72 Jahre Luftbrücke in Berlin: Noch Fragen, Kinder?
Am Mittwoch jährt sich das Ende der Berlin-Blockade vor 72 Jahren. Kinder haben da ein paar ganz grundsätzliche Fragen.

Guckt mal“, sage ich zu den beiden Kindern, 6 und 11 Jahre alt und überaus schlecht gelaunt, weil ich sie gerade vom Spielplatz im Mauerpark gepflückt habe und es heiß ist und die nächste Eisdiele zumindest nicht in Sichtweite, dafür aber die Gedenkstätte Berliner Mauer an der Bernauer Straße.
„Da, wo diese langen Eisenstäbe im Boden stecken, da stand mal die Berliner Mauer. Toll, oder? Können wir uns jetzt einfach angucken, manche machen dafür hier extra Urlaub in Berlin!“ Der Ältere weiß, dass Gedenkstätten Arbeit bedeuten, toll oder nicht, seine Laune bessert sich kein bisschen, und außerdem würde ich mich wiederholen, sagt er, weil ich das angeblich immer sage, wenn wir vor der Mauergedenkstätte stehen. Der Kleinere aber ist angefixt: „Wo war die Mauer?!“
Alles, was irgendwie mit dem Zweiten Weltkrieg und der Teilung Berlins zu tun hat, interessiert ihn gerade brennend. Vermutlich weil es ja auch echt hart ist zu verstehen: Da gab es mal eine Zeit, wo die Erwachsenen es wirklich für angebracht hielten, ein ganzes Land in zwei Hälften zu teilen, inklusive Besuchsverbot in die eine Richtung, aber nicht in die andere. Und dann auch noch dieser Oberschurke, dem alle irgendwie hinterhergelaufen sind, und der „zum Glück, Mama, zum Glück!“ den Krieg verloren hat, und an dem Punkt fangen die Eltern dann auch schon wieder mit der Mauer an.
Das muss aus Kindersicht eine echt irre Geschichte sein, deshalb hat das Kind auch grundsätzliche Fragen: Wieso sich die Amerikaner und die Russen eigentlich nicht mochten. Hatten sie nicht gerade noch irgendwie zusammen gegen die Nazis gekämpft? Was der Berliner Bürgermeister eigentlich zu bestimmen hatte, wo er doch irgendwo auch den Krieg verloren hatte? Und wieso die im Westen eine Weile lang so nett waren, Lebensmittel über Westberlin abzuwerfen, weil die Russen und Amerikaner ja irgendwie Streit hatten und obwohl die Deutschen ihnen gerade zuvor noch den Krieg erklärt hatten?
Kohle und Rosinen
Am Mittwoch jährt sich die Beendigung der Berlin-Blockade durch die Sowjetunion zum 72. Mal. Ein Jahr lang, von Juni 1948 bis zum 12. Mai 1949, hatten die Alliierten per Luftbrücke die eingemauerte Westberliner Bevölkerung mit Kohlen und Lebensmitteln versorgt. Es wird wieder ein Grußwort des Regierenden geben und eine Kranzniederlegung am Platz der Luftbrücke.
Und ob dieser einstudierten Rituale vergisst man ja manchmal, wenn man groß geworden ist, was das eigentlich für eine irre Geschichte ist, an die wir uns da heute erinnern dürfen.
Mit reinem Gewissen wissen
Auf taz.de finden Sie eine unabhängige, progressive Stimme. Frei zugänglich, ermöglicht von unserer Community. Alle Informationen auf unserer Webseite sind kostenlos verfügbar. Wer es sich aber leisten kann, darf – ganz im Zeichen des heutigen "Tags des guten Gewissens" – einen kleinen Beitrag leisten. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass guter, kritischer Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen
meistkommentiert
Koalitionsverhandlungen
Der SPD scheint zu dämmern: Sie ist auf Merz reingefallen
Parkinson durch Pestizide
Bauernverband gegen mehr Hilfe für erkrankte Bauern
Iranische Aktivistin über Asyl
„Das Bamf interessiert wirklich nur, ob du stirbst“
Anlegen nach dem Crash
Ruhe bewahren oder umschichten
Strafe wegen Anti-AfD-Symbolik
Schule muss Tadel wegen Anti-AfD-Kritzeleien löschen
Von Frankreich lernen
Wie man Rechtsextreme stoppt