50 Jahre Roma*-Emanzipationsbewegung: Zeit, um zusammenzukommen

Am 8. April wird 50 Jahre Emanzipationsbewegung der Roma* gefeiert. Doch gibt es einen Grund zu feiern, und für was muss heute gekämpft werden?

Ein Bild der Romaday-Parade: Delaine Le Bas und Hamze Bytyci mit Schild

Kurato­r*innen der Roma­-Bien­nale, Delaine Le Bas und Hamze Bytyci, bei der Roma­day­-Parade 2018 Foto: Nihad Nino Pusija

Am Donnerstag feiern wir 50 Jahre der weltweiten Emanzipationsbewegung der Roma*. Anlass dafür ist das Jubiläum des Ersten Welt-Roma*-Kongresses, der am 8. April 1971 in Orpington bei London stattfand. Doch was gibt es eigentlich nach fünf Dekaden zu feiern?

Während 1971 die Ak­ti­vis­t*in­nen für die Anerkennung des Genozids an den Sinti* und Roma* kämpften, müssen wir 2021 dafür kämpfen, dass das viel zu spät eingeweihte Denkmal für die ermordeten Sinti* und Roma* Europas in Berlin-Tiergarten unberührt bleibt. In den Augen des Berliner Senats, des Deutschen Bundestags und der Deutschen Bahn – der Nachfolgeorganisation der Reichsbahn, die mit Transporten in die KZs Geld verdiente – steht das Denkmal zur Disposition und soll womöglich dem Bau einer ­S-Bahn-­Linie weichen. Es wurde als Ausdruck der Anerkennung des NS-Völkermords an den Sinti* und Roma* Europas und der deutschen Verantwortung für die Geschichte, aber auch die Gegenwart dieser Minderheit in Europa errichtet. Doch wird diese jetzt zurückgenommen?

Stellt euch vor, ihr habt die Möglichkeit, bei Harry Potter mitzumachen. Kennt ihr noch die Szene, wo er zum Gleis 9 ¾ kommen soll? Er rennt quasi bildlich gegen die Wand. Aber wie wir wissen, das führt zu was. Nicht immer, aber in diesem Fall schon.

So oder so ähnlich muss es wahrscheinlich auch vor 50 Jahren in Orpington gewesen sein. Ihr rennt also gegen die Wand und landet im Cannock House, einem Schulgebäude. Vielleicht passt auch hier der Vergleich, denn vom 8. bis zum 10. April 1971 wurde es in eine Art Hogwarts der Zeitgeschichte verwandelt. Von diesem Ort ging die internationale Bewegung der Roma* aus. Die Rede ist hier vom Ersten Welt-Roma*-Kongress, an dem Ver­tre­te­r*in­nen von Roma* und Sinti* aus West- und Osteuropa teilnahmen mit dem Ziel, mit einem neuen Selbstbewusstsein der Welt gegenüberzutreten und für Gleichberechtigung zu kämpfen. Kei­ne*r von ihnen ist als Dumbledore auf die Welt gekommen, doch mit dem Kampf gegen Antiziganismus haben sie es gleich mit einem Gegner der Größe von Lord Voldemort aufgenommen.

Anerkennung des Genozids

Aber immer der Reihe nach. Der Porajmos, wie der NS-Völkermord an den Roma* und Sinti* genannt wird, war zu dem Zeitpunkt über 25 Jahre her, doch immer noch nicht als solcher anerkannt. Im Gegenteil: Die Überlebenden mussten sich täglich ihren Pei­ni­ge­r*in­nen aussetzen: ob in der Schule, beim Arzt oder in Behörden. Nicht nur in Deutschland, auch überall sonst gab es Tä­te­r*in­nen und Mit­läufer*in­nen, die ihre eigenen Nach­ba­r*in­nen teilweise bereitwillig verraten hatten.

Hamze Bytyci, 1982 in Prizren, Kosovo, geboren, ist Theaterpädagoge, Kurator sowie Vorsitzender des Vereins RomaTrial. Seit 2016 ist er Mitglied des Landesvorstands der Linken Berlin.

