Abwertung des Giro d’Italia: Der Giro als Anhängsel

Wegen Corona muss die Italienrundfahrt der Radprofis nach der Tour de France starten. Dem Frauen-Giro wurde sogar der WorldTour-Status entzogen.

REnnradprofis auf der Strasse, im Hintergrund das Kolosseum

Das Hauptfeld zieht am Kolosseum vorbei: ein Bild vom Giro'DItalia 2018 in Rom Foto: Alessandro Garofalo/reuters

Derzeit findet im Radsport ­Rennen über Rennen statt. Manchmal sind es drei am Tag. Für den Giro d’Italia bedeutet der dank der Pandemie so eng gestrickte Zeitplan eine Abwertung. Zwei Wochen nach der Tour de France trauen sich nämlich nur wenige Klassementfahrer einen Start bei der nächsten großen Rundfahrt zu. Und die meisten Klassikerspezialisten bleiben der Italienrundfahrt fern, weil parallel zum Giro ihre heißgeliebten Rennen ausgetragen werden.

Das mutet wie ein Luxusproblem an, hat auf die Rennen aber große Auswirkungen. Am Samstag, 3.Oktober, startet der 103. Giro d’Italia im sizilianischen Monreale; tags drauf aber hetzt ein Radsportpeloton über die Côtes genannten Hügel rings um Lüttich, denn dort findet das älteste der Klassikermonumente statt, Lüttich–Bastogne–Lüttich.

Während das eine Peloton in den kommenden Wochen den italienischen Stiefel immer weiter gen Norden hochklettern wird, treffen sich die Fahrer des anderen Pelotons unter anderem bei der Flandernrundfahrt und dem Sprinterhalbklassiker Gent–Wevelgem. An dem Tag, an der Giro seine Schlussetappe feiert, werden sogar drei Pelotons zeitgleich bei WorldTour-Rennen unterwegs sein: das Rundfahrerpeloton beim Zeitfahren in Mailand, die Klassikercrew auf dem Kopfsteinpflaster von Paris–Roubaix, und das dritte Peloton wird da schon ein paar Tage lang auf Spaniens Straßen bei der Vuelta unterwegs sein.

Für die Rennställe ist das eine logistische Herausforderung. Die drei parallelen Teams müssen ja nicht nur zu den entsprechenden Rennen, sondern auch in die entsprechenden Hygieneblasen disponiert werden. Das sei lösbar, versichert Ralph Denk, Rennstallchef von Bora hansgrohe. Und auch das Blasenmanagement sah er gelassen: „Wir bekommen da immer mehr Routine.“ Einen negativen Effekt für die Sponsoren könnte es freilich haben, dass sich die Events auf dem Fernseh- und Werbemarkt gegenseitig kannibalisieren.

Topfahrer fehlen

Der Giro-Ausrichter RCS hatte den neuen Rennkalender eher mit Zähneknirschen entgegengenommen. „Das ist ja alles nicht in Stein gemeißelt. Vielleicht ergeben sich noch Verschiebungen durch die WM, und auch der eine oder andere Klassiker kann verschoben werden“, hatte Renndirektor Mauro Vegni noch im Frühsommer gehofft. Der Schweizer WM-Ausrichter hatte tatsächlich abgesagt. Frei wurde die Woche gleich nach der Tour de France dennoch nicht. Ausgerechnet das italienische Imola sprang als Ersatz-Ausrichter für die WM ein.

Beim engen Rennkalender kannibalisieren sich die Radsport-Events gegenseitig

Vegni muss sich nun damit abfinden, dass fast die komplette Klassikerelite beim traditionsreichen Giro fehlt. Lediglich der Slowake Peter Sagan wird antreten. „Peter ist dreifacher Weltmeister, und als solcher will er auch dem Giro seinen Respekt erweisen“, sagt Teamchef Ralph Denk. „Schon vor dem Lockdown hatten wir entschieden, dass er den Giro fährt.“

Dass andere Rennställe ihre Topstars wegen der Termin­überschneidungen eher nicht an den Start bringen, bedauert Denk – und äußert leise Kritik an der Kalendergestaltung. „Es ist schon ein bisschen schade. Und ich finde es dem Giro gegenüber auch respektlos, dass man alle Klassiker in diese Periode reinpackt“, sagt er. Er sieht aber auch, dass die ganze Situation nicht einfach ist. „Man muss hier überhaupt einmal die UCI loben, die es geschafft hat, dass so viele Rennen tatsächlich noch stattfinden können.“

Ein paar ernsthafte Konkurrenten für das Punktetrikot hat Peter Sagan dann doch noch. Der bergfeste Sprinter Fer­nando Gaviria ist dabei, und Bahnolymopiasieger Elia Viviani sucht nach verkorkster Tour de France eine Revanche. Er ist einer der ganz wenigen Doppelstarter. Die nur zwei Wochen Pause zwischen Tour-Ende und Giro-Start haben Stars wie Pogačar, Roglič, Porte und Uran abgeschreckt. Kein Tourkapitän tritt beim rosa Rennen in dieser Rolle an, keiner möchte sich die spektakulären Blicke auf den Vulkan Ätna am Montag gönnen.

Lediglich der Kolumbianer Miguel Ángel López ist nach Gesamtrang 6 in Paris für Astana nun auch in Palermo dabei – allerdings in einer Helferrolle für den Dänen Jakob Fuglsang. Der könnte mangels exquisiter Besetzung sein erstes GrandTour-Podium erreichen.

Die Abwertung des Giro überschneidet sich gerade auch mit der ganz offiziellen Degradierung des Giro rosa, des wichtigsten Etappenrennens im Frauenradsport. Dem wurde von der UCI wegen Organisationsmängeln und zu wenig TV-Berichterstattung für 2021 der WorldTour-Status entzogen.

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