75 Jahre Beginn des Zweiten Weltkriegs: Piroggen bei Fred und Alicja

Hauskauf, Eheanbahnung oder einfach Durst: Polen und Deutsche schätzen die Gaststätte Gospoda im hintersten Winkel von Mecklenburg-Vorpommern.

Alicja von Spiczak Brezinski sorgt dafür, dass ihr Mann Fred ein gutes Bild abgibt. Bild: Thomas Gerlach

BLANKENSEE taz | Guten Tag! Welches ist das beste Essen, das Sie haben?“ Die füllige Dame, die mit ihrer Reisegesellschaft eben noch auf Polnisch parliert hat, fragt den Wirt in akzentfreiem Deutsch. – „Piroggen“, antwortet Fred von Spiczak Brezinski. – „Piroggen?“ Allgemeine Heiterkeit über diese eher bescheidene Offerte. „Was für Piroggen?“, bohrt die Dame. – „Mit Fleischfüllung und russische.“ – „Russische? Mit Kartoffeln? Nein! Bitte polnische mit Fleisch.“

Die zwei Damen und die beiden Herren sind mitsamt Hündchen von Polen herübergekommen, der Jaguar parkt vor der Tür. Eine halbe Stunde später werden sie abziehen, ohne zu zahlen. Dass ein Besuch in der Gastwirtschaft Gospoda in Blankensee in einem Fiasko endet, ist äußerst selten, doch es kommt vor. Auch bei polnischen Gästen.

Noch am Abend wird Fred von Spiczak Brezinski daran zu kauen haben. Wie sich dieses Quartett aufgeführt hat, und das nur, weil er statt polnischer Piroggen versehentlich russische serviert hat. Aber wer kann schon von außen erkennen, ob die Teigtaschen nun Fleisch oder Kartoffeln umhüllen? „Was wir nicht bestellt haben, bezahlen wir auch nicht“, flötet die Dame, steht auf und lässt sich, von einem Herrn gestützt, wie eine Gräfin, zur Limousine führen. Vielleicht wäre das seiner polnischen Frau Alicja nicht passiert? Doch sie musste heute früh mit ihrer Mutter die 15 Kilometer nach Stettin eilen, um die 87-Jährige ins Krankenhaus einzuliefern. „Ach …“ Der Wirt winkt ab, überkandidelte Leute – so was gibt’s in Polen genauso wie in Deutschland.

Dabei werden die Piroggen seiner Frau gerühmt, ob mit polnischer, russischer oder mit Blaubeerfüllung.

Hoffnungsfrohes Zeichen

Immerhin, man streitet sich nur noch um Speisen und nicht mehr, wie im Sommer 1939, um Oberschlesien, um den „Korridor“ oder um Danzig. Dass sich das Verhältnis zwischen Polen und Deutschen nach Krieg, Vernichtung und Vertreibung gewandelt hat, dafür ist auch die Gospoda ein hoffnungsfrohes Zeichen, trotz gelegentlicher Rückschläge. Eine Gaststätte im hintersten Winkel von Mecklenburg-Vorpommern, geführt von einem deutsch-polnischen Paar mit dem adligen Namen von Spiczak Brezinski.

Den hat der deutsche Gatte in die Ehe eingebracht. „Alter deutscher Adel aus Westpreußen!“ Fred von Spiczak Brezinski, der 1946 in Neumünster geboren wurde und etwas Hanseatisches an sich hat, hebt bedeutungsvoll die Hand. Möglicherweise ist das Geschlecht auch kaschubischer Abkunft. Doch wer kann hier schon zweifelsfrei sagen, welches Blut in seinen Adern fließt, wenn selbst der Chef der fünfköpfigen NPD-Fraktion im Kreistag Andrejewski heißt?

Alfons Heimer dürfte, was seinen Namen angeht, keinen Klärungsbedarf haben. Heimer, Jahrgang 1948, aufgewachsen im Hunsrück, pensionierter Zivilbeamter der Bundeswehr und jetzt Herr über das alte Pfarrgrundstück, war bis Juni Bürgermeister von Blankensee. Heimer kann sich hier als einer der wenigen Deutschen mit seinem Nachbarn Fryderyk am Hoftor auf Polnisch unterhalten. Fryderyk ist seiner Tochter Dorota aus Stettin hinterhergezogen und bewohnt mit der Familie die alte Schule.

„Dobrze!“ lebt es sich hier, sagt Fryderyk und stellt den Daumen hoch. Es komme eben immer auf die Nachbarn an, lässt er Heimer übersetzen. Er ist in Masuren geboren, hat aber seit 1946 in Stettin gelebt. Seine Tochter, die einen Deutschen geheiratet hatte, wohne schon 20 Jahre hier, erzählt er lächelnd und schließt das Tor.

Deutsches Fremdeln

Spiczak Brezinski hat Heimer das erste Bier vor der Gospoda auf einen Holztisch gestellt. Heimer, ein Mann mit silbrigen Stoppeln und rheinhessischem Zungenschlag, erzählt, wie er sich als Beamter Stück für Stück Richtung Osten versetzen ließ. Seine letzte Dienststelle wurde 2005 das deutsch-dänisch-polnische Korps in Stettin. Heimer bezog ein Reihenhaus in der Vorstadt und lebte vier Jahre als Deutscher unter Polen. Und jetzt predigt der Pfarrhausbewohner von den großartigen Möglichkeiten einer zweisprachigen Region und vom Potenzial der „Boomtown“ Stettin.

