Abwärmenutzung aus Rechenzentren: Wohlig warme Datenwärme
Nebeneffekte der Digitalisierung: In Spandau sollen in Zukunft mit Abwärme aus einem großen Rechenzentrum Wohnungen und Gewerberäume geheizt werden.
Der Pressetross, der am Mittwochmorgen zu einer Tour auf das Gelände gelassen wird, bekommt davon allerdings rein gar nichts zu sehen. „Wir haben hochsensible Kunden, staatliche und private, die nicht genannt werden wollen“, erklärt ein Sprecher. Bei dem Rechenzentrum – genau genommen sind es zwei an einem Standort – handele es sich um „kritische Infrastruktur“. Entsprechend akribisch ist die Anmeldeprozedur mit biometrischem Foto-Abgleich des Personalausweises, bevor man das Gelände betreten darf. Bilder dürfen nur in wenigen, ausgewählten Bereichen gemacht werden.
Der Anlass für die Besichtigung ist der Startschuss für ein bislang einzigartiges Projekt von NTT Data zusammen mit einer Joint Venture aus Gasag und dem Energiedienstleister Engie. Geadelt wird das Ereignis durch die Anwesenheit des Regierenden Bürgermeisters Kai Wegner (CDU). Und das ist der Plan: Ein Teil der Abwärme, die im Rechenzentrum entsteht, wird künftig über eine 2 Kilometer lange Wasserleitung in das derzeit entstehende Entwicklungsgebiet „Neues Gartenfeld“ geleitet. Dort soll sie zur Wärmeversorgung von 4.500 Wohnungen, 200 Gewerbeeinheiten sowie Kitas und Schulen beitragen.
Auch Gartenfeld, einst Endpunkt der immer noch brachliegenden Siemensbahn, ist ein postindustrieller Standort: Siemens betrieb hier früher ein Kabelwerk. Wegen seiner Lage zwischen zwei Kanälen wird bisweilen auch – leicht übertrieben – von der „Insel Gartenfeld“ gesprochen. Im Jahr 2031 soll das Neubaugebiet fertig sein.
Viel mehr als eine Menge in schwarzes Isoliermaterial gehüllter Rohre und Druckanzeiger im hinteren Teil der Halle bekommen die BesucherInnen nicht zur Gesicht. Hier soll das Wunder seinen Anfang nehmen, das „mit Abstand größte Projekt zur Nutzung von Abwärme aus einem Bestandsrechenzentrum in Deutschland“, wie der NTT-Data-Sprecher erklärt.
So absurd es klingen mag: Die Verarbeitung der rasant wachsenden Datenmengen, von denen unser Alltag mittlerweile abhängt, ist eine sekundäre Energiequelle. IT-Server erzeugen im Betrieb Wärme – ein Effekt, den jeder, der ein Handy in der Hosentasche mit sich herumträgt, im Miniaturformat aus eigener Erfahrung kennt. Bislang wird der allergrößte Teil dieser Energie einfach in die Umwelt abgegeben, meist als buchstäblich heiße Luft.
Nur ein Bruchteil schon genutzt
Für Rechenzentren, die ab Mitte 2026 in Betrieb gehen, schreibt das Energieeffizienzgesetz vor, dass 10 Prozent ihrer Abwärme weiter genutzt werden müssen, dieser Anteil soll kontinuierlich steigen. Für bereits bestehende Zentren wie das von NTT Data gilt das nicht. Es nutzt zwar schon jetzt die eigene Abwärme zur Beheizung seiner Gebäude, allerdings wird dafür nur ein Bruchteil des vorhandenen Potenzials genutzt.
Das nun angestoßene Projekt sieht den Bau eines Wärmetauschers im Rechenzentrum vor, aus dem kontinuierlich 20 bis 30 Grad heißes Wasser in Richtung Gartenfeld gepumpt wird. 8 Megawatt an Wärmeenergie sollen dort in einer Energiezentrale ankommen, die das Wasser mit Wärmepumpen – also unter Einsatz zusätzlicher elektrischer Energie – auf eine Temperatur von 65 Grad bringt. Dann wird es in ein separates Nahwärmenetz eingespeist, das die Gebäude des Neubaugebiets versorgt.
Über ihre Kosten und Gewinnerwartungen schweigen sich die Unternehmen am Mittwoch erwartungsgemäß aus – es ist aber davon auszugehen, dass sich das Geschäft für alle Beteiligten lohnt. Auch das Klima profitiert, denn sogenannte unvermeidbare Abwärme, die bei industriellen Fertigungs- und Dienstleistungsprozessen entsteht, gilt als CO2-neutral. Laut Engie-Geschäftsführer Niklas Wiegand soll das Gartenfeld-Projekt jährlich 6.000 Tonnen Kohlendioxid einsparen.
Die boomenden KI-Anwendungen werden künftig noch gigantische Mengen an Elektrizität benötigen, überall sind neue Rechenzentren in der Planung. Wirklich klimafreundlich wird aber auch das Heizen mit der digitalen Abwärme erst, wenn der eingesetzte Strom komplett aus erneuerbaren Quellen stammt – bis dahin handelt es sich immerhin um einen Effizienzgewinn.
Aber was passiert, wenn die Servertechnologie einmal deutlich energiesparender werden sollte? Und was hieße es für die künftigen Gartenfeld-BewohnerInnen, wenn – warum auch immer – der Rechenzentrumsbetreiber den Standort aufgeben oder verkleinern würde? Dann fiele ein großer Teil des Energieinputs auf einmal weg. Steht NTT-Data hier in einer Lieferpflicht?
Neue Abhängigkeiten?
Immerhin spricht Kai Wegner bei seinem Besuch des Rechenzentrums davon, dass Berlin unabhängig von Energieimporten werden müsse. Aber wird das Entwicklungsgebiet Gartenfeld durch den Abwärmedeal nicht vom Schicksal eines privaten Konzerns abhängig, dessen geschäftlicher Zweck eigentlich gar nicht in der Bereitstellung von Wärme besteht?
Auch hier bleiben die Beteiligten etwas wortkarg und verlängern den Status quo hoffnungsvoll in die Zukunft: „Wir sind schon seit fast 20 Jahren an diesem Standort und haben auch vor zu bleiben“, sagt Konstantin Hartmann, Managing Director im NTT-Data-Konzern. Im Übrigen habe der Rechenzentrenbetreiber selbst ein großes Interesses an der Abnahme seiner Abwärme.
Und für den schlimmsten Fall, dass der Wärmeinput – vielleicht auch nur durch ein Havarie – einmal ausbliebe, werde man ohnehin für ein Backup sorgen, sagt Matthias Trunk vom Vorstand der Gasag: Die Gartenfelder Energiezentrale erhalte neben den Wärmepumpen und einer „Power-to-Heat“-Anlage zur Abfederung von Spitzenlasten im Winter auch einen eigenen Heizkessel mit Erdgasbetrieb. „Ich gehe nicht davon aus, dass wir den einsetzen müssen“, glaubt Trunk.
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