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Ali ÇelikkanFrikik Fahrschüler mit Schaltgetriebe

Hält den türkischen Fußball für unterschätzt: Galatasaray-Profi Leroy Sané (l.) im Duell mit Matteo Ruggeri von Atlético Madrid Foto: Umit Bektas/reuters

Vor der Champions-League-Niederlage gegen seinen ehemaligen Klub Manchester City in der vergangenen Woche sagte Galatasaray-Spieler Leroy Sané in einem BBC-Interview über den türkischen Fußball: „Die Süper Lig wird im restlichen Europa unterschätzt.“ Es tut gut, einen solchen Satz einmal zu hören – und das nicht von José Mourinho, einem chronisch schlechten Verlierer. Der hatte als Trainer von Fenerbahçe eine gänzlich andere Meinung: „Wer will diese türkische Liga im Ausland sehen? Warum sollte man sich das antun? Sie ist grau, sie ist dunkel, sie stinkt.“

Ich will mir die türkische Liga ansehen. Ja, die Qualität unterscheidet sich von den europäischen Topligen – sowohl taktisch als auch physisch. In einer Hinsicht ähnelt sie der Bundesliga, in der echte Konkurrenz ebenfalls rar ist. Die tatsächliche Leistungsfähigkeit der Vereine wird auf europäischer Ebene gemessen. Dennoch gelten türkische Mannschaften in Europa nicht als ernsthafte Konkurrenz. Das Interesse beschränkt sich meist auf Dezibelmessungen in ihren Stadien – die Lautstärke ist das Narrativ, nicht der Fußball.

Die Galatasaray-Fans sind unzufrieden, obwohl ihr Verein nahezu permanent gewinnt. Ein Zustand, der den Hass der Fenerbahçe-Anhänger nur noch verstärkt. Denn wenn es etwas Schlimmeres als einen schlechten Verlierer gibt, dann ist es ein schlechter Gewinner. Hört man den Galatasaray-Fans zu, fordern sie die Entlassung ihres Trainers, der ihnen seit seinem Amtsantritt drei Meisterschaften in Folge beschert hat. Ein verlorenes Spiel genügt – und der Weltuntergang wird ausgerufen. Ähnliches gilt für Fenerbahçe. In der Saison 2023/24 holte der Verein rekordverdächtige 99 Punkte – und wurde dennoch nur Zweiter. Dann ist da noch Beşiktaş, der inzwischen weitgehend verlernt hat, wie man gewinnt, außer gegen die anderen beiden.

Die Süper Lig ist ein Sammelbecken großer Namen jenseits ihres Zenits sowie ehemaliger Wunderkinder, die ihr Versprechen nie eingelöst haben. Sie kommen wegen niedrigerer Steuersätze, verlieben sich in die türkische Küche – und bleiben sportlich einiges schuldig. Transferperioden gleichen einem Zirkus. Am Ende verpflichten die Klubs nicht selten einen überteuerten Ex-Spieler eines europäischen Spitzenvereins, zuweilen gehandicapt von einer chronischen Verletzung – empfohlen von gut vernetzten Managementfirmen.

Kein deutscher Sender erwirbt die Übertragungsrechte der Süper Lig, obwohl Millionen Menschen sie verfolgen. Das ist sogar gut so: Es macht die Streams, die in Spätis quer durch Deutschland laufen, ein wenig weniger illegal. Wirft man im Späti für einen Moment einen Blick auf den Bildschirm, während man nach dem Flaschenöffner sucht, sieht man den fußballerischen Zustand der Liga in Reinform: das Äquivalent eines Fahrschülers mit Schaltgetriebe.

Laut Opta Sports beträgt die effektive Spielzeit nur rund 52 Minuten pro Partie – der niedrigste Wert unter den europäischen Topligen. In der Bundesliga sind es über 57 Minuten. Wo der Ball nicht fließt, entsteht kein Vergnügen. Wäre der selbsternannte „Fußballbettler“ Eduardo Galeano noch am Leben und käme mit seinem Hut in die Türkei, um guten Fußball zu sehen, bliebe sein Wunsch unerfüllt.

Zeitspiel ist systemisch bedingt. Die Schiedsrichter pfeifen übermäßig oft, eher aus Panik als aus Kontrolle. Druck gibt es reichlich in Form von Beleidigungen, Drohungen und körperlichen Angriffen. Ein Klima der Angst begünstigt schlechte Entscheidungen. Dass einige Unparteiische in Wettskandale verwickelt sein sollen, trägt nicht gerade zur Vertrauensbildung bei.

Dieses Misstrauen spiegelt sich in allen Bereichen der türkischen Gesellschaft wider. Die Süper Lig ist ein Reflexionsraum für das, was in der Gesellschaft geschieht: Spielsucht, Drogenkonsum, Geldwäsche, Missmanagement und Korruption. Aber auch für Liebe und Durchhaltevermögen – und für die Hoffnung, dass sich etwas ändern wird.

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