Alkoholverbot: Umstrittenes Ende einer großen Party

Am Alexanderplatz treffen sich regelmäßig hunderte Jugendliche zum Trinken und Feiern. Der Baustadtrat will ein Alkoholverbot verhängen. Seine Kollegen im Bezirksamt überzeugt das nicht.

Schöne Beleuchtung auf dem Alex: Der Fernsehturm leuchtet wie eine große Diskokugel. Bild: AP

Der Fernsehturm blinkt mal in Rot, mal in Blau. Wie eine überdimensionierte Diskokugel hängt die Aussichtsplattform über den Köpfen der seltsamen Gesellschaft. Am Fuß des Turms drängeln sich Emos, schmale Gestalten in engen schwarzen Röhrenjeans und bunten Turnschuhen, in Gruppen zusammen. Junge Punks mit Hunden lagern auf den Parkbänken und nuckeln an ihren Bierflaschen. Schwarz geschminkte Gothics stolzieren mit ihren Umhängen durch die Menge. Ein geschäftiges Treiben im Dunkeln: Man grüßt sich, man trinkt ein bisschen zusammen und bummelt weiter.

Der Wind zieht kalt über den Platz. Trotzdem sind rund 200 Jugendliche zum sogenannten Freitagstreff zwischen Fernsehturm und Neptunbrunnen gekommen. An wärmeren Tagen schwirren doppelt so viele herum - zum Ärger der Anwohner. Überraschend hat deshalb der Baustadtrat von Mitte, Ephraim Gothe (SPD), in der vergangenen Woche ein Alkoholverbot angekündigt. "Es hat sich inzwischen eine Szene etabliert, die sehr viel trinkt. Das kann man normalen Besuchern nicht mehr zumuten", sagt er zur Begründung. Der Bezirk arbeite an einer entsprechenden Parkordnung. Bis Weihnachten soll sie fertig sein.

Einige Jugendliche finden ein Verbot nicht abwegig. "Es rennen hier zu viele Kinder rum, die sich die Birne zukippen", sagt Lisa. Im dicken Wollpulli sitzt die 18-Jährige auf dem Rand der leuchtenden Wasserkaskaden und wartet auf ihre Kumpels. Seit fünf Jahren komme sie an den Alex, erzählt sie. Plötzlich taucht ein Mädchen auf und setzt sich auf Lisas Schoß. "Hallo, wie gehts?" Schon ist sie wieder weg.

Nicht weit entfernt steht Rebecca, eine kleine Blonde in weißem Kapuzenpulli, mit ihren Freunden. Sie findet ein komplettes Alkoholverbot am Neptunbrunnen nicht in Ordnung. "Viele hier sind 18 oder älter. Da ist man doch für sich selbst verantwortlich", sagt sie. Ein schwarz gekleideter Junge mit Piercings in der Lippe und der Augenbraue schiebt sich nach vorne. Es passiere schon öfters, dass Leute ohnmächtig würden, erzählt er, die Bierflasche in der Hand. Er lacht. "Wenn ich umfalle, stehe ich wieder auf."

Inzwischen mehren sich die Zweifel, ob das Alkoholverbot kommt. Innerhalb des Bezirksamts hat Gothe seinen Vorstoß nicht abgesprochen. Selbst Joachim Zeller (CDU), Stadtrat für das Ordnungsamt und zuständig für die Kontrolle eines möglichen Verbots, ist überrascht. "Da gibt es einigen Klärungsbedarf", sagt er zur taz. Er sehe im Moment nicht, wie ein solches Verbot umgesetzt werden sollte. Auf der Bezirksamtssitzung am Dienstag wolle er das Thema ansprechen. "Das ist nur eine fixe Idee von Herrn Gothe", glaubt auch Frank Bertermann (Grüne), Chef des Stadtentwicklungsausschusses.

Irgendwo zerplatzt eine Bierflasche auf dem Pflaster. Eine Gruppe von Touristen aus Großbritannien spaziert vorbei. "Nein, wir fühlen uns nicht eingeschüchtert. Im Gegenteil", sagt eine von ihnen.

"Treffpunk des Elends" hat eine Boulevardzeitung den Alex bezeichnet. Bei Licht betrachtet sind viele der Jungen und Mädchen ganz normale Jugendliche. Lisa macht eine Ausbildung in einer Parfumabteilung. Rebecca arbeitet bei einem Bäcker. Der mit den Piercings sagt, er lerne Koch in einem Hotel.

"Man sollte den Jugendlichen Räumlichkeiten anbieten, in denen sie sich aufhalten können", schlägt Gabriela Schützler vor. Sie ist Geschäftsführerin des Vereins Karuna, der sich um Straßenkinder am Alex kümmert. Mit einem Verbot komme man nicht weit, glaubt sie. "Dann gehen die Jugendlichen zum Trinken eben ein paar Meter weiter."

Es bleibt an diesem Freitag ruhig. Polizisten, die Personalien und Rucksäcke kontrollieren, sprechen insgesamt 17 Platzverweise aus. Auch Lisa mit dem Wollpulli findet schließlich ihre Kumpels. Sie sagt, sie wollten noch weiter zum Treptower Park, "unter Leuten sein und quatschen, ohne Polizei".

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