piwik no script img

Aufgeschürfte Knie

WASTED BRITISH YOUTH Das britische Duo Slaves kommt mit viel Spuckdruck und einer vitalen Punk-HipHop-Kreuzung auf Tour

Manchmal kehrt zurück, was man für unwiederbringlich vorbei hielt. Trainingsjacken als Modestatement etwa. Oder bauchfreie Shirts. Auch den zwischen HipHop, Hardcore und Funk rumpelnden Sound, den Bands wie Body Count ab Ende der Achtziger auf die Generation X losließen, hatte man längst ad acta gelegt. Doch dann veröffentlichten kürzlich die New Yorker Show Me The Body ein Album, das so ungeniert brachial Hardcorepunk mit HipHop kreuzt, als wäre „Crossover“ nie zum Unwort geworden.

Auch das Duo Slaves aus Kent ist mit seinem neuen Album „Take Control“ Teil dieser unwahrscheinlichen Renaissance. Isaac Holman am Standschlagzeug und Laurie Vincent an der Gitarre – beide Anfang 20, Cockney-Akzent, „Wasted British Youth“-Kredibilität – singen, schreien und rappen über das „thug life“, als würden sie die Verliererseite der Gesellschaft aus eigener Anschaung kennen. 2015 veröffentlichten sie einen ersten Wutausbruch, „Are you Satisfied?“, und trafen einen Nerv: So viel Spuckdruck, so viel grimmigen Ernst bündelte lange keine Band mehr. Und das Beste, sie hatten damit auch Erfolg.

Neben einer Nominierung für den Mercury Price brachte Slaves ihr Debüt auch noch einen prominenten Fan ein. Michael Diamond, als Mike D für den Abriss-Soundtrack der Beastie Boys verantwortlich, fand Gefallen an den blassen Volltätowierten und entschloss sich, ihr neues Werk zu produzieren. Gefördert von der verdienten Rap-Eminenz, feuern Slaves schon bald das schwierige zweite Album hinterher.

Ihr Mut zur Spontanität zahlt sich aus: Musik wie ein aufgeschürftes Knie ist „Take Control“ geworden. Slaves geben die hedonistischen Anarchos, sind in ihrer Aggressivität aber auch angreifbar – denn sie meinen die Nummer ernst. Humor, so wird spätestens in den Videos des Duos deutlich, haben Holman und Vincent allemal, doch sind sie weit entfernt von komfortabler Ironie. Die erste Singleauskopplung, „Spit It Out“, beschwört die rohe Energie des Slaves-Debüts, Diamonds Einfluss zeigt sich stärker in Songs wie „Consume Or Be Consumed“, inklusive Rap-Feature vom Meister persönlich. Konturierter und bassbetonter klingen die neuen Songs, noch der letzte Rest Pop scheint getilgt. Obwohl man als junge Band ein so abgegrastes Feld wie Hardcore kaum beschreiten kann, ohne dass jemand „Retromania“ ahnt, fühlt sich „Take Control“ erstaunlich zeitgemäß an.

Das ist auch Diamonds Verdienst, der Slaves in seine eigene Tradition stellt, ohne sie zu Epigonen zu machen – wofür er sich gleich verarschen lassen muss: „He used to be a Beastie Boy /But now he works for me“, singen sie im herrlich hämischen Song „People That You Meet“. Sicher: Bei 16 Schnellschüssen ist Füllmaterial einkalkuliert. Toll dennoch, dass Slaves ein fade gewordenes Genre wiederbeleben.

Julia Lorenz

Slaves: „Take Control“ (EMI/Universal); live: 3. 11., Gebäude 9, Köln; 5. 11., Indra, Hamburg; 6. 11., Frannz, Berlin

50.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr Leser*innen machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Denn wir suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus und unterstützen Sie die taz – schon ab 5 Euro. Jetzt unterstützen