Alter und neuer Kolonialismus: Den Selbstbegriff hinterfragen

Koloniale Muster setzen sich bis heute fort. Auf Kosten anderer entledigen sich reiche Nationen ihrer klimapolitischen Pflichten.

Ein Soldat in kolonialer Uniform geht mit einem Gewehr Arm in Arm mit einem Geistlichen in schwarzer Soutane, er hält einen Rosenkranz mit Kreuz

Illustration: Katja Gendikova

Die Neueröffnung des Humboldt Forums hat die Debatte über den Kolonialismus und dessen Erbe vielerorts erneut angestoßen. So meldete sich auch Richard Schröder zu Wort, emeritierter Professor für Philosophie und Theologie der Humboldt-Universität zu Berlin. Zweimal schreibt Schröder in einem Gastkommentar in der Neuen Zürcher Zeitung:Der Kolonialismus soll nicht beschönigt werden.“ Umso erstaunlicher ist es, dass er es selbst tut.

Schröder lässt in seinen Texten nichts aus: die Verbreitung von westlichen Werten, die Zivilisierung von Eingeborenen und zu guter Letzt die demütige Dankbarkeit der missionierten „afrikanischen Christen“. Eine gute Gelegenheit, mal ein bisschen an dem Selbstverständnis zu kratzen, das seinem Text ganz offensichtlich zugrunde liegt: die Externalisierung von Kolonialität.

Angesichts der andauernden Diskussionsrunden und Kommentare zu Rassismus, in denen selbsternannte Ex­per­t*in­nen sich der Thematik nähern, wie Svenja Flaßpöhler oder Richard David Precht, scheint eine oberflächliche Aufarbeitung von Kolonialismus und Rassismus sowie das Zusammenspiel von beidem ein generelles Problem zu sein.

Oft hört man von Ver­tre­te­r*in­nen der „Differenzierung“ der Kolonialismusdebatte, der Kolonialismus wäre ja gar nicht so schlimm gewesen. Eine fast „harmonische“ Angelegenheit mit ein paar Ausnahmen wie König Leopolds Schreckensherrschaft im belgischen Kongo. Angesichts des Völkermords an den Herero und Nama ist dies eine Argumentation, die vor allem auch im deutschen Kontext an Geschichtsrevisionismus grenzt.

Mythos des positiven Kolonialisten

Zahlreiche Vordenker*innen, Wis­sen­schaft­le­r*in­nen und Kämp­fe­r*in­nen mach(t)en es sich zur Lebensaufgabe, in akribischer Arbeit Jahrhunderte von systematischem Unrecht in Worte zu fassen. In der post- und dekolonialen Forschung haben sich verschiedene Gewaltbegriffe und damit einhergehend Dimensionen der Gewalt herausgebildet. Ziel sind nicht nur die Gräueltaten, sondern vor allem auch die künstlich konstruierte Normalität, in der diese stattfinden, greifbar zu machen.

Friedensforscherin Claudia Brunner beschäftigt sich zum Beispiel mit dem Konzept der epistemischen Gewalt und welche Rolle Wissen in den verschiedenen Facetten von Gewalt und ihrer Legitimation spielt. Wer ordnet die Welt wie ein, nach welchen Kategorien und mit welchem Allgemeinheitsanspruch? Kolonialisierung war maßgeblich von wirtschaftlichen Interessen geleitet.

Abgesehen von der frohen Kunde des Kapitalismus setzt sich die Zivilisierungsmission zusammen aus einer religiösen Komponente der Rettung und der vermeintlich universellen Rationalität der Aufklärung. Zusammengenommen beanspruchen diese Elemente eine Überlegenheit des „Westens“, der als ideelle Grundlage für die Kolonialisierung dient. Die „White Man’s Burden“ also, die Bürde sich den ansonsten „verlorenen“, „wilden“ „Massen“ anzunehmen.

