkommen. Auch was Wissenschaft unter Schriftbildlichkeit versteht, fehlt darin. Schrift, die sich neuen Zonen des Notierens und Verschriftlichens öffnet, muss Lesbarkeit anders definieren. Die Definition meiner Zeichen ist in die sinnliche Grammatik ihrer Form, in eine Sprache der Kunst, eingeschrieben.

Eine Zeitung soll Informationen vermitteln, Sprache und Schrift sind dabei Mittel zum Zweck. Sie verschreiben sich hingegen der Unlesbarkeit – Wie passt Ihre Arbeit in den journalistischen Kontext?

Die Unlesbarkeit von Schrift wird im herkömmlichen Sinn als Mangelerscheinung begriffen. Als Negativum markiert sie fast schon eine No-go-Area für Schrift. Dagegen schreibe ich künstlerisch an.

Wie zum Beispiel?

Der großformatigen Zeichen-Installation, die dem Gebäude der taz temporär ein völlig anderes Gesicht geben wird, habe ich den Titel Aufstand der Zeichen gegeben. Ihre Revolte erfindet und formatiert eine aus ekstatischen Energiestößen resultierende Schrift, deren Zeichen von der Last der Bedeutung befreit sind. In einer von Polykrisen und Dystopie durchtränkten Gegenwart – das könnte ihr journalistischer Impuls sein – streben sie nach Ausdehnung und Weitung. Sie transportieren unkontrollierbare, haltlose Momente, differenzierte Präzision, aber auch Hoffnung und utopisches Potenzial. Unlesbar aber nicht unleserlich, das ist ihr Argument.

Das taz lab ist ein Labor für Debatte, Streit und Verständigung. Welchen Beitrag leisten ihre unlesbaren Zeichen zum öffentlichen Diskurs?

Foto: privat

Axel Malik, geboren 1953 in Jugenheim in Rheinhessen und heute in Berlin lebend, verfolgt seit 1989 in täglicher Übung seine „skripturale Methode“.

In meinen 1:1-Schreibperformances auf dem taz lab lade ich die Teil­neh­me­r:in­nen zur Wahrnehmung einer besonderen Schreibsituation ein: Die Intensität zu erleben, die in einer geteilten offenen Begegnung und Aufmerksamkeit liegt, und wie aus ihr, ohne Worte und Sprache, aus einer Art atmosphärischen Verdichtung heraus, auf einem Blatt eine Zeichensequenz entsteht.

Es geht also um die Begegnung?

Sie ist von einem unbegrenzten Potenzial getragen, in den Zeichen und in uns. Es hat mit den unlesbaren Anteilen in uns selbst zu tun, den Beziehungen und Möglichkeiten, mit denen wir die Welt und uns selbst wahrnehmen, sensibilisieren, verändern und gestalten. Die Wirk- und Formkräfte, mit denen Kunst inspirieren und motivieren kann, stärken die Kultur im öffentlichen Raum, aber auch die seiner Diskurse. Unlesbare Zeichen können Schönheit und poetische Überzeugungen manifestieren. Benötigt es das nicht gerade auch?

Introducing Axel Malik: Küchentisch Orange, 9 Uhr. Mit Joseph Vogl: Juwelen-Agora, 13 Uhr. 1:1 Schreibperformance: Juwelen Agora, 16 und 18 Uhr.

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