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Altern und GesundheitWenn die Bandscheibe zum Vorfall wird

Müssen wir uns im mittleren Alter von der Sport- und Rockstarattitüde verabschieden? Was können wir wirklich tun gegen gesundheitliches Zerbröseln?

Ein Mal geploppt, nie mehr gestoppt. Ist die Bandscheibe erstmal ramponiert, wird’s selten wieder wirklich gut Foto: Schmitt/Image Point FR/BSIP/imago

I rgendwann kommt das Alter, in dem man sich von zu viel Schneid verabschieden muss. Meiner Tante passierte das vor vielen Jahren in der Eisdisko. Bei einer Pirouette, die sie lässig aus dem Stegreif improvisierte, legte sie sich dermaßen hin, dass ihr kein Beifall, sondern ein wochenlanger Gipsarm zuteilwurde.

Ärgerlicherweise ist mir neulich etwas Ähnliches passiert. Ich war mal wieder beim Vinyasa Flow, wo man viele fließende Bewegungen macht. Von den Wänden des Yogastudios grinsten mich neonfarbene Hindu-Gottheiten an, die meisten im Raum hatten Körper wie weich gekochte Spaghetti. Doch: Wo ein Wille ist, ist auch ein Sonnengruß, dachte ich mir, und wunderte mich gleichzeitig darüber, dass ich nicht schon nach den ersten fünf Minuten mit einer Notfalltrage abtransportiert werden musste.

Also wurde ich etwas übermütig und glitt mit Verve vom Chaturanga in den nach oben schauenden Hund. Wohl bemerkte ich dabei ein fettes Zwirbeln im unteren Rückenbereich – aber deshalb gleich in die Haltung des Kindes gehen? No way. Leider waren längeres Sitzen oder Runterbeugen danach nicht mehr möglich.

Ein fettes Zwirbeln im unteren Rückenbereich – und längeres Sitzen ist nicht mehr möglich

Immerhin bin ich nicht alleine. Der Februar ist nämlich nicht nur in Sachen Vitamin D ein Abfuck, er zeigt vielen meines Alters auch, wo die Reise hingeht. Direkt und nicht über Los in den Bandscheibenvorfall, wenn wir das mit der Rockstarattitüde nicht besser in den Griff kriegen.

Alle irgendwie Rücken

Wobei, Rockstar? Eher Sternchen im Morgenrock, weil sich unsere Exzesse mehr auf Binge-Scrolling und Überstunden im Homeoffice beschränken. Sitzen ist halt das neue Rauchen. Na ja. Jedenfalls haben in meinem Freundeskreis gerade alle irgendwie Rücken.

Unsere Gespräche im Chat verlaufen deshalb auch so: „Was ist mit deinem Rücken?“ – „Ach, unverändert. Unten tut es weh, aber vielleicht ist es auch die Hüfte. Und bei dir?“ – „Bei mir genauso. Rücken ist halt immer noch nicht gut und manchmal ist abends dann auf Stühlen sitzen nicht so angenehm.“ – „Jaaa. Komm wir verabreden uns im Liegen.“ – „Haha!“

Auch die Medizin sagt, dass es ab 40 sukzessive bergab geht: ein verlangsamter Stoffwechsel, Muskelabbau, Knochenschwund. Jetzt zeigt sich, wer genug Zeit, Geld und Langeweile im Leben hat, um sich dem eigenen Alterungsprozess auch wirklich entgegenzustemmen.

Ob wir Millennials das trotz des technischen Fortschritts im Durchschnitt noch genauso gut können werden wie Teile unserer Elterngeneration? Vielleicht sieht die Welt dank Oldie-Power-Schablone und KI-Robotern in Zukunft aber auch wie ein Golfklub auf Mallorca aus: weißhaarig und quietschfidel. Ich hoffe, dass auf den Gräbern von uns „Möglichmacher*innen“ zumindest ein dickes, fettes Merci eingraviert sein wird.

Akupunktur soll es richten

Sorry! Rückenschmerzen machen schlechte Laune. Den Beweis dafür habe ich um mich herum im Wartezimmer sitzen. Aber ich werde dem Zerfall entgehen, nehme ich mir vor, und lege mir genau zurecht, was ich gleich sagen werde, um eine hammermäßige Behandlung zu bekommen.

Der Arzt lächelt milde, dann zippelt er fünf Sekunden an mir herum und spricht seine Empfehlung aus. Erstmal ein paar Sitzungen Akupunktur, danach eine Magnetfeldtherapie, die natürlich ebenfalls etwas kostet.

„Och nö“, sage ich mit Blick auf meinen Kontostand und schiebe die Arbeit vor. Danach gönne ich mir ein belegtes Brötchen beim Bäcker. Ich beiße hinein, und! – verliere ein Stück Zahn. Das kann doch alles nicht wahr sein. Ich zerbrösele, Leute! In meinem nächsten Leben werde ich IGeL-Leistung.

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Anna Fastabend
Redakteurin wochentaz
Hat mal Jura studiert und danach Kreatives Schreiben am Literaturinstitut in Hildesheim. Hat ein Volontariat bei der Märkischen Oderzeitung gemacht und Kulturjournalismus an der Universität der Künste Berlin. Schreibt über feministische Themen, Alltagsphänomene, Theater und Popkultur.
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