Roma-Biennale Die zweite Roma-Biennale (8. April bis 24. Ok­tober) findet unter dem Mot­to WE ARE HERE! mit 50 Künst­ler*in­nen in 5 Kapiteln statt. Hamze Bytyci und Delaine Le Bas sind die Ku­ra­to­r*in­nen der Biennale, die gemeinsam vom Verein RomaTrial und dem Gorki Theater veranstaltet wird. Infos unter: roma-biennale.com

ROMADAY-Parade Unter dem Motto #DasDenkmalBleibt startet die Parade um 15 Uhr mit einer Kundgebung am Denkmal für die ermordeten Sinti* und Roma*.

Jubilee World Roma Congress Anlässlich des 50. Jubiläums nehmen Ak­ti­vis­t*in­nen weltweit an einem einmonatigen Onlinekongress im virtuellen Romanistan teil. Infos unter: romanistan.com

Natürlich war also die Anerkennung des Genozids an den Sinti* und Roma* eine der wichtigsten Forderungen des Kongresses von 1971. Um mit dem Bild von Harry Potter zu schließen: Hier saßen ein paar Zauberlehrlinge vor dem Feuer – aus Protest gegen die fehlende Holocaust-Anerkennung wurde ein Zelt aufgestellt und anschließend verbrannt – und waren auf der Suche nach Zaubertricks und Formeln.

Die Schlüsselformel hieß „Roma*“ – als die vom Kongress gewählte Selbstbezeichnung, die alle anderen rassistischen Fremdbezeichnungen zukünftig ersetzen sollte. Als Zauberzirkel braucht man auch ein Wappen. Wieso also nicht gleich eine Roma*-Fahne mit den Farben blau für den Himmel, grün für die Erde und am besten noch mit einem roten Chakra-Rad für die Wurzeln und die lange Wanderung der Roma*.

Jetzt fehlt nur noch ein „Abrakadabra“, um das Wunder zu vollenden. Somit entstand die internationale Roma*-Hymne „Djelem Djelem“. Sie handelt von dem langen Weg der Roma*, von dem Leid und der „schwarzen Legion“, also der SS, die etwa eine halbe Million Sinti* und Roma* vernichtete. Aber auch von dem Moment der Emanzipation: „Steht auf, Roma*, die Wege sind für uns offen“, heißt es zum Schluss des Liedes. Wir dürfen nicht vergessen: Es war die Zeit des Kalten Kriegs und des Eisernen Vorhangs.

50 Jahre später – und jetzt?

Mein persönliches Fazit 50 Jahre später: Während das ehemals geteilte Europa zusammengewachsen ist, zersplitterte die Roma*-Bewegung in tausend Stücke. Große Gön­ne­r*in­nen tingeln durch die Welt und versprechen das Allheilmittel – doch dass Entwicklungshilfe ein zweischneidiges Schwert ist, muss ich nicht lange erklären. Die wenigen Roma*, die in Südosteuropa einen Job haben, arbeiten zu mehr als der Hälfte in geförderten Projekten. Nicht dass ich es den Menschen nicht gönnen würde, aber wer hat denn schon Lust, ein Problem zu lösen, wenn man dadurch den eigenen Arbeitsplatz überflüssig macht? Von der Bürgerrechtsbewegung blieb trotzdem eine Menge übrig, denn die Nöte bleiben. Je­de*r tut, was sie oder er kann – vereint oder eben nicht.

Die Leute, die nach Deutschland als Gast­ar­bei­te­r*in­nen gekommen sind, haben das sicher nicht wegen des tropischen Klimas getan. Die, die wegen der Balkankriege hierhergeflohen sind, haben es sicher nicht aus hedonistischen Gründen getan. Die Bombardierung Kosovos war der erste Angriff, an dem Deutschland beteiligt war nach dem Zweiten Weltkrieg. Aber darüber reden wir heute nicht mehr, quasi Schwamm drüber.

Und was macht Deutschland doch bloß mit den neuen „EU-Zu­wan­de­rer*in­nen“? Die sind wie eine Plage, hier und überall. Zum Glück kann man die Nachfahren der letzten Sklav*in­nen aus den alten Fürstentümern Moldawien und Walachei zumindest in die heutige Republik Moldau abschieben. Egal ob im Rollstuhl, ob hochschwanger oder mit einem Stomabeutel in der Hand. Den Roma* dort geht es blendend, gesundheitlich sowieso. Und Corona herrscht in der Republik sicher auch nicht.