Zum Verhältnis von kirchlicher Mission und Kolonialismus spricht Historiker Thoralf Klein von einer „Wahlverwandtschaft“, in der sich beide Phänomene Eigenschaften teilen, jedoch nicht immer komplett übereinstimmen. Interessanterweise nährt beide ein gewisses Abhängigkeitsverhältnis, das sich bei näherer Betrachtung offenbart. Der Missionar braucht die Missionierten.

Glückselige Missionierte

Sowohl in der Absolution der Missionarstätigkeit als auch der des Kolonialismus. Wenn Schröder also schreibt: „Afrikanische Christen sagen heute: Wir sind den Missionaren dafür dankbar, dass sie uns von der Geisterfurcht befreit haben“, spricht daraus vor allem der Versuch einer Daseinsberechtigung, der scheinbar doch eher den Missionierenden als den Missionierten gilt. Und so gibt sich die vermeintliche Glückseligkeit der Missionierten als ein notwendiges Instrument für die Glückseligkeit der Missionierenden zu erkennen.

Den Kolonialismus hat der Historiker Jürgen Zimmerer als „strukturell rassistisches Unrechtssystem“ bezeichnet. Die Frage jedoch, was genau strukturell in diesem Unrechtssystem ist, wird in der deutschen Medienlandschaft selten gestellt. In ähnlicher Weise rauschen viele Analysen oft komplett an der grundlegenden Verzweigung von Rassismus und Kolonialismus vorbei und bleiben so an der Oberflächlichkeit verhaftet.

In diesem Kontext hinterfragt die Philosophin Sylvia Wynter die scheinbare Objektivität und Universalität der Grundbegriffe, die in Debatten oft verwendet werden. Wynter situiert die spezifisch europäi­sche Auslegung des Konzepts „Mensch“ in zwei kolonial­geschichtlichen Wendepunkten.

Zum einen in der konzeptuellen Erschaffung des „Menschen“ als religiöse Einheit und als politisch rationales Subjekt, welche maßgeblich von der kolonialen Begegnung auf dem amerikanischen Kontinent beeinflusst wurde. Zum anderen im auf Charles Darwin folgenden Diskurs, der den „Menschen“ als evolutionsbiologisch definiert und auf dem die „wissenschaftliche“ Rassentheorie fußt. Aus beiden Formulierungen steigt der westeuropäische Mann als sinnbildlich für die „Menschheit“ hervor.

Identitätsloses Ich

Und in beiden Fällen speist sich die Selbstproduktion der eigenen Identität aus der Abgrenzung vom kolonialisierten, rassifizierten „Anderen“. Diese bedeutungsgebende Funktion des „Anderen“ setzt sich zunehmend in den Geistes- und Sozialwissenschaften durch, wo vermehrt nicht nur die vermeintliche Andersartigkeit erforscht wird, sondern inwiefern diese sinnstiftend für das „Wir“, die „Nichtandersartigen“ ist. Damit verschiebt sich das Subjekt des Rassismus und unser Blick darauf.

Vereinfacht gesagt geht es also nicht mehr nur um das „Schwarzsein“, sondern auch um eine Auseinandersetzung damit, welche Rolle das Konstrukt des „Weißseins“ spielt. Der Fokus auf Identität wird jüngst als Feindbild des demokratischen Prozesses angeprangert und der Spaltung der Gesellschaft beschuldigt. Ironischerweise positionieren sich die An­klä­ge­r*in­nen damit oft außerhalb jeglicher Identität.

Es ist immer schön, wenn sich dann in irgendeiner Talkshow oder Kolumne wieder jemand über die sogenannte Identitätspolitik echauffiert, als würden alle Otto Normalverbraucher der Mehrheitsgesellschaft identitätslos, umhüllt vom Schimmer der Objektivität durch die Welt schweben. Das Gegenteil ist natürlich der Fall. Wir alle argumentieren ausgehend von einem Referenzrahmen, der sich an unserer Identität orientiert.

Im Grunde könnte man diese Leugnung der Subjektivität und der eigenen Verflechtung mit der Geschichte sogar als die ursprüngliche „Identitätspolitik“ begreifen. Dieser Selbstbegriff ist keine rein theo­re­tische oder abstrakte Angelegenheit. Sie hat konkrete politische Auswirkungen und spiegelt sich zum Teil in den Herausforderungen unserer Zeit wider. Wir sind konfrontiert mit einer Klimakatastrophe, die uns alle sofort zum Handeln bringen müsste. Und doch passiert politisch erstaunlich wenig.

Konsequentes politisches Handeln wird in die Zukunft verschoben, auch weil die, die heute schon an den Folgen sterben oder vor ihnen fliehen, irgendwie nicht als relevant angesehen werden. Gleichzeitig leben wir angesichts unseres Ressourcenverbrauchs klimatechnisch auf Kosten der Lebensgrundlage anderer. Die Professoren Ulrich Brand und Markus Wissen nennen dies „impe­ria­le Lebensweise“.

Der Blick auf Materielles allein reicht nicht

Immer mehr reiche Nationen kaufen sich durch Emissions­kom­pen­sa­tions­pro­jekte im Globalen Süden aus ihrer Bringschuld frei. Dem sogenannten carbon colonialism oder auch „Kohlenstoffkolonialismus“. Damit verfallen die westlichen Staaten mit einer Selbstverständlichkeit in koloniale Muster, die wenig Spekulation zur Gegenwärtigkeit des Kolonialismus zulässt.

Trotz allem steht das eigene Selbstverständnis gewissermaßen über und außerhalb des ganzen Durcheinanders von Kolo­nia­lis­mus und Umweltzerstörung. Dieser Externalisierungsreflex lässt sich angesichts der heutigen Probleme nur mit der schwersten Gehirngymnastik oder eben einer Identität aufrechterhalten, die auf Kolonialität fußt. Nicht nur aus ethischen Gründen, aber auch für eine zukunftsfähige Gesellschaft, Politik und Welt müssen wir dieses Externalisieren ablegen.

Eine ehrliche Analyse des Kolonialismus durchleuchtet, inwiefern unser momentanes kapitalistisches Wirtschaftssystem auf einer extrahierenden Logik beruht, die im Kolonialismus perfek­tio­niert und globalisiert wurde. Auch die Debatte um die Rückgabe von kolonialen Raubgütern ist eine wichtige, genauso wie die Aufarbeitung von kolonialen Verbrechen wie dem Genozid an den Herero und Nama. Gleiches gilt für die Diskussion um neokoloniale Strukturen der globalen politischen Ökonomie.

Aber wenn die Aufarbeitung des Kolonialismus bei der Diskussion um materielle Werte verharrt, bleibt sie in der Oberflächlichkeit verhaftet. Essenziell für die Dekolonialisierung ist daher, dass Deutschland, Europa – der „Westen“ – vermeintliche Normen konfrontiert und dekonstruiert.

Das heißt sich zu fragen, inwiefern die eigene Lebensweise, das eigene Selbstverständnis nicht im Vakuum existiert, sondern vielerorts aus einer Normsetzung erfolgt, die sich rein in Abgrenzung zum kolonialisierten und rassifizierten „Abnormalen“, „Abweichenden“ definiert. Es gilt, die identitätslose Maske vom Gesicht zu nehmen. Das Erbe des Kolonialismus liegt nicht nur im Humboldt Forum.

Ganz im Gegenteil, es springt quicklebendig in unseren Köpfen herum und lässt sich nur mit grundlegender Ehrlichkeit konfrontieren. Die dringende Frage ist folglich, ob der Teil der Bevölkerung, der sich bislang als scheinbar unberührt vom Kolonialismus erfand, bereit ist, sich mit dieser gegenseitigen Komponente auseinanderzusetzen. Traut er sich, gründlich in den Spiegel zu schauen?

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ist 27 Jahre alt und promoviert in Paris in politischer Philosophie zum Thema „Digitaler Kolonialismus und die Macht der Internetkonzerne“.

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