: Auch der Robo-Dog ist in einem Zustand der Entfremdung
Wie künstlerisch über den Ukrainekrieg sprechen? Leicht und realistisch meint man in der Ausstellung „Still Joy“. Sie ist jetzt in Venedig, bald in Kopenhagen zu sehen
Foto: OKNO Studio; PinchukArtCentre 2026
Von Jonathan Guggenberger
Ukrainische Künstler haben es schwer. Dafür gibt es offensichtliche, unmittelbare Gründe: den verfluchten Krieg gegen die russischen Besatzer, das Leben im Exil, die Schockanrufe von zu Hause und das Gefühl, dem zurückgelassenen Land in seinem Überlebenskampf mit allen, auch den vollkommen unmilitärischen Mitteln der Kunst beistehen zu müssen.
Und dann ist da dieses Problem, das kein moralisches, sondern ein ästhetisches ist. Ein Problem, um das kein Künstler herumkommt: für die eigene Gegenwart einen Ausdruck zu finden, der neu ist und nicht verbraucht, der kein Klischee ist oder, wie im Fall ukrainischer Künstler und ihres Lebens mit dem Krieg, von Butscha-und-Helden-Bildern überschattet wird.
In Venedig, bei der politisch sehr, künstlerisch aber nur wenigaufregenden Biennale, gelingt es einer Show tatsächlich, dieses Problem zu lösen: der Gruppenausstellung „Still Joy“ des Pinchuk Art Centre im Palazzo Contarini Polignac. Finanziert wird sie von der Mäzenen-Stiftung des Oligarchen Viktor Pinchuk. Pinchuk ist eine ambivalente Figur – er gilt als zweitreichster Mann der Ukraine, ist Gründer des Stahl- und Röhrenkonzerns Interpipe, Profiteur von Intransparenz und Wirtschaftschaos nach dem Ende der UdSSR, aber eben auch ein großer Förderer der Kunst.
Repräsentationszwang scheint es in dieser Ausstellung nicht zu geben. Und das hat seinen positiven Effekt. Was anderswo schnell in Floskeln über den allgemein desolaten Zustand der Welt mündet, findet in der Show „Still Joy“, die im September ins Kopenhagener Kunsthaus Gammel Strand wandern wird, eine eigensinnige und deshalb neue Form – eine künstlerische Antwort auf die Frage, was es bedeutet, mit Russlands Krieg zu leben.
Ekstatisch tanzen im Keller-Club
Das beste Beispiel dafür sind die beiden Videoinstallationen des Regieduos Roman Khimei und Yarema Malashchuk. Im schattigen Flur, über den man den Palazzo Polignac betritt, begegnet einem die erste. Auf zwei LED-Panels sind die überlebensgroßen Gesichter junger ukrainischer Raver zu sehen. Einmal beim ekstatischen Tanz im Keller-Club, das andere Mal im blassen Sonnenaufgang danach; einmal 2019, vor der Ausweitung des Krieges, das andere Mal 2023, währenddessen.
„Dedicated to the Youth of the World“, so der Titel der Serie, zwingt zum Vergleich zwischen den Zuständen. Jeder Blick und jedes Zigarettenziehen will gelesen werden, jede Umarmung und jedes Muskelzucken der Raver im Strobo-Licht erscheint als Spur eines Kriegstraumas. Gleichzeitig kennt man die Party-und-Kater-Zustände selbst, auch ohne Krieg. Ein Rätsel bleibt, aus welchem Jahr, also aus welchem Stadium der Zerstörung die Porträtaufnahmen stammen, und ob ihr melancholischer Ausdruck damit Resultat des Krieges, eines MDMA-Comedowns oder von beidem zusammen ist.
In dieser Ambivalenz entspricht die Videoinstallation dem sanft-kämpferischen Titel der Ausstellung, „Still Joy“ – immer noch Freude empfinden –, der sowohl eskapistisch als auch widerständig gemeint ist. Beispielsweise als Triumph über russische Schurken, die diese Lebensfreude zerstören wollen, was als kuratorische Idee gerade auf der diesjährigen Biennale, bei der im wiedereröffneten russischen Pavillon zur Preview tagelang zynisch mit Raves gefeiert wurde, besonders aufgeht.
Foto: OKNO Studio; PinchukArtCentre 2026
Genauso in der zweiten Installation von Khimei und Malashchuk, „Open World“, die in einem abgedunkelten und holzvertäfelten Gemach gezeigt wird. Auch hier gibt es eine spielerisch-leichte Komponente, mit der die beiden Filmemacher durch die Abgründe ihrer ukrainischen Gegenwartserfahrung führen. Konkret: der hyperaktive Protagonist des Films, Yaroslav, ein ukrainischer Streamer und Endlos-Entertainer, der vor den Drohnenattacken auf Saporischschja, seinem Zuhause, nach Polen geflohen ist. Zu sehen ist er auf einem kleinen Videopanel, als witzelnder Kommentator des Geschehens auf dem großen Screen dahinter. Was dort gezeigt wird? Yaroslavs Rückkehr nach Hause, zu Mutter, Katze und den weiten Ufern des Dnipro, allerdings in Form eines von ihm gesteuerten Robo-Dogs mit Kamera und Sprechfunktion.
Der Robo-Dog ist eine visuelle Metapher des Exils
Das ist ziemlich tragikomisch. Der Robo-Dog, gewöhnlich auch für militärische Aufklärungsmissionen verwendet, wird zur visuellen Metapher des Exils, in dem sich Yaroslav wie viele Ukrainer befindet, und seinem Zustand der Entfremdung: Das Gespräch mit der Mutter bricht wegen WLAN-Problemen ab, die geliebte Katze flieht vor dem unheimlichen, sprechenden Hund aus Plastik.
Foto: OKNO Studio; PinchukArtCentre 2026
Künstlerisch ist das besonders gut, weil Khimei und Malashchuk für ihre Berichte aus dem kriegsbeschädigten Leben eine visuelle Sprache finden, die gleichzeitig einer ukrainischen, aber auch einer allgemeineren Gegenwartserfahrung entspricht. Und sie finden neue, ungesehene Bilder dafür. Wie zum Beispiel im Aufeinandertreffen des Robo-Dogs und einer realen Schlange, die die Ruinen von Yaroslavs alter, jetzt evakuierter Schule bewohnt.
Diese Spannung von Witz und Horror, von inszenierter Leichtigkeit und zerschmetterndem Realismus zieht sich durch die gesamte Ausstellung. Auch durch die gezeigten Arbeiten nicht-ukrainischer Künstler: durch Simone Posts langsam schmelzende Marshmallow-Kerzenleuchter, Ryan Ganders sprechende Handpuppe auf einem Müllhaufen oder durch Álvaro Urbanos vertrocknete Zimmerpflanzen-Skulpturen, die in ihrem Zustand ewigen Vergehens erstarrt sind.
„Still Joy“ gelingt es, ukrainische Künstler aus der identitätspolitischen Sackgasse zu holen, ohne ihr beschwertes Leben im Krieg zu verschleiern. Einfach nur mit guter Kunst und ihrer Fähigkeit, neue Bilder für die Gegenwart zu finden. In Zeiten falscher und zunehmend verblassender Bilder vom Krieg in der Ukraine ist das das Beste, was Künstler, ob ukrainisch oder nicht, gegen die Schwere Russlands tun können.
„Still Joy – From Ukraine to the World“. Pinchuk Art Centre, Palazzo Contarini Polignac, Venedig, bis 1. August. Ab 17. September in Gammel Strand, KopenhagenJonathan Guggenberger
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