: Alle Jahre wieder
Ein Ritual für Ausdauernde: Selbst für einige Linke ist der Tag der Arbeit am 1. Mai ein Relikt aus alten Zeiten – als es noch eine richtige Arbeiter*innenbewegung gab. Wir haben Menschen in Hamburg gefragt, warum sie trotzdem auch in diesem Jahr wieder auf die Straße gehen
Von Amira Klute
Auf jeden Fall geht Christian Warnke am 1. Mai 2026 demonstrieren. „Aufgeben ist keine Option“, sagt er fröhlich. Der 47-Jährige spricht mit der taz nach der Arbeit am Telefon. Er arbeitet seit 2004 als Lascher im Hamburger Hafen. Lascher befestigen die tausenden Container, die jeden Tag verladen werden, auf den Frachtschiffen, damit sie auf hoher See nicht ins Wasser fallen: eine sehr anstrengende Arbeit.
Warnke kämpft seit Jahren für bessere Arbeitsbedigungen und faire Entlohnung. Er ist in der Gewerkschaft aktiv und setzt sich auch politisch ein, sprach sich gegen den Teilverkauf des Hafens vor zwei Jahren aus. „Ich bin bewusst abhängig Beschäftigter und kein Kapitalist oder selbstständig und ich strebe auch keinen Mittelstand an“, sagt er. „Ich fühle mich da wohl“. Bis zum 1. Mai will er noch ein Banner malen mit Kollegen.
Der 1. Mai ist ohne Zweifel der höchste Feiertag der Arbeiter*innenbewegung. Seit nunmehr 136 Jahren wird er als einer der wenigen säkularen Feiertage quasi weltweit begangen. Als „Kampftag der Arbeiterklasse“ hatte ihn die Zweite Internationale 1889 in Paris ausgerufen. Sie nahm damit Bezug auf den 1. Mai drei Jahre zuvor in Chicago, an dem Polizisten mehrere Arbeiter erschossen hatten, die für den Achtstundentag demonstrierten.
Für Christian Warnke ist der 1. Mai in diesem Jahr so wichtig wie lange nicht. Das liegt daran, dass ihn verwundert, sagt er, wie leichtfertig Bundeskanzler Friedrich Merz gerade grundlegende Rechte von Beschäftigten einfach infrage stellt. „Das ist ein Angriff, auf die ganze, ich sag mal, Arbeiterklasse“, sagt Warnke.
Mitte Januar 2026 hat Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) beim Neujahrsempfang der Wirtschaft in Halle (Saale) davon gesprochen, das Arbeitszeitgesetz abzuschaffen. Das regelt unter anderem das Recht auf den Achtstundentag und die 40-Stunden-Woche. Es war nicht der einzige Angriff auf Rechte, die einst die Arbeiter*innenbewegung erkämpft hat. Bisher blieben größere Proteste gegen diese Angriffe aber aus. Vielleicht ändert sich das am 1. Mai, zumindest für einen Tag.
Fast genauso lange, wie der 1. Mai schon Tag der Arbeiter*innen ist, wird er nicht nur vom Kapital, sondern auch von Linken und Gewerkschafter*innen kritisch beäugt. Spätestens seit den 1960er Jahren und dem Zerfall einer einheitlichen Arbeiter*innenklasse - und bewegung wird seine Sinnhaftigkeit angezweifelt, jedes Jahr die Ritualisierung des Tages debattiert. Was bringt das noch, dass wir alle Jahre wieder am 1. Mai Bratwurst essen, uns Reden anhören oder uns mit der Polizei prügeln, wenn am nächsten Tag eh alles weitergeht wie zuvor?
Und trotzdem gehen jedes Jahr Menschen am 1. Mai auf die Straße. Auch wenn sie nicht mehr so groß sind wie früher, Gewerkschaftskundgebungen gibt es in Deutschland fast in jeder Stadt. In Hamburg nahmen 2025 mehr Menschen teil als in den Jahren davor. Mehr als 10.000 waren bei den über die Stadt verteilten Kundgebungen und Demos des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), nicht weniger bei den drei linksradikalen Demos: rund 800 beim anarchistischen Schwarz-Roten Mai, rund 3.000 beim kommunistischen Revolutionären 1. Mai und zehntausend bei der Demo des Bündnis „Wer hat, der gibt“ aus dem postautonomen Spektrum – auch wenn die Polizei wie immer ein bisschen weniger gezählt hat.
Hannes Werner, 22, war vor drei Jahren zum ersten Mal bei einer 1.-Mai-Demo in Hamburg. Er studiert soziale Arbeit und sitzt beim sozialistischen Internationalen Jugendverband (IJV) in Hamburg im Ortsvorstand. Er ist auch in diesem Jahr wieder im Jugendblock auf der DGB-Demo vertreten. Für Werner ist Aufrüstung das wichtigste Thema – und die Wehrpflicht. „Wenn Hunderte Milliarden für Rüstung ausgegeben werden können, wieso dann nicht für Schulen, Universitäten, im Gesundheitswesen, wo überall Geld fehlt?“, sagt er. Der 1. Mai ist für ihn ein wichtiger Tag. „Um die ganzen Kämpfe, die man das ganze Jahr über führt, einmal zusammen zu führen, weil das halt nicht so der Kampftag für ein bestimmtes Thema ist, sondern der Kampftag von uns allen, von der Arbeiterklasse“.
