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Amphibien in BerlinDas Verstummen in den Teichen

Die landeseigene Stiftung Naturschutz schlägt Alarm: Berlins Amphibienbestände sind regelrecht eingebrochen. Die Politik muss künftig viel mehr tun.

Wenn das Umweltministerium eines Landes verkündet, dass dieses Land ein dramatisches und wachsendes ökologisches Problem hat, und wenn dieses Land und dieses Ministerium offenbar nicht genug tun, um dieses Problem zu bekämpfen – dann ist das ziemlich bemerkenswert und ein bisschen verkehrte Welt: Normalerweise sind es Lobbyorganisationen oder Bürgerinitiativen, die Alarm schlagen und ein Umsteuern der Politik verlangen.

Und so ist es tatsächlich die Senatsverwaltung für Umwelt, die nun warnt in einer von ihr verschickten Erklärung mit der Überschrift: „Stumme Teiche: Berliner Amphibienbestände dramatisch eingebrochen“. Wer sich für Naturschutz interessiert, wird dabei womöglich direkt an den „Stummen Frühling“ denken, das in den 60ern erschienene Buch von Rachel Carson über die katastrophalen Folgen des in der Landwirtschaft zur Schädlingsbekämpfung eingesetzten Pestizids DDT. Carsons Buch spielte eine wichtige Rolle für die Entstehung der Umweltbewegung.

In diesem Fall ist es aber nicht der Gesang der Vögel, der plötzlich fehlt, sondern das Quaken der Berliner Frösche. Für die ist es ebenso wie für Kröten, Molche und Unken „fünf nach zwölf: Rund drei Viertel der größeren Amphibienpopulationen sind verschwunden“. Das sagt die landeseigene Stiftung Naturschutz Berlin (SNB), zu deren Aufgaben gehört, die Situation gefährdeter Tierarten zu dokumentieren. Mit dem über 300-seitigen „Berliner Amphibienbericht“ hat sie nun eine akribische – und niederschmetternde – Bestandsaufnahme vorgelegt.

Wobei es hier nicht um ein mysteriöses, plötzlich aufgetretenes Phänomen geht, sondern um eine Entwicklung, die seit Jahren und Jahrzehnten voranschreitet, aber die Politik offenbar lange viel zu wenig interessiert hat. Dass sich das nun – hoffentlich – ändert, liegt an der sorgfältigen Arbeit der Koordinierungsstelle Fauna der SNB und an der Berichtspflicht des Landes Berlin zur Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie (FFH-RL) der EU. Um die erfüllen zu können, hat die Senatsverwaltung die Stiftung mit der Erstellung des Berichts beauftragt.

In sehr milden Wintern wachen Amphibien häufiger auf. Das raubt den Tieren Energie

Susanne Bengsch, Amphibienexpertin

Dafür sammeln die ExpertInnen nun schon seit 2016 regelmäßig Daten im gesamten Stadtgebiet. Unterstützt von Dutzenden Ehrenamtlichen und Studierenden werden Teiche, Pfuhle und Gräben unter die Lupe genommen, Tiere gezählt und zur Vermessung entnommen. Ein weiteres Element dieser sogenannten Kartierungen ist das Web-Tool ArtenFinder, über das Interessierte im Rahmen der „Citizen Science“ eigene Beobachtungen zur Prüfung einreichen können.

Es läuft etwas schief

„Schon bald nach Beginn der Kartierungen haben wir festgestellt: Hier scheint etwas schief zu laufen“, sagt Susanne Bengsch, Amphibienexpertin und Leiterin der SNB-Koordinierungsstelle Fauna, der taz. Beim Vergleich der neuen, systematischen Beobachtungen mit Datensätzen aus den vorangegangenen vier Jahrzehnten fiel auf, dass an vielen Orten, die früher regelrechte Amphienhotspots waren, nun fast nichts mehr zu sehen – und zu hören – war.

Ein Beispiel aus dem Bericht: Am Barssee mitten im Grunewald wurden zu Beginn der 80er Jahre regelmäßig über 2.000 adulte (erwachsene) Moorfrösche gezählt. Mitte der 1990er Jahre waren es dann noch zwischen 100 und 200 adulte Tiere, und zuletzt konnte nur noch ein einziges Moorfroschmännchen dort dokumentiert werden. Das Attribut „dramatisch“ ist in einem solchen Fall eigentlich noch zu schwach.

Wandernde Frösche oder Kröten geraten immer wieder in Gullys, aus den darin eingehängten Schlammeimern kommen sie nicht mehr alleine heraus

Der Grund für diesen Populationsverlust: Den Barssee gibt es eigentlich gar nicht mehr, er ist durch sinkende Grundwasserstände mittlerweile fast völlig verlandet. Ein Beregnungs-Pilotprojekt der Berliner Wasserbetriebe zur Wiedervernässung der Fläche wurde 2023 nach wenigen Jahren wieder eingestellt.

Nimmt man ganz Berlin in den Blick, ist das Austrocknen von Gewässern aber nur ein Faktor von vielen, der den Amphibien das Leben schwer macht – zumal diese auch außerhalb des Wassers leben. Auch die Bebauung von Brachen, die zunehmende Versiegelung und die fehlende oder falsche Pflege von Habitaten spielen eine Rolle, hinzu kommen Schadstoffeinträge, tödliche Fallen wie Gullys und Schächte und invasive Fressfeinde.

Selbst wenn man nur die drei besonders anpassungsfähigen – und am häufigsten zu beobachtenden – Arten Teichmolch, Teichfrosch und Erdkröte betrachtet, sind die Rückgänge enorm: Laut dem Bericht der SNB gibt es aktuell noch 43 Gewässer mit großen Vorkommen (mehr als 100 adulte Individuen) dieser Spezies. Im historischen Vergleichszeitraum waren es schon einmal 162 Gewässer gewesen – ein Rückgang um 73,5 Prozent.