Minderheiten, die hier geschützt werden, sind die Friesen, die Dänen, die Sorben und die nationale Minderheit der deutschen autochthonen Sinti* und Roma*. Also diejenigen, die schon vor 1945 in Deutschland lebten und es bis nach 1945 auch geschafft haben. Als wären woanders keine Roma* von den Faschisten umgebracht worden.

Zum Glück gibt es Allies

Wir sind viele im Land der Tä­ter*in­nen. Und alle unterschiedlich. Irgendwie auch nachvollziehbar, dass sich die einen ihr hart erkämpftes Integrationsmonopol nicht nehmen lassen wollen, vor allem wenn wir uns die allgegenwärtige rassistische Struktur der Unterdrückung vor Augen führen. Diejenigen, die etwas länger hier waren, hatten den Durchblick in diesem Land, die anderen waren noch blind.

Es gab zum Glück immer wieder ­Allies: die Gesellschaft für bedrohte Völker oder die Liga für Menschenrechte. Aktuell sind es selbst organisierte Gruppen wie das Aktionsbündnis Antira ABA, Migrantifa, We’ll come united oder das Theater X in Berlin – und natürlich viele Einzelpersonen!

Und eigentlich wären sowohl das 50-jährige Bewegungsjubiläum und auch die aktuelle Bedrohung des Berliner Denkmals für die ermordeten Sinti* und Roma* Europas zwei sehr gute Gründe, um wirklich zusammenzukommen. Dass man sich nicht mal darauf so richtig einigen kann, hätten sich die Zauberlehrlinge wohl nicht vorgestellt.

Im Jahr 1992 wurde versprochen, dass es das Mahnmal geben soll. Und kurze 20 Jahre später war es da, gestaltet von dem israelischen Künstler Dani Karavan, 2012 festlich eingeweiht von Bundespräsident, Bundeskanzlerin und anderen Würdenträger*innen. Angela Merkel hat eine sehr tolle Sonntagsrede gehalten, von Menschenwürde, die unantastbar ist, und von dem Versprechen, dass sie für alle gilt. Da gab es einen Vogel, der einen Zwischenruf wagte, ob dies auch für die Abgeschobenen gelte. Aber an den erinnere ich mich nicht mehr so gut.

Aber auch er hat sich nicht vorstellen können, dass nicht mal 10 Jahre später dieses Versprechen beiseitegeräumt werden kann. Darüber sprechen Ver­tre­te­r*in­nen des Staates nun mit Ver­tre­te­r*in­nen der deutschen Minderheit hinter verschlossenen Türen seit einigen Monaten.

Wer soll kritisiert werden?

Wieso werden Roma*, die nicht zur deutschen Minderheit gehören, nicht zu den Gesprächen eingeladen? Nichts Genaues weiß man nicht.

Und wen sollten wir hier kritisieren? Den Ansprechpartner der autochthonen Minderheit? Die Institution, der er vorsteht? Die Strukturen, die es ermöglichen oder gar befördern? Das Land Berlin? Den Senat? Verkehrssenatorin Regine Günther? Die Nachfolgeorganisation der Reichsbahn? Den Bundestag? Den Ältestenrat des Bundestags?

Wir wissen es nicht! Und die Moral von dieser Geschicht? Doch nicht etwa: Hast du einen Fahrschein oder nicht? Im Ernst: Wir haben mit Hermann Hesses „Stufen“ angefangen, und vielleicht kann dieses Gedicht auch Hoffnung geben:

Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise / Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen; / Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise, / Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen

Transparenzhinweis: In einer früheren Version dieses Artikels wurde indirekt der Zentralrat der Deutschen Sinti und Roma im Zusammenhang mit dem Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma Europas mit dem Vorwurf der Korruption diffamiert. Es gibt keine Grundlage für eine solche Unterstellung. Wir bedauern den Fehler und bitten den Zentralrat und unsere Le­se­r*in­nen um Entschuldigung.

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