piwik no script img

Äußerst flatterhafte Kunst

Tauben, Papageien und Ornithologen zwitschern und krächzen bei der Gruppenausstellung „Vom Himmel gefallen“. Zu sehen ist die in Lübecks Kulturkirche und der Overbeckgesellschaft

Zweideutig ist der Umgang mit den Tauben: Yalda Afsahs Videoarbeit wirkt wie ein Altar Foto: Eric Bell/Overbeck Gesellschaft

Von Theresa Weise

Mit dem Kopf im Nacken blickt eine Gruppe Männer gebannt gen Himmel. Die Kamera tastet ihre Gesichter vorsichtig ab, bevor sich der Bildausschnitt weitet: Der Screen zeigt Himmelblau, eine einzelne Taube gleitet darüber hinweg, dann ein ganzer Schwarm. Plötzlich ein Bruch. Die Vögel stürzen in rasanten Salti zu Boden, beenden abrupt ihre Choreografie der Lüfte und nehmen ihren normalen Flugweg wieder auf.

Die Videoarbeit der Künstlerin Yalda Afsah steht wie ein Altar inmitten einer Kirche. Sie ist Teil der Gruppenausstellung „Vom Himmel gefallen“. Gezeigt wird die in der Kulturkirche St. Petri und der Overbeckgesellschaft in Lübeck. Mit sinnlicher Bildsprache untersucht Afsah die Beziehung zwischen Mensch und Tier. Dabei entzweit sie gelegentlich die Bild- und Tonebene voneinander und erzeugt damit ein poetisches Filmformat, das sich zwischen Dokumentation und Fiktion bewegt.

Im Mittelpunkt der Erzählung stehen Taubenzüchter aus dem Süden von Los Angeles und sogenannte „Roller Pigeons“ – Tauben. Im Interview erzählen Männer von deren Zucht und wie die Tauben zu atemberaubenden Flugfiguren dressiert werden. Dabei halten sie die Vögel fest in ihren Händen, inspizieren sie mit Fürsorge und Kontrolle. Ihre Beziehung und wechselseitige Abhängigkeit ist ambivalent. Auf der einen Seite verfügen die Züchter über die Vögel. Auf der anderen Seite bestimmen die Vögel auch das Leben der Züchter, weil ihre Pflege intensive Arbeit bedeutet. Es ist ein liebevoller, zärtlicher Umgang, der um Fragen der Herrschaft des Menschen über die Natur kreist.

Ausstellung „Vom Himmel gefallen“, Overbeck-Gesellschaft und St. Petri zu Lübeck, bis 31. 8.

Finissage Workshop Federleicht, mit Zoe Schedler im Overbeck-Pavillon, 15–17 Uhr, Performance mit Annika Kahrs, St. Petri, 18.30 Uhr am 31. 8.

Über einem Seiteneingang der Kirche thronen neun weiße Schneeeulen auf einer Metallstange. In unregelmäßigen Abständen bewegen sie Kopf oder Flügel, geben Geräusche von sich und blicken über den Raum wie stille Wächter*innen. Bei den Eulen handelt es sich nicht um lebendige Tiere, sondern um ausrangierte Spielzeuge vom Modell „Hedwig“ aus der „Harry Potter“-Reihe. Der Vogel wird in der Installation von Gerrit Frohne-Brinkmann als Symbol für Konsum aufgegriffen und thematisiert. Frohne-Brinkmann setzt sich oft mit feinem Humor kritisch mit Unterhaltungskultur und kommerzialisierten Erfahrungsräumen auseinander. Durch Objekte wie Spielzeuge oder Fossilien hinterfragt er das Verhältnis von Geschichte, Zeit und Gegenwart.

In der Overbeck-Gesellschaft, einem Bauhaus-Gebäude, vereint die Rauminstallation von Richard Frater mit Klang, Licht und Stoff den Innen- und Außenraum. Sie verwebt dabei analoges mit digitalem Zwitschern. Im ersten Raum der Ausstellung sind über Lautsprecher die Laute eines Ornithologen zu hören, der den Ruf des Kākā imitiert. Diese Nachahmung dient als Lockruf und veranschaulicht, wie der Mensch direkten Einfluss auf das Verhalten des Vogels nehmen kann. So wird exemplarisch die besondere Beziehung zwischen Vogel und Mensch vorgestellt. Der Kākā, ein neuseeländischer Papagei, war einst stark bedroht, konnte sich durch Schutzmaßnahmen jedoch erholen und kehrt heute zunehmend auch in städtische Lebensräume zurück. Im zweiten Raum ist die Aufnahme einer Kākā-Fütterung in Aro Valley, einem Vorort von Wellington, zu hören.

Zwischen Mensch und Vogel entsteht ein Geflecht aus Nähe, Kontrolle und Prägung

Für die Ausstellung in Lübeck hat Frater grüne Folien auf die Fenster zweier Räume anbringen lassen, sodass ein sanft grünes Licht die Räumlichkeiten durchflutet, während durch die Fenster im Mitteltrakt natürliches Licht einstrahlt: Sie dienen zudem als eine akustische Öffnung zur Vogelwelt. Die Architektur selbst wurde mit zartem, seidenartigem Stoff nachgebildet. Dadurch entstehen lange Gänge, die sich durch das Gebäude ziehen. Fraters Klanglandschaft und Raumverschiebung lässt ahnen, wie zerbrechlich die Mensch-Tier-Beziehungen sein mögen.

Sooo konsumierbar! Gerrit Frohne-Brinkmanns vervielfältigte Hedwig Foto: Eric Bell/Overbeck-Gesellschaft

Die Ausstellung erzählt von Beziehungen, die weder klar hierarchisch noch rein fürsorglich sind. Zwischen Mensch und Vogel entsteht ein komplexes Geflecht aus Nähe, Kontrolle und gegenseitiger Prägung. Die Tiere sind weder bloße Objekte der Dressur noch bloße Opfer. Sie bleiben eigenständig, unberechenbar, manchmal sogar tröstend.

Gerade in der ehemaligen Kirche St. Petri wirken die Werke doppelt: Der sakrale Raum, einst dem Blick nach oben gewidmet, wird hier zu einem Ort der Umkehr. Der Himmel zeigt sich nicht als jenseitige Verheißung, sondern als Projektionsfläche für menschliche Wünsche, Ängste und Machtansprüche.

taz lesen kann jede:r

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Texte, die es nicht allen recht machen und Stimmen, die man woanders nicht hört – immer aus Überzeugung und hier auf taz.de ohne Paywall. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass guter, kritischer Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen