Antifaschist*innen in der „Gamerszene“: Spielend gegen Nazis

Rechte rekrutieren gezielt Spieler*innen in Games. Dagegen regt sich nun organisierter Widerstand: „Keinen Pixel den Faschisten“.

Ein Gamer sitzt hinter einem Bildschirm

Im Netz, wie überall, zählt: Wer schweigt, stimmt zu Foto: Arnulf Hettrich/Imago

Nicht alle Gamer sind Nazis, wahrscheinlich nicht mal die meisten – man lässt unter den Gamern die Nazis nur viel zu ungestört gewähren. Eine so ausdrücklich antifaschistische Initiative von Videospieler:innen hat jedenfalls Seltenheitswert: „Keinen Pixel den Faschisten“, heißt ein neues Bündnis Medienschaffender aus den Gaming-Communitys. Unter ihrem Logo versammeln sich Menschen aus Szene und Wissenschaft, Einzelpersonen wie größere Gruppen. Sie alle haben einschlägige Erfahrungen mit rechten Mitspielern gemacht und wollen künftig gemeinsam gegen Rassismus, Antisemitismus und Sexismus im eigenen Umfeld vorgehen.

„So ein Bündeln der Gegenstimmen ist seit Jahren überfällig“, sagt Lara Keilbart. Sie ist Teil der Initiative, freie Audio-Producerin und unter anderem auf der Plattform Polygamia.de aktiv. Erste Ansätze zur Vernetzung laufen schon seit Jahren, die Entscheidung aber, jetzt konkret zu werden, fiel mit dem Terroranschlag von Halle.

Am 9. Oktober vergangenen Jahres hatte der Rechtsterrorist Stephan B. vergeblich versucht, schwerbewaffnet in die Synagoge der Stadt einzudringen. Im Anschluss daran ermordete er zwei Menschen. Seine Taten hatte er nicht nur live auf der Gamingplattform Twitch gestreamt, sondern auch nach dem Muster eines Videospiels aufbereitet: Er filmt aus der Egoperspektive und setzt sich vor der Tat Bonusziele mit Titeln wie „Chosen to die – kill a Jew“, oder „Why not both – kill a Muslim and a Jew“.

Spott für Seehofer

Wie andere Terroristen vor ihm, hatte er sich auf Onlineplattformen unter Gleichgesinnten radikalisiert – und dort seine Texte verbreitet. Als Innenminister Horst Seehofer (CSU) kurz nach dem Anschlag sagte, dass man „die Gamer-Szene stärker in den Blick nehmen“ müsse, kam aus der Szene vor allem Spott zurück.

Auch bei „Keinen Pixel den Faschisten“ sieht man Seehofers Forderungen kritisch. Solche pauschalen Aussagen seien immer schwierig, sagt Lara Keilbart, auch weil überhaupt nicht klar sei, was das konkret heiße: „Soll der Verfassungsschutz sich in Online-Communitys einschleusen und da ähnlich sinnlos wie im physischen Leben irgendwas tun, von dem man nicht nachvollziehen kann, ob es nützt oder schadet?“ Dass aber Handlungsbedarf dringend besteht, daran gibt es auch bei der Initiative keinen Zweifel.

Das Bündnis fährt zweigleisig: Zunächst wollen sie ihre Positionen öffentlich machen und über rechte Tendenzen und Strategien informieren. Ziel sind hier die Szene selbst, aber auch Entscheider:innen in Politik und Industrie. Nötig wäre etwa, „Plattformen gesetzlich zu verpflichten, stärker gegen Hasskommentare vorzugehen“, so Keilbart, auch über den nationalen Rahmen hinaus. Vergleichbar wären etwa Regelungen zum Datenschutz, wo seit 2018 die „Datenschutz-Grundverordnung“ immerhin EU-weit die Verarbeitung personenbezogener Daten reguliert.

Ein Kulturkampf

„Keinen Pixel den Faschisten“ versteht sich aber auch als „eine Art Schutzschild für die Betroffenen“ von Hate Speech und Verleumdungskampagnen. Schon aus Selbstschutz: „Wir sind gerade eine Woche online und kriegen schon die ersten Kommentare aus den einschlägigen rechten Kreisen auf Twitter“, sagt Keilbart, „aber wir wissen ja mittlerweile auch, wie man damit umgehen kann.“

Gemeint ist melden, blocken und Unterstützung suchen – nicht nur zur emotionalen Entlastung, sondern auch, weil einzelne Beschwerden auf Twitter in der Regel folgenlos bleiben. In der Gruppe hat man immerhin eine kleine Chance. Unterzeichnet wurde „Kein Pixel den Faschisten“ auch von der Amadeu Antonio Stiftung, die seit Jahren gegen rechte Medienstrategien kämpft und mit ihrem kürzlich gestarteten Projekt „Good Gaming – Well Played Democracy“ auch ein Forschungs- und Informationsprojekt zu Spielen an den Start gebracht hat. Im Konzept steht der auf den ersten Blick harmlos scheinende Satz, „dass Freizeitspaß und eine eindeutige Ablehnung gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit gut zusammenpassen“.

