Appell zum Weltbodentag

Kohle für den Kohlenstoff

Mit der Rückführung von Kohlenstoff aus der Luft in den Boden kann die Klimakrise rückgängig gemacht werden. Bessere Ernten wären nur eine Folge.

Ein Trecker auf einem Acker

Ein kohlenstoffreicher Boden als Win-Win-Win-Win-Win-Situation Foto: Karl-Heinz Spremberg/imago images

Die Klimadebatte übersieht das Riesenpotenzial des Agrarsektors. Land­wirt:innen, die Humus aufbauen, sollten dafür bezahlt werden. In der Klimadebatte kommt Landwirtschaft kaum vor. Wenn überhaupt, dann scheinen sich protestierende Klimaschützer:innen und protestierende Bäue­r:innen unversöhnlich gegenüberzustehen. Der heutige internationale „Tag des Bodens“ bietet Anlass, um darauf hinzuweisen:

Die Politik könnte den Erhalt fruchtbaren Bodens als gesellschaftliche Aufgabe definieren und Landwirt:innen dafür bezahlen. Wenn man Landumnutzung, Produktion, Verarbeitung, Transport und Wegwerfen von Lebensmitteln zusammenzählt, stößt der Agrarsektor ungefähr die Hälfte der Klimagase aus. Er ist damit die Hälfte des Problems – und könnte die Hälfte der Lösung werden.

Seit Einführung der agroindustriellen Bodenbearbeitung enthalten Böden immer weniger Humus – fruchtbare organische Substanz, die zu 58 Prozent aus Kohlenstoff besteht. Durch tiefes Pflügen, schwere Traktoren, Kunstdünger und Pestizide verliert Erde ihren Zusammenhalt, Kohlenstoff wird freigesetzt und oxidiert an der Luft zu CO2. Der renommierte US-Bodenforscher Rattan Lal schätzt, die globalen Landnutzungsflächen enthielten heute nur noch ein Viertel bis die Hälfte ihres ursprünglichen Kohlenstoffgehalts.

Erneuerbare Energien können Neuemissionen stoppen, die Klimakrise aber nicht rückgängig machen. Das vermögen nur regenerative Praktiken, die Kohlenstoff aus der CO2-übersättigten Luft zurück in die humusverarmten Böden holen. Mit Humusaufbau kann man zudem höhere Ernten erzielen, für gesunde Pflanzen, Tiere und Menschen sorgen, Artenvielfalt mehren, durch erhöhte Wasserhaltefähigkeit der Böden Dürren und Überflutungen abpuffern sowie ganze Landschaften regenerieren.

Hohe Ernten und gesunde Tiere durch Humusaufbau

Eine Win-win-win-win-win-Situation. Stattdessen streitet sich die UN-Klimakonferenz gegenwärtig über Details des CO2-Emissionshandels. Ob dieser auf globaler Ebene überhaupt funktioniert, daran kann man begründete Zweifel hegen. Aber ein lokaler oder regionaler CO2-Handel, der transparent abläuft, kann überall und jederzeit aufgebaut werden.Die „Ökoregion Kaindorf“ in Österreich, ein Verbund von drei ländlichen Gemeinden in der Steiermark, zeigt, wie es geht.

Die Politik könnte den Erhalt fruchtbaren Bodens als gesellschaftliche Aufgabe definieren und honorieren

Unternehmen, die CO2-neutral wirtschaften wollen, finanzieren die Klimadienstleistung von Landwirt:innen, die Kohlenstoff dauerhaft in den Boden bringen. Die Firmen kaufen CO2-Zertifikate für 45 Euro pro Tonne von einem Verein, der Bäuer:innen beim Humusaufbau berät und begleitet. Landwirt:innen – die in ganz Österreich beheimatet sein können – erhalten 30 Euro pro Tonne, wenn ihr Humusaufbau durch Laborproben nachgewiesen wurde. Die Differenz von 15 Euro je Tonne finanziert die Unkosten des Vereins.

Derzeit sind rund 220 Bäuer:innen beteiligt – mehrheitlich konventionelle. Sie produzieren, ein wenig lyrisch formuliert, Humuserdäpfel und Klimakohl.Könnte das nicht auf die EU übertragen werden? Dort wird gerade über die Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) verhandelt. Die Direktzahlungen der GAP, die fast 40 Prozent des EU-Gesamtetats ausmachen, richten sich bisher vor allem nach der Fläche.

Agroindustrielle erhalten den Löwenanteil – sogar Konzerne wie RWE oder Bayer-Monsanto, weil auch sie Flächeneigentümer sind. Durchrationalisierte Agrobetriebe, die auf klimaschädliche Praktiken nicht verzichten können oder wollen, bekommen so bis zu 150.000 Euro je Arbeitskraft jährlich, ökologische Kleinbauernbetriebe nur etwa 8.000 oder noch weniger.

Eine Umstellung der Subventionen ist dringlich

Die Billigprodukte der Großen, etwa Tomatenmark oder Hühnchen, werden unter anderem nach Afrika exportiert, wo sie lokale Märkte zerstören und Fluchtursachen produzieren. Eine komplette Umstellung der Subventionen ist dringlich. Das EU-Parlament, das gerade den „Klimanotstand“ ausgerufen hat, sollte darauf drängen, dass gesellschaftliche Aufgaben wie Klimaschutz angemessen subventioniert werden. Landwirt:innen könnten bedeutende Klimaschützer:innen werden.

Sie würden damit zugleich jene gesellschaftliche Wertschätzung erfahren, die ihnen jetzt so sehr fehlt, weil sie unter dem Druck der Discounter Billig-Lebensmittel produzieren und damit indirekt selbst entwertet werden. Manche wenden ein, die großflächige Kontrolle von Humusaufbau sei bürokratisch aufwendig und fehleranfällig. Das mag sein, trifft aber mindestens ebenso auf die EU-Subventionspolitik und auch den CO2-Emissionshandel zu.

Namhafte Boden- und Klimaforscher:innen schlagen deshalb ein neues Modell vor: Kohlenstoffsenken in Böden und Wäldern sollten zertifiziert und „vermietet“ werden, anstatt CO2-Handel als „Luftverschmutzungsrechte“ von Unternehmen zu betreiben. Je stärker die Klimakrise werde, desto höher sei der Bedarf nach solchen Senken, so das Kalkül, und desto mehr steige auch der Preis für dauerhaft gespeichertes CO2.

Die Besitzer:innen solcher Senken – zu denen auch Landwirt:innen gehören – würden an der Preissteigerung beteiligt. Die Zertifizierung der Senken könnte gleichzeitig an Umweltauflagen gebunden werden. Die CO2-Steuer als „Abfallgebühr“ könnte so die Klimaleistungen der Land- und Forstwirtschaft finanzieren.Der UN-Klimarat (IPCC) denkt wirtschaftlich zu konventionell und übersieht deshalb das gigantische Lösungspotenzial dieser Ansätze.

Dazu gehört auch die Herstellung von „Terra Preta“ – fruchtbare Schwarzerde mit viel Pflanzenkohle; letztere besteht bis zu 100 Prozent aus Kohlenstoff. Der Einsatz von Pflanzenkohle im Boden, im Tierfutter oder als Baumaterial und die damit verbundene Schaffung von langfristigen Kohlenstoffsenken rechne sich (noch) nicht, so der IPCC. Doch Kohle für Kohlenstoff wäre eine schwarz glänzende Perspektive für EU-Landwirt:innen.

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