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Ästhetik für Egalitarismus

Eine erste überfällige Retrospektive der französischen Möbeldesignerin und Architektin Charlotte Perriand ist im Salzburger Museum der Moderne zu sehen

Von Jana Janika Bach

It’s a Man’s World – drauf gepfiffen! Obwohl im Niedergang begriffen bedurfte es gewiss eines dicken Fells, um nicht an den Ungerechtigkeiten des Patriarchats zu zerbrechen. Charlotte Perriand aber schien dagegen regelrecht imprägniert gewesen zu sein. Sie ist blutjung, hat allerdings schon ein Studium in der Tasche, als sie begeistert von Le Corbusier in dessen Atelier für einen Job vorspricht. Der serviert sie grob ab, „wir besticken hier keine Kissen“, so wird’s kolportiert, doch lässt Perriand die Worte an sich abtropfen.

Wer hätte ihr überdies den Wind aus den Segeln nehmen sollen? Mit entwaffnender Offenheit blickt Perriand einem auf Fotos jener Jahre entgegen. Längst hat die junge Französin, übersprudelnd vor Ideen, dem Art decó den Rücken gekehrt, um sich neuen Herstellungsprozessen zu stellen. In ihrer kleinen Wohnung an der Place Saint-Sulpice, die sie frisch vermählt mit dem englischen Textilimporteur Percy Kilner Scholefield bezieht, kleidet sie ganze Räume mit Spiegeln aus, um sie zu vergrößern. Auch baut sie für diesen ersten Showroom erste Möbelstücke.

Wenig später sorgt „Bar sous le toit“ (Bar unterm Dach), eine originalgetreue Kopie ihrer Hausbar, auf der Pariser Herbstausstellung 1927 für Furore. Das Ensemble aus Barhockern, Tisch und Tresen, verblendet mit Aluminium, und die Sitzmöbel gefertigt aus Stahlrohren und Glas wäre noch heute in jedem Hipster-Loft eine Sensation. Auch Le Corbusier ist beeindruckt. Nun engagiert er die gebürtige Pariserin doch und macht sie mit nur 24 Jahren zur Leiterin seines Inneneinrichtungs-Departments. Ende der 1920er gehörte Perriand bereits zum Innerzirkel des Architekturmaestros. Gemeinsam mit ihm und dessen Cousin Pierre Jeanneret entwickelt sie Möbelklassiker, darunter die ikonische Liege. Obschon das Patent alle drei Namen aufführt, hat Le Corbusier keine Skrupel, in der Nachkriegszeit Perriands und Jeannerets Anteile daran zu verschweigen.

Hätte sie sich wehren sollen? Perriand hielt sich jedenfalls damit nicht auf. Die Lehrjahre bei Le Corbusier waren für sie nur eine Station unter vielen. In ihrer Produktivität ließ sie sich nicht beschränken, und anders als Weggefährten kompromittierte sie sich nie. 1939 protestierte sie mit ihrem Austritt aus der Kommunistischen Partei gegen den Hitler-Stalin-Pakt, ein Jahr später, als die deutsche Armee in Frankreich einmarschierte, segelte sie nach Tokio.

Ob sie nun mit Künstlern wie Isamu Noguchi Liegen aus Bambus kreierte oder offene Küchen entwarf, um die Hausfrau wortwörtlich aus ihrer Isolation zu befreien – stets hatte sie Substanzielleres im Sinn. Nämlich eine holistische Ästhetik, die eine egalitäre Gesellschaft ermöglichen sollte. Davon kann sich (bis 13. September) im Museum der Moderne überzeugt werden. Nachdem die erste, überfällige Retrospektive jüngst in Krefeld gastierte, wandern die über fünfhundert Objekte der Pionierin des Alltagsdesigns jetzt nach Salzburg.

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