Der DGB gibt das Jahresthema immer bundesweit vor. In diesem Jahr ist es der Protest gegen Stellenabbau. In Hamburg sind die Demos aber inhaltlich auch stark von den Blöcken geprägt, an denen neben Parteien, Verbänden auch linke und linksradikale Gruppen wie der IJV teilnehmen.
Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass die Kritik an Krieg und Militarisierung in Hamburg schon früher am Tag der Arbeit Thema waren – durchaus im Dissenz mit den großen Gewerkschaften. Am 1. Mai 1969 etwa störten linke Lehrlinge und Menschen aus der Außerparlamentarischen Opposition (APO) die zentrale Kundgebung des Deutschen Gewerkschaftsbundes. Sie warfen der IG Metall Heuchelei vor, weil sie einerseits gegen Rüstung auftrat und andererseits mehr Mitbestimmung in Rüstungsbetrieben wie der Werft Blohm + Voss forderte. Die stellte damals Schiffe her, die an die faschistische Diktatur in Portugal geliefert werden sollten – für den Einsatz gegen den antikolonialen Befreiungskampf in Angola.
Ansgar Ridder, 37, Sprecher des Bündnisses „Wer hat, der gibt“, das sich seit der Coronapandemie in Hamburg und Berlin für Umverteilung einsetzt, ist gerade aufgewacht, als die taz anruft. Er hatte Nachtschicht, arbeitet als Heilerziehungspfleger in der Eingliederungshilfe. Ihn beschäftigt, dass sein Träger von den Kürzungen im Sozialbereich betroffen sein könnte, die aktuell bundesweit, aber auch auf Hamburger Landesebene diskutiert werden. „Da ist die ganze Zeit so eine Sorge da, dass es Verschlechterungen geben könnte für unsere Klient*innen und unsere Arbeit.“
Die Demo von „Wer hat, der gibt“ läuft wie die letzten Jahre auch durch ein Hamburger Villenviertel mit überdurchschnittlich hohen Einkommen. In diesem Jahr geht es westlich der Alster entlang. „Es geht uns auch darum, dass Reichtum überhaupt sichtbar wird und Teil der Debatte“, sagt Ansgar Ridder. Im vergangenen Jahr waren laut dem Bündnis 10.000 Menschen bei der Demo – doppelt so viele wie erwartet.
Lena Thombansen von der gewerkschaftsnahen Bildungseinrichtung „Arbeit und Leben“ hat mit Menschen zu tun, für die der 1. Mai kein Pflichttermin ist, weil sie andere Sorgen haben. Zum Beispiel, dass sie gar keinen Arbeitsvertrag haben oder keinen gesicherten Aufenthalt. Thombansen leitet die Servicestelle Arbeitnehmerfreizügigkeit und Faire Integration, die Menschen in sehr prekären Arbeitsverhältnissen berät. „Zu uns kommen viele Fahrer, die Pakete ausliefern für große Firmen, aber auch Essenslieferdienste“, sagt sie. Die allerwenigsten sind in der Gewerkschaft. Das große Problem sei, dass sie zunehmend bei undurchsichtigen Subunternehmen beschäftigt sind. „Sie halten da einiges aus an schlechten Arbeitsbedingungen, weil sie einfach auf dieses Arbeitsverhältnis angewiesen sind. Die Subunternehmer wissen das und nutzen das aus.“ Die wichtigsten Themen am 1. Mai sind für Thombansen in diesem Jahr die Begrenzung von Subunternehmerketten und ein Direkteinstellungsgebot.
Zum 1. Mai in Hamburg gehört traditionell auch die feministische Vorabenddemo „Take Back the Night“ – ein Bezug auf die Geschichte der feministichen Aneignung der Walpurgisnacht. Es ist eine Demo nur für FLINTA, die mit Musik und Sprechchören über die sonst von besoffenen Männern und Sexarbeit dominierte Reeperbahn läuft. „Es geht darum, dem patriarchalen Narrativ der soften Opferrolle zu widersprechen“; sagt Kim Delfi, 31, aus dem Orgakreis. Die Orga grenzt sich von radikalfeministischer Kritik an Prostitution ab und definiert, passend zum 1. Mai, Sexarbeit als Arbeit.
Der Historiker Knud Andresen von der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg hat die Geschichte des 1. Mai in Hamburg erforscht. Er nennt den 1. Mai eine Sonde für die Arbeiter*innenbewegung. Daran, warum Menschen am 1. Mai demonstrieren gehen, lasse sich die soziale Zusammensetzung der Arbeiter*innenschaft ablesen und wie diese sich verändert, sagt er. „Was beschäftigt die politischen Arbeiter und Arbeiterinnen über die Jahrzehnte?“ Einfache Antworten darauf gibt es nicht.
Was Christian Warnke so vor dem 1. Mai noch Sorgen mache, sei der Rechtsruck, den er im Alltag mit den Kollegen am Hafen bemerke. „Wie selbstverständlich und offen man kommuniziert, dass die AfD doch okay ist“, sagt er. „Eine der absurdesten Parteien meiner Meinung nach“. Sie lenke den Fokus der großen Masse, die merke, dass irgendwas nicht richtig läuft, auf Minderheiten. „Die schieben Verantwortung auf andere ab.“ Was dagegen helfe? Sich Fragen stellen, sagt Warnke: „Wie gehe ich mit meinen Mitmenschen um? Ist es richtig, dass ich andere Menschen ausgrenze? Oder gucke ich doch lieber, wo ich den kleinsten gemeinsamen Nenner habe und versuche ein gemeinsames Ziel zu verfolgen, so was wie ein lebenswertes Leben für alle Beschäftigten?“
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