Nur 2 Prozent im „günstigen Zustand“

Im Jargon der Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie klingen die Ergebnisse für Berlin so: Fast 90 Prozent der analysierten Amphibien-Populationen befinden sich in einem „ungünstig-schlechten Zustand“, also auf der untersten von drei möglichen Bewertungsstufen. Bei der Qualität der Habitate – über 700 potenziell für Amphibien geeignete Lebensräume wurden kartiert – erhalten jeweils 49 Prozent das Verdikt „ungünstig-unzureichend“ und „ungünstig-schlecht“, nur 2 Prozent das anzustrebende Prädikat „günstig“.

Nicht gegen alle negativen Einflüsse kann das Land selbst etwas tun – am wenigsten gegen den Klimawandel mit längeren heißen und trockenen Phasen, die Gewässer austrocknen lassen, und mit einer kalten Jahreszeit, in der es nicht dauerhaft richtig kalt wird. „In sehr milden Wintern wachen Amphibien häufiger auf“, erklärt Bengsch. Das raube den Tieren Energie: „Die Erdkröte etwa produziert dann nachgewiesenermaßen weniger Eier.“

Was laut Bengsch getan werden kann und getan werden müsste: das Renaturieren und die ökologische Pflege von Gewässern und angrenzenden Naturräumen. Amphibien bräuchten beispielsweise auch Totholzbereiche, in denen sie sich verstecken, je nach Art auch vergraben können. Allzu aufgeräumte Parkanlagen helfen ihnen da nicht viel.

Bislang viel zu wenig Beachtung haben Gullys gefunden, in die wandernde Frösche oder Kröten immer wieder hineingeraten, wenn sie ablaufendem Regenwasser folgen. Aus den darin eingehängten Schlammeimern kommen sie nicht mehr alleine heraus. „Ein paar Tage halten sie da aus, aber nicht länger“, so Susanne Bengsch. Die SNB wolle deshalb intensiver mit den Berliner Wasserbetrieben ins Gespräch über sogenannte Ausstiegshilfen kommen. „Das können Lösungen wie Bretter oder Kokosmatten sein, über die die Tiere einen Gully wieder verlassen können.“

Wenn der Waschbär das Häuten lernt

Und auch an wirksamen Maßnahmen gegen invasive Prädatoren wie den Waschbären, aber auch den Roten amerikanischen Sumpfkrebs fehlt es bislang. Vor allem der Waschbär, der sich in den vergangenen Jahren in Berlin stark ausgebreitet hat, setzt den Amphibien massiv zu.

Das liege auch an seiner Intelligenz und Geschicklichkeit, erklärt Bengsch: „Wenn ein Dachs in eine Erdkröte beißt, kriegt er Schaum vor dem Maul und liegt tagelang flach. Er wird dann keine Erdkröte mehr anrühren.“ Das liege daran, dass die Kröte in ihrer warzigen Haut ein Gift speichere. „Die Waschbären dagegen haben gelernt, die Kröten zu häuten –, und sie geben dieses Wissen an ihren Nachwuchs weiter.“

All diese Erkenntnisse kann Norbert Prauser, beim Berliner BUND für Kleingewässer zuständig, nur bestätigen. Prauser, der den Amphibienbericht der SNB für regelrecht „nobelpreisverdächtig“ hält, hat in diesem Jahr schon zum fünften Mal einen „Kleingewässer-Report“ vorgelegt. Darin beschreiben er und sein UnterstützerInnenteam detailliert die Probleme mit austrocknenden, verlandenden und im Schilf erstickenden Pfuhlen und Teichen.

Für die meisten Teiche und Pfuhle sind die Bezirke zuständig, die vor komplizierten Förderanträgen zurückschrecken – das resultiere dann in der Vernachlässigung der Biotope

Prauser hat allerdings auch beobachtet, welchen Unterschied es macht, ob ausreichend Mittel verfügbar sind oder eben nicht. „Ein Drittel der Kleingewässer wird von der Senatsverwaltung unterhalten, da ist der Zustand eher erfreulich.“ Für den weitaus größeren Teil seien freilich die Bezirke zuständig, und dort sehe es oft „ganz schlecht“ aus. Die Grünflächenämter müssten beim Land um Gelder betteln und schreckten vor komplizierten Förderanträgen zurück – das resultiere dann in der Vernachlässigung der Biotope.

Susanne Bengsch hofft nun auch, dass die Politik die Dramatik der Lage begreift und den von der Stiftung vorgeschlagenen Maßnahmenkatalog abarbeitet – was sich natürlich auch in künftigen Landeshaushalten niederschlagen muss. Die SNB habe auch schon vor Fertigstellung des Berichts Alarm geschlagen, sagt sie der taz, es sei aber gut, wenn dieser jetzt größere Wellen schlage und als Argumentationshilfe dienen könne. „Wir haben nicht mehr 10 oder 20 Jahre Zeit.“

Übrigens: Jeder, der einen Kleingarten bewirtschaftet, kann den Lurchen etwas Gutes tun, durch unaufgeräumte Ecken, die ihnen Zuflucht bieten, oder gleich durch einen ausreichend großen Gartenteich. „Amphibien nehmen, was sie kriegen“, sagt Susanne Bengsch. Wenn potenzielle Laichgewässer trockenfielen, könnten auch private Teiche „für eine gewisse Zeit bestandserhaltend wirken. Wir haben da auch einen gewissen Drift beobachtet.“ Ein Tabu gibt es aber: Fische machen den Eiern oder Larven von Amphibien ganz schnell den Garaus.

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