„Ich bin der Bürgermeister vom vorletzten Kaff. Wir haben eine Oper, zeitgenössisches Theater, Ausstellungen, Musik und moderne Kunst!“ So habe er sich bei Amtskollegen gelegentlich vorgestellt, feixt Heimer. Mancher dachte dann wohl, das Leben in der Einöde habe den Pensionär meschugge gemacht, dabei sprach er nur von den kulturellen Vorzügen Stettins. Das Fremdeln auf deutscher Seite resultiere aus einer Unsicherheit, glaubt Heimer. Landbevölkerung, abgeschottet, überaltert und ausgedünnt, trifft auf gebildete, aufstrebende Großstädter. „Doch über kurz oder lang wird Stettin das Zentrum, und wer zweisprachig ist, hat Vorteile“, fasst Heimer seine Überzeugung zusammen.

Das Bürgermeisteramt hat er im Juni abgegeben. Jetzt werkelt Heimer tagsüber an seinem Haus, kloppt mit den Männern aus Blankensee abends in der Gospoda Skat und zieht am Wochenende mit Fryderyk zu den Heimspielen von Pogon Szczecin. Was er braucht, kauft er in Stettin, und wenn ihn Zahnweh plagt, fährt er nach drüben. Heimers straffes, freundliches Gesicht wirkt sehr zufrieden.

Nicht jeder ist mit der Stadt und dem dortigen Gesundheitswesen so glücklich wie Alfons Heimer. „Das ist schwarzes Land! Das ist Bangladesch!“ Alicja von Spiczak Brezinski ist am nächsten Morgen mitsamt kranker Mutter aus Stettin zurück, und was sie erlebt hat, lässt sie immer noch beben. Was für ein Land! Der dringend benötigte Sauerstoff könnte sechs Wochen auf sich warten lassen, stattdessen drückten die polnischen Ärzte der betagten Frau einen Karton mit allerlei Tabletten in die Hand. Dieser Cocktail könnte die Dame vergiften, mutmaßt Ehemann Fred nach einem Blick.

Schlichte Speisen

Eigentlich ist Wirtin Alicja eine Frau, die stets das Gute erkennt, zumindest in Blankensee. Doch mit ihrer Heimatstadt Stettin geht sie hart ins Gericht. Nach den Elogen von Alfons Heimer scheint es eine andere Stadt zu sein. Mit einer Zigarette beruhigt sich die Wirtin. „Gospoda“ heiße Gaststätte, ganz einfach, sagt sie. „Und wir sind einfache Leute, machen schlichte Speisen, Piroggen, Mehlsuppe, wie bei Tante und Onkel.“

25 polnische Familien leben inzwischen in Blankensee, berichtet sie, und es werden immer mehr, auch mit ihrer Hilfe. Nebenbei hilft sie Polen beim Hauskauf und Deutschen bei der Eheanbahnung. Ein Einheimischer wünscht sich eine polnische Frau und hat sie um Hilfe gebeten, erzählt sie lachend. Immerhin die beste Art der Völkerverständigung.

Doch ganz gleich ob Deutsche oder Polen – von den Einheimischen kann die Gospoda nicht leben. Es sind die Urlauber, die den Oder-Neiße-Radweg erkunden, der am Haus vorbeiführt. „Wollen Sie etwas trinken? Wir haben polnischen Wodka!“ Die Radler, die gerade angekommen sind, reißen abwehrend die Hände hoch. Es ist schließlich Mittag. Es war auch nur ein Scherz der Wirtin. Bald kommt sie mit Limonade zurück.

Sie ist in Stettin geboren, erzählt Alicja in einer Pause. Ihre Mutter aber, die sich gerade von den Strapazen draußen in der Sonne erholt, stammt aus Vilnius und wurde mit der Familie 1945 vertrieben. Im Juni sind sie im Güterwaggon in Stettin angekommen. Um Wasser zu holen, wurde ihre Mutter, ein Mädchen noch, zur Oder geschickt.

Tote deutsche Soldaten in voller Montur, doch ohne Stiefel trieben vorbei. Die Arme bewegten sie rhythmisch mit den Wellen. Und als ob das nicht reichte, sah sie auf dem Bahnhof reglos Flüchtlinge hocken, von denen sie nicht wusste, ob sie noch lebten oder schon verwesten. Fliegen über Fliegen schwirrten umher. Dazu tanzten Bettfedern in der Luft wie Schnee. Vermutlich haben russische Soldaten Kissen aufgeschlitzt, als sie in der Stadt nach Beute suchten. Es muss eine Apokalypse gewesen sein. So begann hier die deutsch-polnische Nachbarschaft. Durchaus bemerkenswert, was sich seitdem entwickelt hat. Alicja seufzt. „Das sind schöne Sachen. Hoffentlich bleibt es so.“

Und wieder kommt eine Bestellung. Piroggen! Die Wirtin eilt zum Kühlschrank. „Pass auf, welche du nimmst“, mahnt Fred. Sonst könnte es Ärger geben.

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