: Armer Herr Tambureng-Mann
Nichts sträubt sich so entschlossen gegen die Übersetzung in andere Sprachen wie ein Werk der Lyrik. Am besten, man läßt die Finger davon. Wolfgang Niedecken hat das nicht getan, und die erste Frage, die einem beim Anhören seiner geballten Bob-Dylan- Verballhornungen namens „Leopardefell“ in den Sinn kommt, ist: Darf der Mann das? Er darf, angeblich sogar mit dem Segen des Meisters höchstselbst. Aber: Bob Dylan kann kein Kölsch.
Wenn sich nämlich Lyrik gegen etwas noch entschlossener sträubt als gegen eine Übersetzung, dann gegen die Übersetzung in einen Dialekt, was keineswegs gegen Dialektdichtung an sich spricht. Wohl aber gegen die Verwandlung von Hochsprache in Mundart. Klaus Kinski wäre längst vergessen, wenn er Villons „Ich bin so wild nach deinem Erdbeermund“ auf pfälzisch herausgebrüllt hätte, und ein Macbeth, der seiner Gattin in breitem Schwäbisch vom Mord an König Duncan berichtet, bräuchte wohl nicht erst auf den Wald von Birnam zu warten, bevor ihn jemand ins Jenseits befördert.
Kölsch hin, Kölsch her, auch ohne Dialekt ist es verwunderlich, daß Dylan – besser gesagt, sein Verlag – die Texte Niedeckens genehmigt hat. Da wird „A Hard Rain's A Gonna Fall“ zu „Unfassbar vill Rään“ umgewurschtelt, „It's All Over Now, Baby Blue“ zu „Jeder 's manchmohl einsam, nit nur Du“ geknittelt und der „Highway 61“ mutiert – ich schwöre, es ist wahr – zum „Nürburgring“. Der schmachtende Refrain „I want you – so bad“ gerät zum fröhlich-burschikosen „Ich will Dich, na klar“, und die Zeile „Resting in the fields, far from the turbulent space“ („Jokerman“) kommt geradezu tolldreist als „Nackt auf der Wiese liegend, mit Weltall zugedeckt“ („Dä Joker danz“) dahergeschwachsinnelt.
Die Musik plätschert gefällig- routiniert dahin – hier ein bißchen Afrika, da eine Prise Jamaika, wie sich das heute gehört – und spätestens nach zwei Stücken überfällt einen der unwiderstehliche Drang, das Original aufzulegen, was einem Perlen der Dichtkunst wie „Als ob se'n Frau wöhr“ und „Dat benn ich nit“ (Originaltitel der Redaktion bekannt) erspart.
Unterdessen warten wir schon mit bangem Grausen auf den spätestens zu Dylans 60. Geburtstag unweigerlich folgenden Sampler der deutschen Musikerschar, der uns dann bei einem Open-air-Festival auf der Wartburg präsentiert wird. Manfred Krug dräut „Ick puste dir um“ (Blowin In The Wind), Helge Schneider rät „Hömma, kannste vergessen“ (Don't Think Twice“), Die Prinzen besingen die „Draurische Kerrsche aus Bitterfeld“ („Sad-Eyed Lady Of The Lowlands“), und Gerhard Polt krönt das Programm mit „Willst a Watsch'n, Petrus“ (Knockin' On Heaven's Door“). Armer Herr Tambureng-Mann! Matti Lieske
Wolfgang Niedecken: „Leopardefell“, EMI Electrola
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