Wahrscheinlich liegt nämlich gerade hier das größte Problem. Nicht dass sich eine bislang noch überschaubare Anzahl von Rechtsextremisten und Neonazis auf Plattformen wie eben Twitch oder Steam herumtreibt, sondern dass der überwältigenden Mehrheit der Szene nicht viel dazu einfällt.

„Not all Gamers“ klingt als populärer Schlachtruf der unpolitischen Mehrheit dann auch vielmehr nach Schuldabwehr, als nach inhaltlicher Abgrenzung: Dass nicht alle Spieler Nazis sind, führt schnell zum Trugschluss, dass es gar kein Problem mit Rechtsextremismus gebe.

Gaming hat Nachholbedarf

Videospiele zählen zu den zentralen kulturindustriellen Produkten und sind damit Schauplatz des Kulturkampfs, den etwa Film und Literatur längst offen austragen. Zur Frage, ob Kunst gesellschaftliche Diversität abbilden und etwa in Kunstwerken reproduzierte Geschlechterrollen hinterfragen muss, mag es verschiedene Haltungen geben – aber immerhin werden Diskussionen über Quoten und Verantwortung inzwischen vor großer Öffentlichkeit geführt und nur noch selten leichtfertig abgetan. Gaming hat da großen Nachholbedarf

Das beweist regelmäßig die brachiale Abwehr von Kritik an frauenverachtenden Spielinhalten. Unter dem Schlagwort „Gamergate“ bekannt geworden sind Angriffe und Drohungen gegen die Feministinnen Zoë Quinn, Brianna Wu und Anita Sarkeesian. Ein aktuelleres Beispiel wäre die überaus erfolgreiche „Anno“-Serie, ein Wirtschaftssimulator, der verschiedene Epochen der Menschheitsgeschichte authentisch und detailliert behandeln möchte. „Es geht einfach nicht“, sagt Lara Keilbart, „dass ein Thema wie Sklaverei dort ausgeblendet wird, weil es den Entwickler:innen zu gefährlich ist.“Selbst wenn es gut gemeint wäre, diesen brutalen Kolonialismus nicht ins Spiel zu übertragen, werden die Verbrechen so doch verschleiert.

Freiheit bedeutet Verantwortung

Dahinter steht die Frage, wie simulierte Welten unsere Wahrnehmung der realen prägen. Aus Sicht von „Keinen Pixel den Faschisten“ haben rechte Strategien das längst aufgegriffen: „Die wollen Games so haben, wie sie ihnen ins Weltbild passen: mit einer klaren Hierarchie, ohne People of Color, ohne Queers, ohne irgendwas.“

Die Abwehrhaltung gegen solchen Debatten, liegt zum Teil sicher auch an Vorverurteilungen in der Vergangenheit – insbesondere an der panischen Berichterstattung über sogenannte „Killerspiele“. Das räumt auch Lara Keilbart ein und fordert ihre Mit­spie­le­r:innen umso mehr auf, sich solchen Fragen zu stellen. Jahrelang habe man gefordert, dass Games als Kunstform anerkannt würden, aber Kunstfreiheit könne eben nicht heißen, dass man künstlerische Produkte nicht kritisieren darf, so die Aktivistin: „Freiheit bedeutet immer auch Verantwortung.“

Besonders wichtig ist in diesem Zusammenhang, dass auch Ent­wick­le­r:in­nen und Studios bei „Keinen Pixel den Faschisten“ involviert sind: Causa Creations aus Karlsruhe etwa, Studio Fizbin oder Paintbucket Games, die für ihr NS-Widerstandsspiel „Through the Darkest of Times“ große mediale Aufmerksamkeit erfahren haben. Das ist auch ein Zeichen an die Industrie, sagt Lara ­Keilbart: „Ihr habt schon beim Machen eine Verantwortung. Dreht die Extrarunde im Konzept und hört euch das Feedback an!“ Wer historische oder gesellschaftliche Szenarien umsetze, müsse sie so darstellen, dass rechte Gruppierungen nicht Profit daraus schlagen.

Wahrscheinlich ist die Breite der Ini­tiative tatsächlich ihr stärkstes Signal. Wer den aufgelisteten Unterschriften folgt, findet sich in einem ausgesprochen wachen und produktiven Teil der Gaming-Szene wieder. Rund 40 Projekte und Gruppen sind beteiligt: neben Wissenschaftler:innen und Fachjournalist:innen finden sich dort auch Blogs und Postcasts von Menschen, die einfach gerne spielen, ohne darum die Schattenseiten ihrer Community zu verleugnen – und die immer wieder Kontra geben, wenn in ihren Multiplayer-Runden und Kommentarspalten sexistische Witze gerissen oder andere menschenfeindliche Haltungen zum Ausdruck kommen.

Der Widerspruch kann Betroffene unmittelbar unterstützen, oder auch zu handfester Internet-Antifa werden: Weil hinter einem blöden Spruch auch organisierte Rechtsextremisten stecken können. Die „rekrutieren auf Plattformen, indem sie gezielt mit rassistischen und antisemitischen Witzen antesten“, sagt Lara Keilbart: „Wer springt darauf an? Wird gelacht? Und dann wird die Grenze des Sagbaren immer weiter verschoben.“ Und da gilt im Netz wie überall: Wer schweigt, stimmt zu.

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